Egon Becker, SDS

* 2. November 1936 in Niederauerbach (Zweibrücken))

Wissenschaftlicher Assistent im Institut für Theoretische Physik seit Sommersemester 1968 bis 1969; Vertreter im Rat der Nichthabililitierten. Vorkämpfer für eine Drittelparität.

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Egon Becker anlässlich der Feier zu seinem 80. Geburtstag am 18. November 2016 im Gästehaus der Goethe-Universität Frankfurt am Main (Foto: ISOE)

Auszug aus Wikipedia:

1958 war Egon Becker Gründungsmitglied des Darmstädter Sozialistischen Deutschen Studentenbundes (SDS) und blieb dem Verband bis zu dessen Auflösung verbunden. 
Becker ging nach Frankfurt, weil ihm von dem gerade zum Professor für Theoretische Physik an der Goethe-Universität berufenen Peter Fulde eine Stelle als wissenschaftlicher Mitarbeiter in einem Forschungsprojekt zur Festkörperphysik angeboten und die Habilitation in Aussicht gestellt worden war. Becker nahm dieses Angebot an. Neben seiner Arbeit in Frankfurt kam es zu Forschungsaufenthalten in Grenoble und Nottingham.

Nach seiner Rückkehr aus den USA beließ es Becker jedoch nicht bei einem ausschließlich wissenschaftsbezogenen Engagement. Er wurde bald zum Sprecher der Nichthabilitierten und zu deren Vertreter im Senat der Goethe-Universität gewählt. Dort vertrat er, bei seinem bisherigen Werdegang nicht verwunderlich, hochschulpolitische Positionen, die auf eine Demokratisierung der Hochschule zielten. Drittelparität war die Forderung der Stunde, aber darüber hinausgehend auch ein anderes Verständnis von Wissenschaft, in dem sich die Universität und die dort betriebene Wissenschaft selber zum Gegenstand der Reflexion machen sollten. Ausgehend von den Postulaten der Kritischen Theorie im Positivismusstreit galt die Kritik der „als wertfrei auftretenden institutionalisierten Wissenschaft“, von der von studentischer Seite und von großen Teilen des akademischen Mittelbaus behauptet wurde, sie begebe sich mit dem Verzicht auf eine wertende Stellungnahme „der Möglichkeit, wissenschaftliche Rationalität in den Bereich gesellschaftlicher Normen und politischer Entscheidungen hineinzutragen und nehme damit immer schon Partei für die etablierten Mächte. Daraus wurde die Forderung abgeleitet, daß Wissenschaft die Funktion der gesellschaftlichen Aufklärung wahrnehmen und daß einzelne Wissenschaftler diese Funktion als eine gesellschaftliche Verantwortung bewußt übernehmen solle.“

Dass Becker mit einem derartigen Wissenschaftsverständnis auf heftigen Widerstand in dem mehrheitlich von Professoren besetzten Senat der Universität stoßen und sich dem Vorwurf des Filibusterns und des an den Professoren begangenen Zeitdiebstahls aussetzen musste, könnte als übliche Begleitmusik in hochschulpolitischen Auseinandersetzungen durchgehen. Doch für Becker führte es direkt zu negativen Folgen in seinem unmittelbaren Arbeitsumfeld.

Egon Becker war von Yale her von einem kollegialen Umgang geprägt, der auf gegenseitigem Respekt beruhte und nicht auf der Position in einer hierarchischen Struktur. Am Institut für Theoretische Physik in Frankfurt traf er jedoch auf das genaue Gegenteil – und das vor allem bei dem gleichaltrigen Ordinarius Peter Fulde und dessen wenig älterem Kollegen Walter Greiner. „Amtsautorität zählt hier mehr als sachliche Argumente. Die damals noch recht jungen Ordinarien versuchen mit allen Mitteln, das Institut gegen die Einflüsse und Wirren der Studentenbewegung abzuschirmen.“ In diesem Aufeinandertreffen zweier Kulturen avancierte Becker schnell zu einem Beispiel dafür, dass „Assistenten, die Standesinteressen vertraten oder sich sonst politisch engagierten [..] oft genug erfahren [mussten], daß ihre Vorgesetzten für solchen Eifer wenig Verständnis zeigten“. Er musste „den Lehrstuhl für Theoretische Physik verlassen, weil der Physik-Ordinarius Peter Fulde ihm seinen befristeten Anstellungsvertrag nicht verlängerte – wie Fulde sagt ‘aus wissenschaftlichen und persönlichen Gründen’.“

Für den Universitätschronisten Hammerstein, der sich erkennbar Fuldes und Greiners Sichtweisen des Konflikts zu eigen machte, ist Becker jemand, der sich mutwillig seinen wissenschaftlichen Verpflichtungen entzog, um Politik zu machen – schlimmer noch: Politik in eigener Sache.

„Becker, als Vorsitzender des Rats der Nichthabilitierten, machte daraus eine öffentliche Angelegenheit. Er verfasste nicht nur Flugblätter in eigener Sache, er informierte die Presse, dass er aus politischen Gründen der Universität verwiesen werde, und mobilisierte Nichthabilitierte in einigen Fakultäten, gegen seine Entlassung zu protestieren. Dem schlossen sich nicht allzu viele an. Es gab Vollversammlungen, denen Becker vorsaß, bei denen Resolutionen auch an die Adresse Wiesbadens verabschiedet wurden. Becker wusste als erprobter Redner immer wieder seinen Fall als Beispiel für undemokratisches, die anstehende Reform bekämpfendes und Abhängige unterdrückendes Ordinariengehabe darzustellen. Ihm schien es nicht problematisch, sein politisches Mandat für sein persönliches Fortkommen zu nutzen. Misstrauen zwischen manchen Assistenten und ihren Professoren garantierte in diesen erregten Jahren jedem Gerücht und jeder Behauptung Plausibilität.[36]

Für Hammerstein ist klar, dass der von ihm so bezeichnete »Fall Becker« „die Situation der Universität in der Öffentlichkeit nicht gerade stärkte“ und „Parteigänger Beckers, meist fachfremd,“ in Fuldes und Greiners Veranstaltungen eindrangen und Diskussionen einforderten. Das, worum es bei diesen Diskussionsverlangen ging, die er aus einer nicht näher bezeichneten Quelle zitiert, ist für den Historiker Hammerstein bedeutungslos: Die „Entwicklung des selbstständigen wissenschaftlichen Arbeitens und der Kritikfähigkeit der Studenten“, die Beteiligung der Studenten bei der „Vorbereitung und inhaltlichen Durchführung der Lehrveranstaltungen“, „Fragen des Zusammenhangs zwischen naturwissenschaftlicher Forschung und an Profitmaximierung orientierten privaten Interessen“, sind für Hammerstein anscheinend keiner Auseinandersetzung wert, denn für ihn waren das alles nur „Probleme, die den seinerzeitigen Mitgründer des SDS an der Darmstädter TH interessierten und denen er auch weiterhin wortreich nachgehen wollte.“[36] Mit Erfolg, wie Thomas Kluge die Folgen beschreibt, die sich für Becker aus dieser Auseinandersetzung ergaben.

„In dieser Interventions- und Umbruchssituation hat sich für Beckers Biographie und Laufbahn etwas Entscheidendes ereignet: Er versucht jetzt seine wissenschaftliche Arbeit und seine politischen Aktivitäten nicht mehr äußerlich auseinanderzuhalten. Vielmehr machte er neben der Physik auch das Verhältnis von Wissenschaft und Gesellschaft zum Thema seiner universitären Tätigkeit; und er beginnt gleichzeitig mit dem Versuch, Physik und andere Naturwissenschaften aus einer philosophischen und soziologischen Perspektive zu betrachten. Was bisher lediglich als sein persönliches Problem erschien, wird jetzt zu einer mit Anderen geteilten politischen und intellektuellen Herausforderung. Auf diese Weise hat sich ein wichtiger Kristallisationskern für zahlreiche neue Aktivitäten herausgebildet.[4]

Als gewählter Vertreter der Nichthabilitierten im Senat der Universität und als Vorsitzender des Rats der Nichthabilitierten war Becker vorerst unkündbar, und es musste eine Beschäftigungsmöglichkeit für ihn innerhalb der Universität gefunden werden. Dazu Hammerstein: „Becker wurde an der Abteilung für Erziehungswissenschaften als Mitarbeiter beschäftigt, da es in dieser explosiven Situation nicht denkbar war, eine Entlassung aus universitären Diensten auszusprechen.“[36]

Tatsächlich bestand die Lösung, die schließlich mit Unterstützung des neuen Hessischen Kultusministers Ludwig von Friedeburg zustande kam, in der Einrichtung einer Arbeitsstelle Hochschuldidaktik, die der damals noch existierenden Abteilung für Erziehungswissenschaften (AfE) formal angegliedert wurde. Die AfE war eine der Universität nur assoziierte Ausbildungsstätte für Grund-, Haupt- und Realschullehrer. Die Arbeitsstelle hatte zunächst lediglich zwei Mitarbeiter: Egon Becker als wissenschaftlicher Assistent und eine Sekretärin. Der Kanzler der Universität, Achaz von Thümen[37], stellte dafür einige Räume in einem alten Gebäude neben der Stadt- und Universitätsbibliothek sowie bescheidene Mittel für den Aufbau einer Fachbibliothek zur Verfügung.

Nach der Neuorganisation der Goethe-Universität und der Integration der AfE in die neu gebildeten Fachbereiche im Jahre 1971 wurde die Arbeitsstelle als Arbeitsbereich Wissenschafts- und Hochschuldidaktik dem ebenfalls neu errichteten fachübergreifenden Didaktischen Zentrum (DZ) der Goethe-Universität zugeordnet und finanziell, personell und räumlich wesentlich besser ausgestattet. 1972 erfolgte Beckers Berufung auf eine Professur für Wissenschafts- und Hochschulforschung im Fachbereich Erziehungswissenschaften der Goethe-Universität. Sein DZ-Arbeitsbereich wurde zu einer selbständigen Arbeitsgruppe Wissenschafts- und Hochschulforschung im Fachbereich Erziehungswissenschaften.

Der Wechsel von der Physik zur Wissenschafts- und Hochschuldidaktik bedeutete fraglos für Becker einen tiefen biographischen Einschnitt. Doch er musste sich nicht neu erfinden, denn er konnte unmittelbar an die Fragestellungen anknüpfen, die ihn zuvor in Konflikt mit seinen früheren Ordinarien gebracht hatten. Hochschuldidaktik war damals eine Chiffre, hinter der sich verschiedene Ansätze zur Kritik universitärer Forschungs- und Ausbildungsprozesse vereinten und ihre entschiedensten Verfechter fanden sich in der Bundesassistentenkonferenz (BAK) zusammen, in der sich auch Becker engagierte. Als Vertreter der BAK arbeitete er von 1969 bis 1972 in den Planungsgruppen Lehrerausbildung und Physik der neu gegründeten Universität Bremen mit und beteiligte sich an der Konzeption eines Projektstudiums.

Nur am Rande spielte in jenen Jahren das eine Rolle, was allgemein mit dem Begriff Didaktik assoziiert wird: der Vermittlungsaspekt, d. h. die Planung und Durchführung von Unterricht und Lehrveranstaltungen. Vielmehr ging es um Hochschuldidaktik als Rationalisierungsstrategie und als Projektwissenschaft mit emanzipatorischem InteresseDidaktische Strategien der Studienreform oder auch um Strategien der Bildungsproduktion.[38], wobei Hochschuldidaktik stets als „Kritik technokratischer und idealistischer Konzepte von Studienreform“ begriffen wurde[39], die als Handlungsforschung „in der Form von ‘empirischer Sozialforschung als politische Aktion’ betrieben werden“ sollte.[40]