Iring Fetscher

Fetscher wird am 6. August 1963 zum ordentlichen Professor ernannt und auf den Lehrstuhl Politische Wissenschaften II der Wirtschafts- und Sozialwissenschaften der Frankfurter Universität zugewiesen. – * 4. März 1922 in Marbach am Neckar; † 19. Juli 2014 in Frankfurt am Main.

Zu 90% bestehen seine Studenten aus Lehramtskandidaten, die als erstes oder zweites Fach Deutsch, Geschichte oder Englisch haben, also Fächer aus Philosophischen Fakultät.

Die Auseinandersetzung mit eigener Schuld

Iring Fetscher Nazizeit
Hoffmann und Campe 1995

Mit seiner Zeit als Offizier in der Wehrmacht setzt sich Fetscher 1995 in seinem autobiografischen Werk Neugier und Furcht. Versuch, mein Leben zu verstehen auseinander. Er bestätigt, seinen Weg vom ehrgeizigen Artillerieleutnant zum demokratischen Kriegsgegner gegangen zu sein. Er habe sich von dem „Glanz“ des Offiziersdaseins blenden lassen und sei darauf bedacht gewesen “ Ruhm und Ehre“ zu gewinnen. Es habe ein, zwei Jahre gedauert, bis ihm diese Illusion vergangen sei. Schließlich bekennt er:

„Sosehr jeder dazu neigt, sein Leben und seine Entwicklung als sinnvolles Ganzes zu begreifen, sowenig kann ich das von dem meinen behaupten. Der ängstliche und schüchterne Knabe, der sportbegeisterte, Nietzsche lesende Jugendliche, der ehrgeizige Offizier, der nachdenklich gewordene Einheitsführer, der überzeugte Antinazi und Demokrat – sie sind ebenso viele Aspekte meines Ichs, die einander abgelöst haben. Von fast allen mag ein Stück davon in mir zurückgeblieben sein. Alle muß ich als Teile meiner widerspruchsvollen Entwicklung akzeptieren. Es gibt keinen anderen Weg, um mein Lebe zu verstehen.“

Iring Fetscher, Neugier und Furcht. Versuch, mein Leben zu verstehen, Hoffmann und Campe, 1995

Im seinem Erinnerungsbuch „Zwischen Universität und Politik“ thematisiert Fetscher schließlich sein Leben ab seiner Berufung (1962) bis zu seiner Emeritierung (1988) an der Johann-Wolfgang-Goethe-Universität zu Frankfurt am Main. In diesen Zeitraum fällt seine Beschäftigung mit dem Dritten Reich, der DDR, den Studentenunruhen, der RAF und den neuen sozialen Bewegungen.

Der Beginn an der Frankfurter Universität noch mit Barett und Talar

Fetscher erinnert sich fast wehmütig an seine Frankfurter Antrittsvorlesung:

Die beiden ersten Dekane -Professor Priebe 1962/63 und Professor Rüegg 1963/64 -standen mir vom Lehrgebiet her relativ nahe (was ich im Falle der Agrarpolitik allerdings leider erst später entdeckte, als ich mich für ökologi­sche Fragen zu interessieren begann). Meine Antrittsvorlesung erfolgte relativ spät. Sie wurde noch in feierlicher Form, im Talar, vollzogen. Herr Rüegg hielt eine sehr schöne Einleitungsrede -es war ein Stück Abschied von der alten Fakultät und Universität, denn wenige Jahre später kamen die großen Umstel­lungen, denen auch der Talar zum Opfer fiel. Ich wußte damals nur nicht genau, ob man bei der Antrittsvorlesung das Barett aufbehält oder absetzt (ich glaube, man behielt es anfangs auf und setzte es nach der Einleitung ab).“

Iring Fetscher, Die Zäsur der sechziger Jahre, Seite 220 ff., in Bertram Schefold, Wirtschafts- und Sozialwissenschaftler in Frankfurt am Main, Metropolis-Verlag für Ökonomie Gesellschaft und Politik GmbH (Verlag, 2014

Fetscher und die Frankfurter Studentenbewegung

Fetscher und Carlo Schmid

Fetscher hebt ausdrücklich hervor, dass er freundschaftlich mit Carlo Schmid verbunden ist. Allerdings bemängelt er dessen “ historisch-ästhetische“ Vorstellung von Politikwis­senschaften. Diese Haltung habe es ihm erschwert, sich im Verlauf der Auseinandersetzungen mit den Studenten zu verständigen. Zitat:

Schon zwischen unseren Assistenten gab es Kontakte und Freundschaften. So habe ich beispielsweise, wenn ich als Gut­achter der damaligen Abteilung für Erziehungswissenschaften gefragt wurde, die Mitarbeiter von Carlo Schmid um Hilfe gebeten. Wir sahen uns auch pri­vat. Carlo Schmid war außerordentlich bescheiden, was seinen Anspruch als Wissenschaftler anbelangt. Immer sagte er, daß er auf diesem Gebiet seit vielen Jahren nur noch >dilettierend< tätig sei. Er war ein faszinierender Redner, aber keine große Erleichterung bei der Ausbildung der Studenten, da er im wesentli­chen Veranstaltungen anbot, die in den Bereich der Geschichte der politischen Theorien gehörten, insbesondere Macchiavelli (seine Lieblingsvorlesung). Gerade denjenigen Teil der Politikwissenschaften, für den er aufgrund seiner Tätigkeit im Parlament und in der Regierung besonders qualifiziert gewesen wäre, nahm er mir leider nicht ab. Auch über seine Pionierleistung, die Herbei­führung der deutsch-polnischen Versöhnung, hätte er reden können. Er hatte aber eine historisch-ästhetische, keine praxisnahe Vorstellung von Politikwis­senschaften. Das war schade, weil der Vorteil eines aktiven Politikers auf einem solchen Lehrstuhl damit nicht genügend genutzt wurde. Carlo Schmid selbst allerdings fand besondere Freude daran, an der Universität einmal nicht mit der unmittelbaren politischen Routine konfrontiert zu werden. Seine Haltung erschwerte es ihm, während der Studentenrevolte zu einer Verständigung zu gelangen.“

Iring Fetscher, Die Zäsur der sechziger Jahre, Seite 223., in Bertram Schefold, Wirtschafts- und Sozialwissenschaftler in Frankfurt am Main, Metropolis-Verlag für Ökonomie Gesellschaft und Politik GmbH (Verlag, 2014

Fetscher und das politische Mandat der Studentenschaft als Zwangskörperschaft

Fetscher meint, die öffentliche Kritik am politischen Mandat der Studentenschaft sei wenig überzeugend. Jedoch verzichtet er darauf, das im Hochschulgesetz verankerte Verbot zu behandeln, das den einzelnen Studenten davor schützt, dass die Zwangskörperschaft Studentenschaft außerhalb ihres gesetzlichen Aufgabenbereichs sich für ihn politisch zu äußern. Zitat:

„Ich erinnere mich, daß mein Lehrer in Tübingen, Professor Theodor Eschen­burg, ganz strikt gegen ein politisches Mandat der Studentenschaft gewesen war. Er begründete es damit, daß der AStA eine Zwangskörperschaft sei. Der AStA habe somit kein Recht, zu Fragen, die nicht die Interessen der Studenten unmittelbar berühren, Stellung zu nehmen. Studenten wollten das jedoch nie so sehen, sondern haben immer ein politisches Mandat für sich in Anspruch genommen. Ich fand die öffentliche Kritik am politischen Mandat der Studen­ten wenig überzeugend, vor allem weil sie immer nur dann erfolgte, wenn die Optionen, für die sich die Studenten engagierten, konservativen Zeitungen mißfielen. Es wurde z.B. nichts dagegen eingewandt, wenn die Studenten für die Wiedervereinigung oder anläßlich des 17. Juni mit Fackelzügen auf die Straßen gingen; aber in dem Moment, wo sie weitergehende soziale oder politi­sche Veränderungen verlangten oder linke Positionen artikulierten -z.B. die Komplizenschaft der Bundesrepublik im Vietnamkrieg behaupteten -, wurde ihnen das Recht auf ein politisches Mandat abgesprochen. Theodor Eschen­burg war da viel konsequenter. Er war der Meinung, daß auch die >staatsbür­gerlich sympathischen< Engagements nicht erlaubt werden dürften.“

Iring Fetscher, Die Zäsur der sechziger Jahre, Seite 223., in Bertram Schefold, Wirtschafts- und Sozialwissenschaftler in Frankfurt am Main, Metropolis-Verlag für Ökonomie Gesellschaft und Politik GmbH (Verlag, 2014

Nachruf vom 20. Juli 2014
Der Politikwissenschaftler Iring Fetscher ist tot. Der berühmte Marxismus-Forscher und einstige Berater von Willy Brandt starb am Samstag im Alter von 92 Jahren in einem Frankfurter Krankenhaus. Das berichtet seine Familie.

„Iring Fetscher hat das akademische Klima und die Umgangsformen an der Goethe-Universität, der er bis zur Emeritierung 1987 treu geblieben ist, in hohem Maße mitgeprägt. In der Zeit der Studentenbewegung ebenso wie in der anschließenden Phase studentischer Aktivistengruppen. Dabei hat er sich darum bemüht, den akademischen Freiraum nach beiden Seiten offen zu halten: zur offenen und engagierten Auseinandersetzung über politische Fragen, aber auch zur Arbeit an den Thema, denen seine Lehrveranstaltungen gewidmet waren. Das war nicht immer einfach und setzte großes taktisches Geschick und Fingerspitzengefühl voraus. Beides hat Fetscher in dieser Zeit immer wieder gezeigt.“

Nachruf von Prof. Münkler anlässlich Fetschers Tod.

Ihr Vater sei bis kurz vor seinem Tod noch wach und aktiv gewesen, sagt Caroline Fetscher, Publizistin und Redakteurin beim „Tagesspiegel“. In diesem Jahr erscheint seine Habilitation über Hegel in neuer Auflage. Fetscher, der in Frankfurt in der Nähe von Marcel Reich-Ranicki wohnte war mit dem im vergangenen Jahr gestorbenen Literaturkritiker auch gut befreundet.