22.04.1969: Das Busenattentat

Adorno als Institution ist tot“

Das sogenannte „Busenattentat“ am 22. April 1969 und das Tränengerücht

Formeller Beginn der Lehrveranstaltungen im Sommersemester 1969 ist der 14.04.1969. Adorno kündigt für Dienstag und Donnerstag jeweils von 16.15 bis 17.00 seine Vorlesung „Einleitung in dialektisches Denken“ an, die im Hörsaal VI stattfinden soll, sowie für 17.15 bis 19.00 Uhr ein sich hieran anschließendes Philosophisches Hauptseminar, das der Behandlung der in der Vorlesung thematisierten Fragen gelten soll. Zudem sieht er ein zweistündiges soziologischen Hauptseminar „Probleme des Strukturalismus“ vor.

Am Dienstag, den 22.4.1969 – in der zweiten Vorlesungsstunde – drängen sich im überfüllten Hörsaal rund fünfhundert Personen. Zwischenrufe wie „Nieder mit dem Denunzianten – Ordinarius“, „Nieder mit Adorno“ empfangen ihn als er pünktlich um 16.15 Uhr den Raum betritt. Er scheint völlig überrascht, läßt sich aber auf keine Diskussionen ein. (Später erklärt er der Frankfurter Neuen Presse, er habe eine Störaktion vermutet.[1]) „Soll meine Vorlesung nun stattfinden oder nicht?“, fragt er die Versammelten. „Ich gebe Ihnen fünf Minuten, die Fragen untereinander austragen zu lassen.“ Damit verläßt er das Rednerpult. Die Vorwürfe der „Basisgruppe Soziologie“, an deren Spitze Günther Amendt steht, richten sich vor allem gegen Adornos Haltung im Zusammenhang mit der Räumung des Instituts für Sozialforschung. Bereits vor der Vorlesung hat man diese Kritik auf einem hundertfach verteilten Flugblatt folgendermaßen formuliert:

„Bei einer Diskussion im Institut für Sozialforschung, mit der er (Adorno) sich nicht ganz einverstanden fühlte, holte er mit seinem Freund Ludwig einige Hundertschaften Polizei und ließ jeden der 76 Diskutierenden von diesen abtransportieren.“[2]

Adorno, wieder an das Mikrofon zurückgekehrt, erklärt dazu, er sei „nicht verstanden worden“. Zwischenrufe aus dem Plenum: „Dann drücken Sie sich deutsch aus, so daß man Sie versteht.“ Adorno erwidert, bei der Besetzung des Instituts für Sozialforschung im letzten Semester habe er erst dann als „Hausherr“ die Polizei gerufen, nachdem die Studenten seiner mehrmaligen Aufforderung, das Institut zu verlassen, nicht nachgekommen seien. Während er dies mitteilt, springen drei langhaarige Studentinnen in Lederjacken und Blue Jeans auf das Podium, bestreuen Adornos Kopf mit roten Blumen, umarmen ihn und versuchen ihn zu küssen, was einem der „Blumenmädchen“ auch gelingt. Schließlich entblößen sie ihre Busen. Adorno wehrt sich mit hochrotem Kopf, sträubt sich heftig, fuchtelt mit den Armen und befreit sich schließlich aus der Umklammerung. Mit zerzausten Haaren, seinen Mantel über den linken Arm, seinen Hut in der rechten Hand, verlässt er empört den Hörsaal. Rund 100 der anwesenden Studenten folgen ihm; der Rest diskutiert mit den Mitgliedern der Basisgruppe weiter. „Dummschwätzer“ bekommen sie immer wieder zu hören. Sie erwidern, man werde Adorno, „nicht mehr einfach reden lassen“, man müsse ihn „mit der neuen Realität konfrontieren“. Aus dem Plenum der noch immer anwesenden rund 900 Zuhörer erhebt sich daraufhin einer der Anwesenden und ruft unter stürmischem Beifall:

„Meine Kritik richtet sich nicht gegen die inhaltlichen Forderungen der Basisgruppe, aber daß hier Blumenmädchen Adorno küssen, ist nichts als das Eingeständnis, daß man ihm an Argumenten nichts entgegenzusetzen hat.“[3]

Die Diskussionen dauern noch bis 17.00 Uhr. Adorno selbst erscheint nicht mehr.[4] Eindringlich schildert und kommentiert Hans – Klaus Jungheinrich die Ereignisse im Verlauf der Veranstaltung:

Der überfüllte Hörsaal VI in der Frankfurter Universität  wurde zum Tribunal. Theodor W. Adorno, dessen philosophische Hauptvorlesung ‚Einführung in die Dialektik‘ angekündigt war, hatte den Saal noch nicht betreten, als bereits feststand: hier sollte abgerechnet werden. Die dem SDS nahestehende ‚Basisgruppe Soziologie‘ hatte zwei Handzettel ausgeworfen, in denen der Professor zur ‚Öffentlichen Selbstkritik‘ aufgefordert wurde und ihm das Recht abgesprochen wurde, ’sein Handeln mit dialektischem Geschwätz zu vertuschen‘. Fazit des Agitationsblattes: ‚Adorno als Institution ist tot‚. – Als Adorno kam, konnte von ‚Institution‘ keine Rede sein; ein einzelner arbeitete sich da zum Podium vor, zum Mikrophon, offensichtlich irritiert. Kaum hatte der Professor zum Reden angesetzt, als er durch ein unartikuliertes, auswendiggelerntes Statement vom hinteren Saalende unterbrochen wurde. Gleichzeitig war einer dabei, den Spruch ‚Wer nur den lieben Adorno läßt walten, der wird den Kapitalismus sein Leben lang behalten‘ an die Tafel zu malen. Noch einmal versuchte Adorno, zu Erklärungen anzusetzen. Flankiert von zwei baumlangen Opponenten, die ihm immer näher zu Leibe rückten, mochte er subjektiv den Eindruck physischer Bedrohung gewonnen haben. Ihren peinlichen und peinigenden Höhepunkt erreichte die Szene, als einige Mädchen den Professor umringten, ihm Nelken ins Gesicht warfen und eine unzweideutige Annäherungspantomime vollführten. Peinlich war dies nicht nur als dumme Anspielung, sondern auch als sichtlich einstudierte Vorführung. Nun war erreicht, was die Basisgruppe wohl gewünscht hatte: Adorno aus dem Saal gejagt, Studenten unter sich, um die Aktion zu diskutieren. – Diskutieren? Was wäre noch zu diskutieren gewesen, wo bereits präjudiziert worden war? Ein großer Teil des Auditoriums hatte Adorno hören wollen. Ein kleinerer, aktiver Teil hätte Adorno nicht einmal zugehört, wenn er wirklich zur ‚Selbstkritik‘ angesetzt hätte. Die Fronten sind klar. Der SDS wirft Adorno vor allem vor, daß er zusammen mit seinem Kollegen von Friedeburg einen Polizeieinsatz zur Räumung des besetzten Soziologeninstituts angefordert hat. Damit, so scheint es den ‚linken‘ Studenten, hat Adorno das Tischtuch zu den Praktikern der politisch bewußten Studentenbewegung zerschnitten. Indes: der Riß reicht tiefer. Er ist in Adornos Abstinenz gegenüber revolutionärer Praxis begründet. Der ‚kritische Theoretiker‘ sieht sich nicht in der Lage, als Messias einer aktiven, militanten Front antiautoritärer Intellektueller voranzuleuchten. – Das können die politischen Bewußtseinsveränderer Adorno nicht verzeihen: Er gab ihnen das kritische Vokabular zur dialektischen Gesellschaftsanalyse, ließ sie aber im – für sie – entscheidenden Augenblick allein: als es darum ging, Theorie in Praxis zu übersetzen. Wer die Adorno anmaßend oder moralisierend zum Vorwurf macht, wer auf der Theorie – Praxis – Korrelation bei Adorno insistiert, vergißt freilich eine andere, genauso wichtige Korrelation: die zwischen dem Denken des Professors und seiner Biographie. Adornos Skepsis gegenüber politischer Praxis resultiert nicht nur aus seinem Denkansatz, sondern auch aus dem ‚faschistischen Trauma‘ der Emigrantenzeit. Wer den Faschisten am eigenen Leib gespürt hat, wird notwendig allergisch gegen den kleinsten Anflug von Terror. Ohne Gewalt, ohne terroristische Momente sind die dem SDS vorschwebenden Umwälzungsprozesse aber undenkbar. Adorno weiter zur Weggenossenschaft zwingen zu wollen, wäre daher ein schlicht inhumanes Beginnen. – Heißt die Alternative nun lapidar, Adorno habe fortan gar nichts mehr zu sagen und solle gefälligst verschwinden? Warum denn das? Abgesehen davon, daß der SDS nicht monopolistisch darüber wird entscheiden können, ob die Studenten einen Professor hören wollen oder nicht, ist zu überlegen, ob nicht auch die Beibehaltung politischer Praxisnähe die Beschäftigung mit theoretischer Reflexion parallel zur Praxis und unabhängig von ihr gestaltet. Bis jetzt scheint es, als könnte die Mehrzahl der Protestierenden recht gut noch ein paar Semester Adorno vertragen. – Die Sprengung der Philosophie – Vorlesung, die vielleicht zur Folge hat, daß Adorno in diesem Semester überhaupt nicht mehr an der Frankfurter Universität  agiert, war jedenfalls für die Linken ein Eigentor. Das Anrüpeln Adornos signalisiert fürwahr keinen unbürgerlich – neuen Stil, wie ein Diskussionsredner apologetisch meinte, sondern ein vorbürgerliches, überhaupt vor – zivilisatorisches Rückfallen in Barbarei.[5]

Rudolf zur Lippe beschreibt die damalige Situation aus einer besonderen Perspektive:

Die erste Sitzung des Soziologischen Seminars von Adorno im Sommer­semester 1969. Ein moderner Hörsaal für mindestens fünfhundert Menschen war fast gefüllt. Also eher die Stimmung einer der großen Vorlesungen, wie sie durch die fünfziger und die sechziger Jahre Frankfurter Universitäts‑ und Stadtgeschichte gemacht hatten. Doch die Damen aus elegantem Frankfurter oder hessischem Hause blieben inzwischen fern. Die Atmosphäre war insofern versachlicht, als die gesellige oder gesellschaftliche Seite der beliebten Vorle­sungen berühmter akademischer Lehrer, wie ich sie selbst bei den Veranstal­tungen des wahrhaft trockeneren Historikers Conze in Heidelberg erlebt hatte, fehlte. Adorno dürfte schon als belastende Spannung empfunden haben, daß nun kaum jemand seinem Blick erwartungsvoll zu begegnen bereit war. Wie völlig unwiderstehlich war ihm immer der Anblick junger Damen gewesen. Einer hübschen Figur nachblickend hatte er früher, so wird noch heute erzählt, seine Ausführungen fortzusetzen aufgehört. Ich habe das nicht erlebt; nur, daß er in ganz ungeeigneten Situationen sich plötzlich zu einem Handkuß hinreißen ließ, offensichtlich, weil dies die einzig mit den Formen vereinbare Annäherung einer reizvollen weiblichen Erscheinung gegenüber schien. Jene Aktion, die ihn am heftigsten verletzte, hat darauf gezielt. Frauen wa­ren mit nackten Brüsten um sein Rednerpodium gegen ihn aufgetreten. Diese Brutalität in dem ihm Kostbarsten hat ihn zutiefst getroffen. Vielleicht ist auch eine Spur alter Scham dabei aufgebrochen.“[6]

Kurioserweise greift auch Marcel Beyer das „Busenattentat“ in seinem Bestseller „Das blindgeweinte Jahrhundert“ im Jahr 2017 auf und beschäftigt sich rätselnd mit der Frage, ob Adorno im Verlauf der Attacke in Tränen ausgebrochen sei oder nicht. Anlass dieser Frage ist für ihn ein dubioser Bericht in der Bayerischen Staatszeitung vom 01.02.2013 über einem Guido Knopp, der Chefhistoriker des ZDF, der als Student am 22.04.1969. die Vorlesung Adornos besucht hatte. Drei Studentinnen seien auf die Bühne gestürmt, hätten sich die Ledermäntel vom Leib gerissen und seien dann barbusig um den 65-Jährigen herumgehüpft. Adorno seien „Kullertränen aus den Augen herausgetropft. Adorno lässt die Tasche sinken und verlässt den Hörsaal. Nie wieder wird er an die Uni zurückkehren.“

In den Aschaffenburger Gesprächen mit dem dem Thema „Die 68er – Fluch oder Segen?“ präsentiert Guido Knopp am 20.04.2011 „als Augenzeuge der letzten Vorlesung Theodor Adornos“ im Fernsehsender „Phoenix eine abweichende „Tränenversion“.

Zitat:

„Liebe Leute, ich hab dazu eine Anekdote beizutragen: Ich war damals auch Student, 1. Semester 1968, letzte Vorlesung Adornos, Augenzeuge, drei Studentinnen des SDS stürmen zum Pult, ziehen ihre Pullis aus, darunter trugen sie natürlich nichts, denn damals galten Büstenhalter als reaktionär, die Damen bildeten einen Kreis, umtanzten Adorno, der war recht klein, sie waren groß, der ganze Hörsaal lachte, es war gemeint als Happening, aber er, der alte Mann  empfand das als Verhöhnung und Verspottung und er als Opfer des Nazideutschlands brach in Tränen aus und kam nie wieder in die Uni.“

In einem Interview mit der der FAS am 09.04.2017 kommentiert Marcel Beyer zu diese Knoppschen Phantastereien:

„Frage FAS:

Einer der Texte im Buch handelt von dem sogenannten Busenattentat auf Adorno am 22. April 1969, als Studentinnen in Frankfurt ihm ihre Brüste zeigten. Das ist eine berühmte Szene, die immer wieder beschrieben worden ist. In einer einzigen Beschreibung haben Sie den Hinweis gefunden, dass Adorno daraufhin in Tränen ausgebrochen sei. Und diese Beschreibung stammt ausgerechnet von dem ZDF-Historiker Guido Knopp.

Ob Theodor W. Adorno in der Situation, als ihm da zwei junge Frauen mit freiem Oberkörper gegenüberstanden, tatsächlich in Tränen ausgebrochen ist, interessiert mich weniger. Ich bin überzeugt, dass er keine Tränen vergossen hat, weil er einfach die Facon nicht verloren hat. Jemand mit Exilerfahrung und dem Gespür für die Strömungen die in Deutschland auch nach dem Nationalsozialismus präsent waren, demonstrativ sichtbar, als 1959 die Synagogen in Köln und Düsseldorf mit Hakenkreuzen beschmiert wurden –  so jemand, denke ich, würde den Deutschen nie den Gefallen tun, Tränen zu vergießen, wenn er bedrängt wird. Das wird gewissermaßen schon auf biochemischer Ebene verhindert. Denn wer weint, und auch das gehört zur deutschen Tränenhistorie wird natürlich erst recht totgeschlagen.

Frage FAS:

Was interessiert Sie dann?

Ich finde interessant, wie Guido Knopp seine Situation beschreibt. Er erzählt von diesem Erlebnis Ende der neunziger Jahre, als das Tränen-Management schon ein ganz anderes ist, wie ein investigativer Journalist. Guido Knopp erinnert sich, wie er sein Studium in Frankfurt aufnahm, allerdings ohne sich in den Kreis um Adorno zu begeben. Bilddramaturgisch würde man seine Figur im Hörsaal also eher irgendwo am Rand einer der oberen Reihen vermuten. Er aber berichtet, er habe ziemlich weit vorn gesessen. Er befindet sich näher am Geschehen als der Großteil der Zuhörer, und darum scheint seine Aussage eine größere Autorität zu haben. Er sieht das entscheidende Detail, über das sich die gesamte Situation aufschließen lässt. Dabei ist das ja eigentlich Unsinn.

Der Preis der Detailwahrnehmung ist das Fehlen der Übersicht – das Gesamtbild können immer nur andere liefern. Guido Knopp nimmt aber für sich in Anspruch, die Wahrheit zu sagen. Ja, und zwar in einem Zeitalter, in dem es technische Medien gibt. Guido Knopp nimmt die Position eines Fotografen ein, eines Kriegsberichterstatters. Aber er hat im Hörsaal gar keine Kamera dabei, er kann von der Situation nur erzählen. Superinteressant! Wenn die Medien grundsätzlich lügen, dann ist es sogar viel besser, dass er keine Kamera dabei hatte.

Frage FAS:

Sie meinen die technischen Medien?

Genau. Denn dann gibt er authentisch Auskunft darüber, dass Adorno authentisch Tränen vergossen hat. Indem er sagt: ,,Ich habe es gesehen!“ Nehmen wir mal an, er hätte eine Super-8-Kamera dabeigehabt, dann … … wäre es zu verifizieren. Vor allem hätte es nicht diese Intimität.

Frage FAS:

Und die Intimität ist gerade dort, wo es um Tränen geht, wichtig?

Ja. Und deshalb kann es auch nur einen einzigen Zeugen für Adornos Tränen geben. Würden hundert Menschen bezeugen, dass Adorno geweint hat, wäre die Intimität hin. Dann hätten wir es mit Theatertränen zutun. Wissen Sie was? Nachdem ich nun schon einige Male öffentlich, diese zweifelhafte Tränengeschichte auseinandergenommen habe, kommen Menschen auf mich zu und meinen: „Ja, Adorno hat aber doch geweint, das weiß man.“  Dreißig Jahre lang hat sich niemand an Tränen während des Busenattentats erinnert, aber in Zukunft wird der Zwischenfall nicht mehr ohne Tränen auskommen, denn der Platz für die ,,hochemotionale Szene“ ist mittlerweile fix reserviert.“

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Adorno teilt der Frankfurter Neuen Presse zwar auf Anfrage mit, er werde versuchen, seine Vorlesung zu halten. Die radikalen Störenfriede seien eine „relativ sehr kleine Minderheit“, die die überwältigende Mehrheit terrorisiere. Es komme nun darauf an, diese Mehrheit so weit ihre Kräfte sammeln zu lassen, daß sie sich der Radikalen erwehren könne, die sich in einer Art „kollektiver Neurose„ ihre Anhänger beliebig suche. Er weigere sich, den Propheten zu spielen und zu spekulieren, wie es weiter gehe.[7] Als allerdings für Donnerstag, den 24.4.1969, 16.15 Uhr im Hörsaal VI eine Gegenveranstaltung angekündigt wird, reagiert er schnell. Er weigert sich, erneut einen Versuch zu unternehmen. In einem an den Hessischen Kultusminister gerichteten Schreiben vom 24.4.1969, den er über den Dekan der Philosophischen Fakultät Rauter und den Rektor leitet, teilt er lapidar folgendes mit:

Da eine meiner Vorlesungen unter den widerwärtigsten Umständen gesprengt worden ist und die Abhaltung einer zweiten dadurch unmöglich gemacht, daß die aktionistischen Studenten in meinem Hörsaal und für die gleiche Zeit wie meine Vorlesung eine Plenarsitzung anberaumt haben, sehe ich mich nach Rücksprache mit dem Herrn Prorektor zu meinem größten Bedauern gezwungen, die Vorlesung auf unbestimmte Zeit ausfallen zu lassen. Da das philosophische Hauptseminar der Behandlung der in der Vorlesung thematisierten Fragen gelten sollte, ist durch die Störaktionen auch die Abhaltung des Seminars problematisch geworden, und das Seminar kann ebenfalls bis auf weiteres nicht stattfinden. – Mit vorzüglicher Hochachtung Theodor W. Adorno.“[8]

Der Dekan der Philosophischen Fakultät gibt dieses Schreiben mit dem Kommentar weiter, die Notwendigkeit, diese Veranstaltung abzusagen, scheine ihm gegeben; Zeugenaussagen bestätigten, daß es sich hier um die schwersten und widerlichsten Störungen gehandelt habe.[9] Die Presse und Informationsstelle der Universität veröffentlicht die Absage Adornos noch am selben Tag in einer Presseerklärung.[10]

[1] Diverses>FNP 23.04.69 „Adorno wollte sich nicht küs­sen lassen – Basisgruppe Soziologie sprengte mit Blumenmädchen eine Vorlesung“

[2] Diverses>FNP 23.04.69 „Adorno wollte sich nicht küs­sen lassen – Basisgruppe Soziologie sprengte mit Blumenmädchen eine Vorlesung“

[3] Diverses>FNP 23.04.69 „Adorno wollte sich nicht küs­sen lassen – Basisgruppe Soziologie sprengte mit Blumenmädchen eine Vorlesung“

[4] Diverses>24.04.1969>>FR: „Adorno als Institution ist tot – Wie der Bewußtseinsveränderer aus dem Hörsaal gejagt wurde“

[5] Diverses>24.04.1969>>FR: „Adorno als Institution ist tot – Wie der Bewußtseinsveränderer aus dem Hörsaal gejagt wurde“

[6] Lippe, Rudolf zur: Die Frankfurter Studnetenbewegung und Adorno. In: Kraushaar, Wolfgang (Hrsg.): Frankfurter Schule und Studentenbewegung. Band 3, Seite 119

[7] Diverses>FNP 23.04.69 „Adorno wollte sich nicht küs­sen lassen – Basisgruppe Soziologie sprengte mit Blumenmädchen eine Vorlesung“

[8] Bericht>24.04.1969>>Adorno an Kultusminister: Über Ab­bruch der Vorlesung und des Hauptseminars

[9] Brief>24.04.1969>>Dekan Philosophische Fakultät an Kultusminister: Zum Brief Adorno vom selben Tag

[10] Pressemitteilung>24.04.1969

Das Spiegelgespräch mit Adorno vom 5. Mai 1969

Zwei Wochen nach dem „Busenattentat“ äußert sich Adorno in einem Gespräch, das er mit dem Spiegel führt zu diesem Ereignis. Auf die Frage, ob man Gewalt gegen ihn angewandt habe, antwortet er:

Nicht physische Gewalt, aber es wurde ein solcher Lärm gemacht, daß die Vorlesung darin untergegangen wäre. Das war offensichtlich geplant.

Anschließend betont er:

„Ich habe in meinen Schriften niemals ein Modell für irgendwelche Handlungen und zu irgendwelchen Aktionen gegeben. Ich bin ein theoretischer Mensch, der das theoretische Denken als außerordentlich nah an seinen künstlerischen Intentionen empfindet. Ich habe mich nicht erst neuerdings von der Praxis abgewandt, mein Denken stand seit jeher in einem sehr indirekten Verhältnis zur Praxis. Es hat vielleicht praktische Wirkungen dadurch gehabt, daß manche Motive in das Bewußtsein übergegangen sind, aber ich habe niemals irgend etwas gesagt, was unmittelbar auf praktische Aktionen abgezielt hätte. Seitdem es in Berlin 1967 zum erstenmal zu einem Zirkus gegen mich gekommen ist, haben bestimmte Gruppen von Studenten immer wieder versucht, mich zur Solidarität zu zwingen, und praktische Aktionen von mir verlangt. Das habe ich verweigert.“

Als der Spiegel ihn daran erinnert, er habe einmal gesagt, die kritische Theorie solle ‚den Stein aufheben unter dem das Unwesen brütet‚; also sei es doch nicht unverständlich, wenn nun die Studenten mit diesem Stein werfen, reagiert er kategorisch und überdeutlich:

„Unverständlich ist es sicher nicht. Ich glaube, daß der Aktionismus wesentlich auf Verzweiflung zurückzuführen ist, weil die Menschen fühlen, wie wenig Macht sie tatsächlich haben, die Gesellschaft zu verändern. Aber ich bin ebenso überzeugt davon, daß diese Einzelaktionen zum Scheitern verurteilt sind; das hat sich auch bei der Mai-Revolte in Frankreich gezeigt.

Abschließend äußert er sich direkt zu den Ereignissen in seiner Vorlesung:

„Gerade bei mir, der sich stets gegen jede Art erotischer Repression und gegen Sexualtabus gewandt hat! Mich zu verhöhnen und drei als Hippies zurechtgemachte Mädchen auf mich loszuhetzen! Ich fand das widerlich. Der Heiterkeitseffekt, den man damit erzielt, war ja doch im Grunde die Reaktion des Spießbürgers, der Hihi! kichert, wenn er ein Mädchen mit nackten Brüsten sieht. Natürlich war dieser Schwachsinn kalkuliert.“