22.06.1969: Menschenjagd

Im Verlauf der Aktionen gegen die angebliche Kriegsforschung, die in Wirklichkeit niemals stattgefunden hat, kommt es zu einem prekären Zwischenfall:

Die Universitätsleitung befürchtet im Zusammenhang mit dem Teach-In und der Demonstration vor dem Battelle – Institut, es könnten auch gegen die Hochschule gerichtete Aktionen unternommen werden, was sich ja dann auch bestätigt. Um möglichst schnell reagieren zu können, beobachten Universitätsrat Riehn und dessen Mitarbeiter Assessor Roth aus gebührender Entfernung die Entwicklung der Ereignisse am Opel Kreisel. Als die Polizei gegen 19.15 Uhr die Demonstration vor dem Battelle – Institut aufgelöst hat und die Demonstranten sich in kleineren Gruppen in der Braunfelsstraße (Ecke Römerhof) sammeln, hören die beiden Beobachter im Vorübergehen, wie die Parole „Zurück ins Rektorat!“ ausgegeben wird. Sie beabsichtigen somit, schleunigst zur Universität zurückzukehren, um dort vorzuwarnen. In dieser Situation nähert sich ihnen eine Gruppe von 60 – 80 Demonstranten. Rufe ertönen: „Los hinter ihnen her!“. Sie stürmen auf sie zu und gruppieren sich halbkreisförmig um die beiden Opfer. Einige der Verfolger haken sich bei Riehn und Roth ein. Zurufe ertönen: „Wie könnt ihr euch bei diesen Schweinen auch noch einhaken?“ – „Laßt sie doch alleine laufen!“. Daraufhin lösen sich die Bedränger und folgen in einem Abstand von etwa 2 bis 4 Metern. Plötzlich fliegen Erdklumpen und Grasbüschel, die Riehn und Roth mehrfach treffen. Steine wirbeln in bedrohlicher Nähe über deren Köpfe hinweg. Roth berichtet, es habe sich um gezielte Würfe gehandelt. K.D. Wolff, der sich ebenfalls in der Verfolgergruppe aufhält, verteidigt die Aktionen. Er schmäht die beiden Opfer als „Büttel der Universitätsadministration“. Als Riehn spürt, daß sich die Situation bedrohlich zuspitzt, rennt er unversehens zur nicht weit entfernten, in die Innenstadt führende Heußallee und zwingt einen Lieferwagen, indem er auf die Straße springt, anzuzuhalten, der ihn dann mit in die Innenstadt nimmt. Der Verfolgergruppe gelingt es nicht, ihn daran zu hindern. Aus der Gruppe kommen Zurufe, wie: „Laßt ihn nicht wegfahren!“ – „Stoppt den Wagen!“ oder „Schmeißt ihn um!“ Roth bleibt weiter seinen Peinigern ausgeliefert und wird mit übelsten Ausdrücken beschimpft: „Arschloch, Schwein, Scheißkerl,…“ Schließlich haken sich einige Begleiter bei ihm unter, um ihn daran zu hindern, sich gegen das Beschmieren seiner Jacke mit einem Hakenkreuz wehren zu können. Von hinten schlägt man mehrmals mit Grasbüscheln auf den Kopf Roths. K.D. Wolff läuft streckenweise nebenher und versucht in keiner Weise, die Verfolger, die den Gepeinigten fortlaufend beleidigen und verhöhnen, an ihren Aktionen zu hindern. Er legt immer wieder lautstark dar, welche „verdammenswerte“ Rolle Roth im Verlauf der Disziplinarverfahren gegen Studenten im Dienste der Universitätsverwaltung ausübe und welche gravierenden Folgen seine Arbeit für Studenten haben könne. Immer wieder ertönen Rufe, wie.: „Schlagt das Schwein doch zusammen!“ u.ä. Schließlich schlägt man vor, man solle ihn in den Straßengraben zerren, um dort „den Schwanz herauszuholen oder ihn zu entkleiden und dann nackt nach Hause laufen lassen“.

In dieser scheinbar ausweglosen Situation, besonders weil weder Hilfe von irgendwelchen Passanten noch eine Flucht möglich ist, reagiert Roth – wie er später berichtet – auf all diese Provokationen völlig passiv, bis die Verfolger schließlich in der Nähe der Universität von ihm lassen.[1] Später erstattet er gegen K.-D. Wolff und Unbekannt Strafanzeige wegen Beleidigung, Körperverletzung und Nötigung.[2] Kurz nachdem Roth – und mittlerweile auch Riehn – das Rektorat erreichen , trifft dort auch die Demonstrantengruppe ein. Hier findet deren Aktion einen gewalttätigen Abschluß. Die Verfolger schleudern einen Stein und eine Bierflasche gegen die Glaseingangstüren des Rektorats, die zersplittern. Erst als die in aller Eile herbeigerufene Polizei erscheint und die Vorhalle des Universitätshauptgebäudes räumt, endet der Spuk.[3]

[1] Strafanzeige>10.07.1969>>H.J.Roth gegen K.D. Wolff und Unbe­kannt: We­gen Freiheitsberaubung, Körperverletzung, Beleidigung und Nötigung am 02.06.1969

[2]  Strafanzeige>10.07.1969>>H.J.Roth gegen K.D. Wolff und Unbe­kannt: We­gen Freiheitsberaubung, Körperverletzung, Beleidigung und Nötigung am 02.06.1969

[3] Diverses>03.06.1969>>FR: „Polizei räumte das Universitätsgelände.“