Carlo Schmid

Sitzung des SPD-Fraktionsvorstandes in Berlin 1968
V.l.: Herbert Wehner (mit Pfeife), Bundesminister für Gesamtdeutsche Fragen, Carlo Schmid, Bundesminister für Angelegenheiten des Bundesrates, Alex Möller, SPD- Vorstandsmitglied, Helmut Schmidt, Vorsitzender der SPD-Bundestagsfraktion am Rande einer Sitzung des SPD-Fraktionsvorstandes im Berliner Reichstagsgebäude
Bundeskabinett 1967
Bundeskabinett 1967
18. Oktober 1967
Bonn, Bundesrat, Sitzung, Carlo Schmid

Bonn, Bundesrat, Sitzung, Carlo Schmid


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* 3. Dezember 1896 in Perpignan, Frankreich, als Karl Johann Martin Heinrich Schmid; † 11. Dezember 1979 in Bonn. Seit dem 23. April 1946 lehrt Schmid an der Frankfurter Universität. 1953 wird er zum ordentlichen Professor auf den Lehrstuhl für die Wissenschaft von der Politik berufen und ist in dieser Eigenschaft bis zu seiner Emeritierung im Jahr 1961 Direktor des Instituts für Politische Wissenschaft. Am 1. Dezember 1966 gibt er sein Amt als dienstältester Vizepräsident des Deutschen Bundestags auf und tritt in das Kabinett der großen Koalition als Bundesministers für Angelegenheiten des Bundesrates und der Länder ein.

Seine Vorlesung zur „Theorie und Praxis der Außenpolitik“ montags von 11 bis 13 Uhr bietet er als Emeritus aber weiter an. Also auch im Wintersemester 1967/68.

Es liegt nahe, einen solch profilierten Vertreter des „Establishments“, der zugleich ehemaliger Ordinarius ist, zunächst aufzufordern, das Notstandsmanifest zu unterschreiben und ihn anschließend nach Verweigern der Unterschrift aufsehenerregend als „Notstandsminister“ unter Druck zu setzen. Siehe hierzu: Die Carlo Schmid Aktion am 20. November 1967.

Noch im 1966 war dieser Angriff auf Carlo Schmid nicht zu ahnen. Im DISKUS vom 1. Januar 1966 widmen die Studenten ihm unter dem Titel „Professor Carlo Schmid 70 Jahre“ vielmehr die folgende Eloge.

„Einer der prominentesten akademischen Lehrer an unserer alma mater, der ordentliche Professor für die Wissenschaft von der Politik Dr.jur Karl Schmid, feiert in diesen Tagen seinen 70. Geburtstag. Er wurde am 3. Dezember 1896 in Perpignan (Frankreich) geboren. Nachdem sein rechtswissenschaftliches Studium mit den juristischen Staatsprüfungen abgeschlossen war, wurde Schmid zuerst Rechtsanwalt und Richter. Doch den begabten Staatsrechtler lockte die akademische Karriere. So ging Carlo Schmid als Referent an das ‘Kaiser-Wilhelm-Institut (heute: Max-Planck-Institut) für ausländisches öffentliches Recht und Völkerrecht’ in Berlin. 1929 folgte die Habilitation an der Juristischen Fakultät der Universität Tübingen. Professor Schmids Habilitationsschrift ‘Die Rechtsprechung des ständigen internationalen Gerichtshofes, in Rechtssätzen dargestellt’ ist die erste (in deutscher Sprache erschienene) systematische Darstellung der Rechtsprechung an internationalen Gerichtshöfen. 1932 erschien diese Schrift als Buch und zeigte noch die Möglichkeiten zur friedlichen Beilegung internationaler Konflikte auf. Doch Schmids Mahnungen zu völkerrechtlichem Ausgleich blieben in Deutschland ungehört (wie so mancher kluge Rat in jenen Tagen): Ein Jahr später, 1933; übernahmen die Nationalsozialisten die Macht, und Deutschland entschied sich für den Wege der Gewalt. – Erst seit dem 23. April 1946 lehrt Professor Schmid an der Frankfurter Universität. 1953 wurde er zum ordentlichen Professor auf den Lehrstuhl für die Wissenschaft von der Politik berufen und ist in dieser Eigenschaft Direktor des Instituts für Politische Wissenschaft. Professor Schmid gehört zu jenen Politik-Wissenschaftlern, die aus der staatsrechtlichen Schule hervorgegangen sind. Neben dem juristischen ist auch sein geschichtliches Interesse besonders ausgeprägt. Davon zeugt – neben seine Vorlesungen über Machiavelli- sein Buch ‘Tätiger Geist – Gestalten aus Geschichte und Politik’, das 1964 in Hannover erschien. – Eine der bedeutendsten wissenschaftlichen Publikationen des Jubilars ist fraglos ‘Politik und Geist’ (Stuttgart 1961). Hier manifestiert sich die noble Gesinnung des Professors und Politikers, sein leidenschaftlicher Kampf gegen eine geistlose Politik und einen unpolitischen Geist. Die politische Abstinenz der traditionellen Bildungsschichten des deutschen Bürgertums ist nach Meinung Professor Schmids eine der Ursachen für die verspätete Realisation der Demokratie in Deutschland. Die Schichten von Besitz und Bildung, denen Professor Schmid selbst entstammt und deren Geisteshaltung er vielleicht gerade deshalb brilliant wie kaum eine anderer zu charakterisieren vermag, waren in der Geschichtsphase von 1866 bis 1933 stets als ‘Staatsdiener’ (Beamte., Offiziere, etc.) requirierbar; zu selten jedoch waren unter ihnen ‘Staatsformer’, Veränderer in Richtung Demokratie. Professor Schmid beklagt das Fehlen einer ‘classe politique’ in Deutschland. Indem Deutschand nationale Größe ohne bürgerliche Emanzipation zu erlangen trachtete, habe es die Politisierung seiner Bildungsschichten unterlassen und sich dem Parlamentarismus (wie ihn westliche Demokratien wie die USA, Großbritannien und Frankreich längst praktizierten) zu lange verschlossen. – Aber Professor Schmid fordert nicht nur die Verbindung von Politik und Geist, er lebt sie auch: Nach Kriegsende war er der erste ‘Regierungschef seiner württembergischen Heimat, bis 1948 abwechselnd Kultus- und Justizminister von Württemberg-Hohenzollern. Professor Schmid gilt als einer der Väter des Bonner Grundgesetzes, war er doch 1948/49 nicht nur schlichtes Mitglied des verfassungsgebenden Parlamentarischen Rates, sondern Vorsitzender seines Hauptausschusses und gleichzeitig Fraktionsvorsitzender der sozialdemokratischen Abgeordneten. – trotz seiner vielen politischen Ämter (er ist außerdem Präsident der Versammlung der Westeuropäischen Union, Senator der Max-Planck-Gesellschaft, Präsidialmitglied des Deutschen Roten Kreuzes usw) hat es Professor Schmid stets verstanden, einige Tage der Woche für die Universität und seine Studenten zu reservieren. Hoffen wir, daß sich an seinen traditionellen ‘Montags-Vorlesungen’ und dem abendlichen Politischen Seminar nichts ändern wird. Seine Studenten werden es ihm zu danken wissen. – Am 1. Dezember 1966 ist Professor Schmid zum Bundesminister für die Angelegenheiten des Bundesrates und der Länder ernannt worden.“

Politisches Buch: Glanzvoller Außenseiter

DER SPIEGEL – 23.12.1996

Peter Glotz über Carlo Schmid, den Humanisten und Bildungsbürger in der Nachkriegs-SPD; ‚Carlo Schmid. 1896 – 1979‘; Jetzt verklingen die Lobgesänge anläßlich des 100. Geburtstags wieder. Carlo Schmid, der erste und letzte Humanist, der in die… mehr…

Horst Ehmke,

DER SPIEGEL – 16.12.1996

Horst Ehmke entdeckte verwechselte Radierung; 69, früherer SPD-Minister und Ex-MdB, brachte die Leitung des Bonner Hauses der Geschichte in Verlegenheit. Ehmke entdeckte in einer von dem Museum arrangierten Ausstellung zum 100. Geburtstag des… mehr…

RUDOLF AUGSTEIN: Der letzte Gründervater

DER SPIEGEL – 17.12.1979

Wir sahen diesen Fleischberg“mit seinen listig herabgekrempelten Auglein“ (SPIEGEL 1949) im Parlamentarischen Rat thronen, wo er dem Hauptausschuß präsidierte, dem wichtigsten Amt in der verfassunggebenden Versammlung der zu gründenden… mehr…

Über allem thront Carlo

DER SPIEGEL – 12.11.1979

SPIEGEL-Reporter Jürgen Leinemann über den Politiker und Autor Carlo Schmid; Gäbe es einen Lehrstuhl für humanistische Nostalgie, Professor Carlo Schmid, 82, wäre die Idealbesetzung. Wer könnte schon wie er die Anfänge der Bundesrepublik verklären… mehr…

EHRUNG: Carlo Schmid

DER SPIEGEL – 19.04.1976

Carlo Schmid, 79, Völkerrechts-Professor und SPD-Politiker, wird am 27. Juni den von der Baden-Badener Bäder- und Kurverwaltung gestifteten deutsch-französischen Übersetzerpreis erhalten. Schmid, im südfranzösischen Perpignan geboren, erhält die mit… mehr…

„MIT QUARK UND BROT, ABER GEMÜTLICH“

DER SPIEGEL – 09.09.1968

Wie Bonns Minister wohnen; Frau Strobel schnuppert noch einmal prüfend in die Kochnische ihres 70-Mark-Appartements, sieht abschiednehmend nach dem Gummibaum neben der genoppten Kaufhaus-Couch und zieht auf der Altane den Stecker des Eisschranks aus… mehr…