05.12.1968: Gegen Adorno und Habermas

Gegen Adorno, Habermas und von Friedeburg (5.12.1968) – Habermas: „Wer die Basis der Aufklärung angreift, macht aufgeklärtes politisches Handeln unmöglich“.

In der Philosophischen Fakultät hatte sich eine Basisgruppe Soziologie gebildet, die eine Umorganisation des Soziologiestudiums fordert und am 5.12.1968 mit einem Flugblatt an die Hochschulöffentlichkeit tritt. Die Frankfurter Soziologie beanspruche, kritische Theorie zu sein, nach der die Gesellschaft veränderbar sei und engagiere sich, politisch bewußte Intelligenz auszubilden. Die kritische Theorie der Adorno, Habermas und von Friedeburg sei jedoch so kritisch, daß sie der politischen Studentenbewegung bislang nur in den Rücken gefallen sei. Sie sei so autoritär organisiert, daß ihr soziologischer Wissenschaftsbetrieb den Studenten keine Chance zur Selbstorganisierung des Studiums einräume.

.. die professionellen kritischen Theoretiker Frankfurts hocken auf der Freiheit von Forschung und Lehre wie auf ihrem Privateigentum, sie schließen die Lernenden von der Freiheit von Forschung und Lehre aus. Die professionellen kritischen Kritiker der Frankfurter Schule legen mit theoretischer Beflissenheit linke theoretische Bekenntnisse ab. […] Schon auf die Andeutung hin, daß wir diesen Kampf aufnehmen wollen, reagieren sie wie auf eine Naturkatastrophe, schaffen ihre Akten beiseite und privatisieren damit endgültig ihre kritische Wissenschaft. Wir haben diesen Zustand satt: Wir haben es satt, mit den kritischen Ordinarien über Hochschulreform zu diskutieren, ohne daß den Studenten eine Kontrolle über die Produktivkraft Wissenschaft zugestanden wird. […] Wir haben es satt, uns in Frankfurt zu halbseidenen Linken ausbilden zu lassen, die nach dem Studium das integrierte Alibi des autoritären Staates abgeben. Hochmütig vom Stand der Ordinarienprivilegien aus werfen die Frankfurter Ordinarien den Studenten vor, ihr Protest sei inhaltsleer und ohne kritisches Gegenkonzept; sie ignorieren, daß die autoritäre Organisation ihrer Lehrveranstaltungen und ihr leistungsdiktatorisches Prüfungssystem es sind, die uns zu kritischen Dummköpfen ausbilden. Wir nehmen die Auseinandersetzung mit den Professoren um die sofortige Umorganisation des Soziologiestudiums am Freitag, den 6.12. um 19 Uhr H VI in einer Vollversammlung der Soziologen noch einmal auf. Wir werden dort diskutieren: 1) die Möglichkeit einer Satzung, die den Studenten eine Mitkontrolle über die inhaltlichen Forschungs – u. Lehrstrategien sichert 2) die Möglichkeit einer vorläufigen Aussetzung des soziologischen Lehrbetriebs, wie es bislang ablief und die gemeinsame Organisierung von Forschungs – u. Lehrkollektiven, welche die autoritären Lehrsituationen abbauen und eine neue Lehr – u. Forschungsstrategie entwerfen. Diese gemeinsamen Arbeitsgruppen müssen als ordentliches Studium anerkannt werden. Wir haben keine Lust, die linken Idioten des autoritären Staates zu spielen, die kritisch in der Theorie sind, angepaßt in der Praxis. Wir nehmen den Ausspruch Horkheimers ernst:

„Die revolutionäre Karriere führt nicht über Bankette und Ehren – Titel, über interessante Forschungen und Professorengehälter, sondern über Elend, Schande, Undankbarkeit, Zuchthaus ins Ungewisse, das nur ein fast übermenschlicher Glaube erhellt. Von bloß begabten Leuten wird sie daher selten eingeschlagen. (Heinrich Regius[1], Dämmerung, Zürich 1934, S. 73 f.).“[2]

Die Diskussion um die Neuorganisation des Soziologischen Seminars hatte allerdings schon im Juli 1968 begonnen als Adorno, von Friedeburg und Habermas einen Satzungsentwurf zur Organisation des Soziologischen Seminars in der Myliusstraße vorlegten[3], der die Einrichtung einer Seminar-Versammlung vorsieht, in der alle am Seminar arbeitenden Hochschullehrer und wissenschaftlichen Mitarbeiter Mitglieder sind. Hinzu treten von der Fachschaft gewählte Vertreter in der selben Zahl wie die der Hochschullehrer. Diese Versammlung soll mit einfacher Mehrheit entscheiden. Der Seminar – Direktor, der für die laufenden Geschäfte zuständig ist, wird aus dem Kreis der Hochschullehrer von der Seminar – Versammlung gewählt. Entscheidungen über die Anstellung von wissenschaftlichen Mitarbeitern gegen den Willen der Hochschullehrer ist nicht möglich.

Die Vollversammlung der Soziologen am 6.12.1968 beschließt – wie im Flugblatt vom 5.12.1968 vorgeschlagen – die Aussetzung des bisherigen Lehrbetriebs und folgt damit der Streikbewegung in der Abteilung für Erziehungswissenschaften. Außerdem legt sie einen umfangreichen „Gegen – Satzungsentwurf des Soziologischen Seminars Myliusstraße“ vor, wonach dieses – von den Fakultäten unabhängig – „seine Aufgaben an der Notwendigkeit der fundamentalen Demokratisierung aller gesellschaftlichen Bereiche“ bestimmen solle. Als zentrales Beschlußorgan der Betriebseinheit sieht man, basisdemokratisch orientiert, die Vollversammlung vor, die gleichberechtigt von sämtlichen Bediensteten des Seminars und jedem Studierenden, der an Unterrichtsveranstaltungen dieser Einheit mitarbeitet, gebildet werden soll. Dieses einmal im Monat tagende Basisorgan soll vor allem den Forschungs – und Lehrplan sowie den Haushalt beraten, der dann von dem Seminarrat, den er aus seiner Mitte wählt, zu beschließen sei. Nach den Vorstellungen der Vollversammlung hat sich dieses Beschlußorgan je zur Hälfte aus wissenschaftlichen Angestellten sowie Beamten und Studierenden zusammenzusetzen. Ziel ist die institutionelle Absicherung der Selbstorganisation des Studiums durch ein von den Ordinarien nicht majorisierbares Entscheidungsgremium Die Vorbilder dieser Satzung sind die Selbstverwaltungsregelung des Psychologischen Seminars der TU Hannover und die Satzung des Otto – Suhr – Instituts in Berlin.[4]

Adorno, Habermas und von Friedeburg reagieren auf diese Initiative mit einem offenen Brief vom 10.12.1968. Einerseits erklären sie, „den Protest unserer Studenten gegen Gefahren einer technokratischen Hochschulreform“ zu unterstützen. Andererseits mißbilligen sie aber, dass die berechtigten Wünsche mit Forderungen verknüpft seien, die weder grundsätzlich noch politisch gerechtfertigt werden können:

Flugblatt einfügen!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!

Die sogenannte Basisgruppe Soziologie bleibt jedoch uerbittlich. Sie fordert nun die vorläufige Aussetzung der regulären Lehrveranstaltungen bis zum Abschluß einer „demokratischen“ Satzung des Soziologischen Seminars. Der bestehende Lehrbetrieb verhindere eine wirksame Selbstorganisation der Studenten, boykottiere die Vermittlung von Wissenschaft und Politik sowie die Herausbildung wissenschaftlich selbsttätiger Diskussion und politisch aktiver Mündigkeit. Trotz immer wieder eingeschobener Diskussion und der Arbeit von Basisgruppen sei es nicht möglich gewesen, die bisher verdrängten, sprachlos gebliebenen Bedürfnisse überhaupt einmal „zu artikulieren, die bisher gültigen Leistungszwänge und die Struktur von Wissensvermittlung zu problematisieren und die individuellen und politischen Erfahrungen studentischer Protestbewegung in wissenschaftlicher Reflexion aufzuarbeiten“. So seien zwar verschiedene Arbeits – und Projektgruppen gebildet worden. Die Anerkennung der Arbeit in diesen Gruppen habe man als wissenschaftliches Studium gefordert und von den „kritischen Ordinarien“ der Frankfurter Soziologie den Verzicht auf Ordinarienprivilegien in rechtlich vertretbaren Grenzen verlangt. Dann heißt es wörtlich:

Der politische Streik und unsere wissenschaftlichen Arbeitskreise erforderten die dazu nötigen sachlichen Produktionsmittel räumlicher wie technischer Art. Aus diesem Grund haben wir die kollektive Verfügung über das Soziologische Seminar in der Myliusstraße übernommen. Die politische wie sachliche Verfügungsgewalt über das Seminar soll verhindern, daß der Versuch unserer wissenschaftlichen Umorganisation des Studiums sich auf einer politisch unverbindlichen Spielwiese vollzieht. Unsere Intention ist es, die Freiheit von Forschung und Lehre dem Privateigentum der Ordinarien zu entreißen und dem diktatorischen Zugriff des Notstandsstaates zu entziehen. Wir wollen in Freiheit studieren, und die gesellschaftlichen Zwecke kontrollieren, zu denen unsere wissenschaftliche Arbeit politisch eingesetzt wird.“[1]

[1]Flugblatt>17.12.1968>>Spartakus Seminar: „Solidarität mit dem Spartakus Seminar!“„

Am 10.12.1968 schreiten die Aktionisten zu Tat:

Als geschäftsführender Direktor berichtet von Friedeburg dem Dekan der Philosophischen Fakultät, Prof. Rauter, über die „Besetzung“ des Soziologischen Seminars in der Myliusstraße, das nunmehr als Spartakusseminar firmiert, die am Montag, den 09. 12. 1968, nachmittags, mit der Inanspruchnahme des Zimmers des Geschäftsführenden Direktors während seiner Abwesenheit begonnen hatte.

Friedeburg berichtet über das Ereignis in einem Schreiben vom 13.12.1968 an den Dekan der Philosophischen Fakultät Prof. Rauter:

„Sie haben mich um einen Bericht über die Vorgänge in der Myliusstraße gebeten. – Die ‘Besetzung’ des Instituts für Sozialforschung – Seminar – begann am Montag, 9. Dezember 1968, nachmittags, mit der Inanspruchnahme des Zimmers des Geschäftsführenden Direktors während seiner Abwesenheit. In der Nacht vom Montag zum Dienstag, 10.12., wurden Anschriften an der Hauswand und im Innern des Gebäudes angebracht. Mehrere Räume von Professoren, wissenschaftlichen Mitarbeitern und Angestellten, sowie Geräte (Schreibmaschinen, Vervielfältigungs- und Kopiereinrichtungen) werden seitdem (auch nachts) entgegen geltender Regelungen benutzt. – Dem Geschäftsführenden Direktor wurde am Dienstag, 10.12., in seinem Dienstraum von einigen Studenten, die sich als Streikkomitee deklarierten, erklärt, dieses Zimmer wie das ganze Seminargebäude sei jetzt ihr Zimmer bzw. Seminargebäude. Trotz ausdrücklicher Aufforderung verließen sie das Zimmer nicht. – Am Mittwoch, 11.12., vermehrten sich die Anschriften an den Wänden und Türen. Die sogenannte Streikleitung richtete sich in der Anmeldung ein. Im übrigen wurden, abgesehen von dem auch früher den Studenten zur Verfügung stehenden Seminarraum, die Anmeldung und der Geräteraum im Parterre, die Räume des Lehrstuhls Psychologie II (im I. Stock) und der II. Stock okkupiert. – Nicht besetzt wurden bis heute die Bibliotheksräume im Parterre, das Prüfungsamt im I. Stock und der gesamte III. Stock. Mit freundlichen Empfehlungen Ihr Ihnen sehr ergebener Ludwig Friedeburg.“