09.12.1968: Besetzung Soziologisches Seminar

Im Verlauf der Auseinandersetzungen nimmt das Soziologische Seminar in der Myliusstraße 30 nicht zufällig eine besondere Rolle ein.

Soziologisches Seminar wird zum Hotspot der soziologischen Aktivisten. Hier trifft man sich. Hier kann trefflich mit den Institutsdirektoren Adorno, Habermas und von Friedeburg gestritten werden. Konfrontationen sind unvermeidlich. Siehe hierzu: Gegen Adorno und Habermas.

Nach bewährtem Muster wird das Soziologische Seminar in “Spartakusseminar” umbenannt. Anzumerken ist: Diese Benennung greift auf Ereignisse zwischen dem 5. bis 12. Januar 1919 zurück, nämlich den sogenannten Spartakusaufstand, den Noske durch das Freikorps Potsdam mit Waffengewalt niederschlagen ließ. Der Historiker Heinrich August Winkler sieht darin einen „Aufstand gegen die Demokratie“: Ganz ähnlich wie die Bolschewiki, die im Januar 1918 die demokratisch gewählte Russische konstituierende Versammlung mit Waffengewalt auseinanderjagten, hätten auch Liebknecht und seine Anhänger den Parlamentarismus bereits vor den Wahlen zur Nationalversammlung verhindern wollen.

Soziologisches Seminar wird zur Streikzentrale und am 12. Dezember 1968 besetzt

In den folgenden Tagen entwickelt sich das “Spartakusseminar” in eine Art Streikzentrale. Siehe hierzu das Flugblatt vom 12. Dezember 1968, in welchem prahlend verkündet wird, die Universität gehöre den Aktivisten:

Der Akademische Senat fordert, Soziologisches Seminar zu räumen

In dieser Situation greift der der Akademische Senat ein und fordert die Besetzer auf, unverzüglich die Räume zu verlassen. siehe Bericht der Frankfurter Rundschau vom 13. Dezember 1968:

FR 13.12.1968

Die Besetzer reagieren zunächst nicht, sondern erweitern ihre Ziele. Es sollen weitere Institute besetzt werden, um noch größere Freiräume zu erobern. Andererseits wird die polizeiliche Räumung befürchtet:

FNP 13.12.1968

Wir unübersichtlich die Lage ist, verdeutlicht der folgende Artikel. “Man soll die Universität so lange im eigenen Saft kochen lassen, bis die Studenten zur Besinnung kommen.”

Die Welt 16.12.1968

Das Soziologische Seminar wird am 17. Dezember 1968 polizeilich geräumt

Am 17. Dezember 1968 ruft dann endlich der Rektor die Polizei, nachdem auch Adorno, von Friedeburg, Habermas und Mitscherlich die Räumung androhen. Als die Polizei am frühen Morgen eintrifft, habe die Besetzer schon das Weite gesucht. Niemand wird angetroffen.

FAZ 18.12.1968

Auf den Polizeieinsatz reagiert der SDS mit zwei Flugblättern:

SDS, Flugblatt vom 17.12.1968
SDS, Flugblatt vom 17.12.1968

Sollten Adorno, Habermas, Mitscherlich und von Friedeburg Solidarität der Wissenschaftlichen Mitarbeiter des Seminars erwartet haben, werden sie enttäuscht. Deren Protest gegen die “polizeiliche Besetzung” ist unmissverständlich. Auf einem Flugblatt, das im Verlauf des Teach Ins verteilt wird, werfen sie den Hochschullehrern vor, die Studenten daran gehindert zu haben, ihr Studium selbst zu organisieren:

Rüegg und andere Professoren des Seminars für Gesellschaftslehre begrüßen zwar die “selbstverantwortliche Betätigung” der Studenten. Jedoch warnen sie vor der Lahmlegung des Studienbetriebs, durch den sogenannten “aktiven Streik”.