Jürgen Habermas

Ordentlicher Professor für Philosophie und Soziologie seit 24. März 1964

Wikipedia: Habermas

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Im Jahr 1964 wird Habermas auf Horkheimers Lehrstuhl für Philosophie und Soziologie an der Universität Frankfurt berufen. Seine Vorlesungen und Seminare bietet er jeweils für Studierende der Soziologie und Philosophie an. 1971 wechselt er nach Starnberg, wo er bis 1981 gemeinsam mit Carl Friedrich von Weizsäcker das Max-Planck-Institut zur Erforschung der Lebensbedingungen der wissenschaftlich-technischen Welt leitet. 1983 kehrt er an die Universität Frankfurt zurück und ist bis zu seiner Emeritierung im Jahre 1994 Professor für Philosophie mit dem Schwerpunkt Sozial- und Geschichtsphilosophie.

Habermas wendet sich eindeutig gegen Gewaltanwendung und Intoleranz, indem er für eine mit Argumenten geführte Auseinandersetzung eintritt. Geboten sei eine Strategie massenhafter Aufklärung, nicht jedoch die Taktik der Scheinrevolution. Die Agitation dürfe nicht den Platz der Diskussion einnehmen. Erfreulicherweise belässt er es nicht dabei, diese Forderungen in der stillen Studierstube zu formulieren. Vielmehr mischt er sich unmittelbar mit großem Engagement in die Auseinandersetzungen ein und erinnert immer wieder an diese Grundsätze. Dies zeigen eindrücklich die folgenden Zitate.

Allerdings gelingt es ihm zunächst nicht, die aggressive Situation zu ändern. Im Gegenteil er gerät im Dezember 1968 zusammen mit Adorno und von Friedeburg selbst in das Intoleranzvisier der „Revolutionäre“. (Siehe hierzu: Gegen Adorno, Habermas und von Friedeburg (5.12.1968) – Habermas: „Wer die Basis der Aufklärung angreift, macht aufgeklärtes politisches Handeln unmöglich“).

 Offener Brief vom 1. April 1967 von Habermas und von Friedeburg an den AStA Freie Universität Berlin: Sit In als Kampfmittel!

„Sehr geehrter Herr Häußermann,

Sie haben uns gebeten, zu dem Konflikt zwischen der Studentenvertretung und dem akademischen Senat der Freien Universität Stellung zu nehmen. wir haben vor wenigen Monaten auf den Berliner Universitätstagen in allgemeiner Form unsere Auffassungen vorgetragen. Wir fühlen uns daher verpflichtet, sie nun bei einem bestimmten Anlaß zu konkretisieren.

1. Der Rektor der Freien Universität hat gegen fünf Studenten die Einleitung eines Disziplinarverfahrens beantragt, weil sie nach seiner Auffassung für das Sit – in vom 19. 4. die Verantwortung tragen und sich der Anstiftung zu pflichtwidrigem Verhalten schuldig gemacht haben. Wir unterstellen, daß das Vorgehen des Rektors rechtlich unbedenklich ist. Würde das Sit – in keinen Anlaß zu disziplinarischen Maßnahmen geben, wäre es kein Sit – in. Als Kampfmittel ist es dadurch definiert, daß es eine Hausordnung verletzt. Deshalb hielten wir es für inkonsequent, nach einem Sit – in gegen die Sanktionen, die durch diese Veranstaltung ausgelöst sind, als solche zu opponieren. Konsequent ist es aber, gegen die falsche Legalisierung eines der Sache nach politischen Konfliktes anzugehen. Nach den Vorgängen in Berkeley und an anderen Universitäten Amerikas wie Europas mußte es jedem unvoreingenommenen Beobachter klar geworden sein, daß sich in hochschulpolitischen Auseinandersetzungen das Sit – in als ein Kampfmittel der Studenten eingebürgert hat. Über die Legitimität eines Mittels, das die Verletzung von Hausordnungen einschließt, läßt sich gewiß streiten. Wir würden vorschlagen, es für legitim anzusehen, wenn Studenten in einer mit Argumenten geführten Auseinandersetzung darauf zurückgreifen, nachdem sie die formell zugestandenen Möglichkeiten des Protestes gegen einen durch Amtspositionen tatsächlich privilegierten Teil der Korporation genutzt und erschöpft haben. Wenn die Veranstaltung vom 19.4. in diesem Sinne eine angemessenes Kampfmittel war, dann verlieren Sanktionen gegen die Beteiligten ihren Charakter als bloße Rechtsakte. Die juristische Form darf den politischen Inhalt nicht verschleiern.

2. […]. 3. Die legalistische Empörung verdunkelt den hochschulpolitischen Charakter der Auseinandersetzung. Es geht nicht um einen Rechtsstreit, sondern darum, daß das Studium sinnvoll reformiert und das Berliner Modell ausgebaut wird. Weil Konvent und AStA, wie die Arbeit in den Studienreformkommissionen zeigt, die Interessen der Studenten sachlich und wirksam vertreten, sollte sich die Studentenschaft von ihren Repräsentanten nicht trennen lassen.“

Habermas, Protestbewegung und Hochschulreform, a.a.O., S. 134 ff.

Rede von Habermas am 2. Juni 1968 auf Schüler – und Studentenkongreß : Die Scheinrevolution und ihre Kinder

„Die Fehleinschätzung der Situation macht die aktivsten Teile der Studentenbewegung anscheinend unfähig, die Grenzen ihres Aktionsspielraums und den Charakter der verfügbaren Mittel zu erkennen. – Die neuen Demonstrationstechniken, die nur symbolische Handlungen einschließen können, verwandeln sich in den Köpfen altgedienter SDSler zu Mitteln des unmittelbar revolutionären Kampfes. Eine rote Fahne im richtigen Augenblick auf dem richtigen Dach kann eine aufklärende Wirkung haben; sie kann eine Tabuschranke durchbrechen, eine Barriere gegen Aufklärungsprozesse aus dem Wege räumen. Etwas anderes ist es aber, wenn ein solches Symbol diejenigen, die es setzen, darüber betrügt, daß es heute um einen Sturm auf die Bastille nicht gehen kann. Wie die Vorgänge in den Räumen der Frankfurter Universität während der Pfingstwoche in der Nacht vom Mittwoch auf Donnerstag unmißverständlich zeigen, verwechseln einige führende Akteure den virtuellen Vorgang einer Universitätsbesetzung mit einer faktischen Machtübernahme. Eine so gravierende Verwechslung von Symbol und Wirklichkeit erfüllt im klinischen Bereich den Tatbetand der Wahnvorstellung. Derjenige, der sich der aus der Protestpsychologie von Jugendlichen stammenden Techniken nicht als Erwachsener, nämlich im Bewußtsein ihres virtuellen Charakters bedient, wer sie vielmehr, wie das Kind selber, ernst nimmt, verfällt damit einem Infantilismus. Die Verwechslung von Realität und Wunschphantasie hat ferner zur Folge, daß anstelle der allein gebotenen Strategie massenhafter Aufklärung die Taktik der Scheinrevolution tritt. Wie in den letzten Wochen deutlich zu beobachten war, nimmt Agitation den Platz der Diskussion ein. Die präjudizierte Erkenntnis verdrängt die Untersuchung. Unter permanentem Handlungszwang wird auf Analyse verzichtet. Anscheinend genügen jene Parolen, die ich genannt habe, um dem falschen Bewußtsein der Revolution ein trügerisch gutes Gewissen zu machen. Die Konfrontationspolitik vollzieht sich in jenem sorgfältig gehüteten Zwielicht zwischen symbolischer Erpressung, die Aufmerksamkeit tatsächlich erzwingt, und faktischer Gewaltanwendung, mit der man Machtpositionen zu gewinnen sich einbildet. Dieses Zwielicht verhindert seit einem Jahr die klare Distinktion zwischen Gewaltanwendung und Provokation, obgleich in unserer Situation die Beschränkung auf Techniken des gewaltlosen Widerstandes selbstverständlich sein müßte.- Die Taktik der Scheinrevolution kommt schließlich in einem Verhalten zum Ausdruck, das die Polarisierung der Kräfte um jeden Preis sucht. Diese kurzfristige Perspektive schließt Bündnispolitik, schließt die präventive Vermeidung künftiger Risiken, schließt die Respektierung immer noch Freiheit und Recht garantierender Verfassungsinstitutionen aus. Sie führt zur illusionäre Beschwörung der Einheit von Studenten und Arbeiterschaft. Sie führt dazu, die Grenzen des Aktionsspielraums zu verkennen, die auf der einen Seite durch Massenmedien und auf der anderen Seite durch den Gewerkschaftsapparat definiert sind. – In der vergangenen Woche hat das falsche Bewußtsein der Revolution von jenen Schwächen der Intelektuellen gelebt, die in ruhigeren Zeiten zu den déformations professionelles gehören, die in lebhafteren Zeiten aber, wenn sie aus dem Schattenreich der persönlichen Psychologie heraustreten und zur poltitischen Gewalt werden, wahrlich ein Skandal sind. Ich meine die Rolle des Agitators, der, weil er den Realitätskontakt verloren hat, nur noch die Realtität der Massenreaktion kennt und anerkennt, der von kurzfristigen narzißtischen Befriedigungen lebt und die Aktion von einer Bestätigung zur nächsten treibt, um der Selbstbestätigung willen. Ich meine ferner die Rolle des Mentors, der, weil er gegen Erfahrungen immunisiert ist, eine Orthodoxie mit grauen Vokabeln allen Bewußtseinstrübungen aufprägt, um das zu rationalisieren, wozu den anderen die Worte fehlen. Ich meine schließlich die Rolle des zugereisten Harlekins am Hof der Scheinrevolutionäre, der, weil er solange unglaubwürdige Metaphern aus dem Sprachgebrauch der zwanziger Jahre für seinerzeit folgenlose Poeme entlehnen mußte, nun flugs zum Dichter der Revolution sich aufschwingt – aber immer noch in der Attitüde des Unverantwortlichen, der sich um die praktischen Folgen seiner auslösenden Reize nicht kümmert.“

Redeauszug Habermas Schüler-u.Studentenkongreß 2.6.1968; Habermas, Jürgen: Protestbewegung und Hochschulreform. aaO, Die Scheinrevolution und ihre Kinder, Seite 188 – 201

Bekanntmachung von Habermas am 13.12.1968: Es ist unabdingbar, den offiziellen Lehrbetrieb aufrechtzuerhalten!

„Ich habe zu Beginn meiner Vorlesung am Donnerstag, den 14. Dezember[1], um 15 Uhr eine Erklärung abgegeben, die ich am selben Tag abends in einer Plenarversammlung der Soziologiestudenten im Walter-Kolb-Heim auf Wunsch der Anwesenden noch einmal wiederholt habe. Sie hat folgenden Wortlaut: – Ich habe meinen Vorsatz, den Lehrbetrieb aufrechtzuerhalten, bereits am Freitag[2] vergangener Woche in der Vollversammlung der Soziologie bekräftigt und begründet. Inzwischen ist mir durch bestimmte Argumentationen in der Vollversammlung am vergangen Dienstag[3] die Intention klar geworden, von der sich eine Kerngruppe der Studenten bei den gegenwärtigen Aktionen leiten läßt. Wenn ich recht verstehe, bedienen sich die Leute des begrüßungswerten Impulses zu einer Neuordnung des Studiums nur als eines Vehikels, um den Wissenschaftsbetrieb als solchen zu zerstören.

Die Argumente von R. Reiche liefen darauf hinaus, daß schon Wissenschaft selber Repression sei und darum beseitigt werden müsse.

Wer aber die Basis der Aufklärung angreift, macht aufgeklärtes politisches Handeln unmöglich. Die Basis der Aufklärung ist eine an das Prinzip ungezwungene Diskussion und allein an dieses Prinzip gebundene Wissenschaft. Wer einzelne theoretische Ansätze durch institutionellen Zwang dogmatisieren will, wer darüberhinaus jeden theoretischen Ansatz diskriminiert zugunsten einer Instrumentalisierung des Denkens und Wissens für die ad hoc Bedürfnisse sogenannter Praxis, schickt sich an, die Bedingungen vernünftiger Rede und damit die Grundlage von Humanität abzuschaffen. Wer mit dieser Intention einverstanden ist – und zunächst einmal unterstelle ich, daß niemand damit einverstanden ist – wer mit dieser Intention aber einverstanden ist, dessen moralische, geistige und politische Verfassung unterscheidet sich prinzipiell nicht mehr von dem intellektuellen Prototyp sei es des Faschisten oder des Stalinisten. Um Verwirrungen und Versuchungen dieser Art im Ansatz entgegenzutreten, halte ich es für unabdingbar, daß der offizielle Lehrbetrieb aufrechterhalten bleibt.“

Erklärung Habermas vom 13.12.1968 wird noch verknüpft!

[1] Hier bezieht sich Habermas irrtümlicherweise auf ein falsches Datum, denn der 13.12.1968 war ein Freitag und der vorangehende Donnerstag der 12.12.1968.

[2] Es muß sich um Freitag, den 6.12.1968 handeln.

[3] Es handelt sich um Dienstag, den 10.12.1968

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Soziologen Versammlung am 6. Dezember 1969, von links nach rechts: Adorno, von Friedeburg, Brillenmann, Habermas
Dieses Bild hat ein leeres alt-Attribut; sein Dateiname ist image-7.png.Vollversammlung „Spartakus Seminar“ mit Krahl im Zentrum  

Die Marx-Brothers in der Uni von Meysenburg

Die „Marx-Brothers in der Uni“ von Meysenburg

In seiner Ausgabe vom 24. Februar 1969 befasst sich „Der Spiegel“ mit der Rolle, die Habermas im Verlauf der Auseinandersetzungen spielt und verweist auf die 15 scharfzüngigen Beiträge von Sprechern der Außerparlamentarischen Opposition in dem von Negt herausgegebene Buch „Die Linke antwortet Jürgen Habermas“. Es sei eine Art Festschrift zur neuntägigen Besetzung des Soziologischen Institutsbesetzung im Dezember 1968.

Zum Hauptthema werde in dieser Publikation, unter welchen Voraussetzungen von einer revolutionären Situation gesprochen werden könne. Habermas habe die rebellischen Studenten bezichtigt, die „Universitätsbesetzung mit einer faktischen Machtergreifung“ und damit „Symbol und Wirklichkeit“ verwechselt zu haben; ihr „falsches Bewußtsein der Revolution“ grenze an eine „Wahnvorstellung“. Er habe ihnen empfohlen, „realistisch“ zu sein und sich „einer langfristigen Strategie der massenhaften Aufklärung“ zuzuwenden.

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Über Jürgen Habermas: „Ich persönlich habe ihn nicht für einen Marxisten gehalten“

Jürgen Habermas ist einer der großen Denker unserer Zeit. Am Dienstag wird er 90 Jahre alt. Das sagt sein früherer Assistent Oskar Negt über ihn.
von Peter Intelmann – FNP 17.06.2019

Der Sozialphilosoph Oskar Negt war zwischen 1962 und 1970 Assistent von des Philosophen Jürgen Habermas, der am 18. Juni seinen 90. Geburtstag feiert. Ein Gespräch über Habermas’ Wirken, das Buch „Die Linken antworten auf Jürgen Habermas“ und die persönlichen Folgen davon.

Wenn ich es richtig gelesen habe, sind Sie nach einem Referat Assistent von Jürgen Habermas geworden?

Naja, da bilden sich manchmal Legenden. Es war so, dass ich ein Marx-Referat vorbereitet hatte, das drei Stunden dauerte. Das war sehr ungewöhnlich. Und Habermas als Assistent von Theodor W. Adorno hatte die Vorprüfung zu übernehmen. Ich sagte ihm: Tut mir leid, es ist viel zu lang, aber ich kann es nicht kürzen. Da meinte Habermas, er habe mit Adorno geredet, und der fände es in Ordnung. Das war mein erster wissenschaftlicher Kontakt mit ihm. Ich war völlig verblüfft.

Und dann hat er Ihnen angeboten, sein Assistent zu werden?

Nicht sofort, vielleicht ein halbes oder ein Jahr später. Aber es mag schon sein, dass er in mir einen orthodoxen Marxisten vermutete.

Was er seinerzeit auch war?

Das kann man so nicht sagen. Er sympathisierte mit den Argumenten, die aus dem westlichen Marxismus von Philosophen wie Maurice Merleau-Ponty und anderen kamen. Ich persönlich habe ihn nicht für einen Marxisten gehalten.

Hat er Ihnen als Assistent viele Freiheiten gelassen?

Absolut alle, die man sich nur denken kann.

Sie hatten wenig Pflichten?

Überhaupt keine. Von meiner Assistententätigkeit hatte er nicht viel. Ich habe nur eine Dienstleistung für ihn erbracht, das Glossar für seine Habilitationsschrift „Der Strukturwandel der Öffentlichkeit“. Das war sehr schwierig damals, es war ja nichts digitalisiert. Ich hatte die Zettel wochenlang über meine ganze Wohnung verteilt. Er war ein Ordinarius, wie er so kaum irgendwo erkennbar war.

Sie sind acht Jahre sein Assistent gewesen, von 1962 bis 1970.

Ja, und es kennzeichnet unser Verhältnis, das eines der gegenseitigen politischen Anerkennung war. In diesen acht Jahren hätte er schon mehrfach meinen Weiterförderungsantrag nicht verlängern und mich damit entlassen können. Aber das hat er nicht getan.

Was haben Sie vor allem von ihm gelernt?

Eine nicht opportunistische Haltung. Das heißt eine Haltung, in der er bestimmte Linien konstant weiter verfolgte und sich auf jedes Gespräch einließ. Habermas gehört für mich zu jenen Personen, die argumentationswütig waren, wenn man das so sagen kann. Manchmal hat er auch im Gespräch die Argumente gegen sich gestärkt, um die Diskussion nicht abbrechen zu lassen.

1968 hat er mit Blick auf die protestierenden Studenten von „linkem Faschismus“ gesprochen. War das einer seiner größten Fehler?

Es war im Grunde ein Missverständnis. Habermas hatte Bedingungen formuliert: Wenn Sie das und das und das meinen, dann könnte man das heute linken Faschismus nennen. Er hat Tendenzen bezeichnet. Ich habe das damals selbst zu affirmativ verstanden und ein Buch „Die Linke antwortet Jürgen Habermas“ herausgegeben. Er wollte dafür ein Nachwort schreiben, aber als er die Beiträge las, hat er es nicht getan. Er war zu Recht sehr beleidigt. Ich habe mich später öffentlich dafür entschuldigt. Unser persönliches Verhältnis ist dennoch intakt geblieben. Es hat mehr mit Persönlichkeitsstrukturen zu tun, nicht so sehr mit sozialphilosophischen Inhalten.

Habermas ist immer auch an Öffentlichkeit interessiert gewesen, er hat sich eingemischt. Und er hat Begriffe geprägt wie die „Kolonisierung der Lebenswelt“ oder die „neue Unübersichtlichkeit“.

Er hat damit auch eine Tradition der Realitätsanpassung von Leuten aus der Universität geprägt. Er intervenierte sachgebunden sein ganzes Leben lang. Und er hat viel Lust verspürt, auch journalistisch tätig zu sein. Er sagte mir einmal: Wenn die Habilitation bei Wolfgang Abendroth nicht klappt – Max Horkheimer hatte ihm die akademische Karriere verweigert –, dann werde ich eben Journalist. Er hatte ja im wissenschaftlich-philosophischen Zusammenhang auch schon einiges geschrieben.

War er einflussreicher als Philosoph oder als öffentliche Figur?

Ob als Philosoph, das werden wir wahrscheinlich jetzt bei den Veranstaltungen zu seinem Geburtstag am 19. und 20. Juni erfahren. Für mich persönlich war er einflussreich als ein politischer Intellektueller, der bei allen prekären gesellschaftlichen Problemlagen interveniert hat. Und zwar auf der Linie, die in Deutschland eher diskreditiert war: auf der Linie der Aufklärung. Die hat er konsequent verfolgt, und darin liegt auch seine große Bedeutung. Für mich liegt in seinen kleinen politischen Schriften sein eigentlicher Einfluss.

In der „Theorie des kommunikativen Handelns“ spricht er von der „idealen Sprechsituation“. Davon sind wir in Zeiten der Internet-Debatten offenbar weit entfernt.

Die ideale Sprechsituation ist eine transzendentale Voraussetzung für Kommunikation überhaupt. Ich habe sie nie als einen empirischen Vorgang betrachtet. Aber ohne diese Bedingungen gibt es keine Wahrheit, keine Verständigung. Ohne sie als Bezugspunkt entsteht keine friedensfähige Gesellschaft.

Von Peter Intelmann / RND