Jürgen Habermas

Professor für Philosophie und Soziologie seit März 1964, Auslöser der Linksfaschismusdebatte, Verständnis für die Forderungen der Aktionisten, aber Gegner von Gewalt und Intoleranz.

Im Jahr 1964 wird Habermas auf Horkheimers Lehrstuhl für Philosophie und Soziologie an der Universität Frankfurt berufen. Seine Vorlesungen und Seminare bietet er jeweils für Studierende der Soziologie und Philosophie an. 1971 wechselt er nach Starnberg, wo er bis 1981 gemeinsam mit Carl Friedrich von Weizsäcker das Max-Planck-Institut zur Erforschung der Lebensbedingungen der wissenschaftlich-technischen Welt leitet. 1983 kehrt er an die Universität Frankfurt zurück und ist bis zu seiner Emeritierung im Jahre 1994 Professor für Philosophie mit dem Schwerpunkt Sozial- und Geschichtsphilosophie.

Jürgen Habermas

Habermas und Horkheimer

Unter dem Titel »Zur philosophischen Diskussion um Marx und den Marxismus« publiziert Habermas in der Philosophischen Rundschau 1957 (5. Jahrgang Heft 3/4, S. 165ff.) einen Aufsatz, der Horkheimer am 27. September 1958 veranlasst, einen empörten Brief an Adorno zu richten Das Urteil über Habermas ist vernichtend:

„Ein begabter, unablässig auf geistige Überlegenheit sich verweisender Mensch findet den Weg zum Institut und zeigt, daß man geraume Zeit – wahrscheinlich doch schon mehr als ein Jahr? – bei uns sein kann, ohne im geringsten seine Erfahrung über die gesellschaftliche Wirklichkeit zu erweitern, ja ohne mit Verstand über die Gegenwart nachzudenken, ohne andere Anstrengung als die, für welche Lektüre und Scharfsinn und zur Not das Philosophische Seminar vollauf genügten. H. nimmt sich zum Vorbild, was er im Augenblick für das Avancierteste hält, vor allem die Marx’schen Jugendschriften und vermutlich ein verzerrtes Bild von Teddie und unseren gemeinsamen Gedanken, und stachelt sich zu ungeheurem Scharfsinn an. Das Dokument, das er in diesem Fall zustande brachte, ist eine fleißige, intelligente, sorgfältig disponierte und freilich eitle Arbeit, die an immer wiederholten, zu Clichees erstarrten Normen die philosophischen Schriften mißt, die in den letzten Jahren über Marx erschienen sind. […]. Das stets wiederholte Bekenntnis zur Revolution – mir scheint, das Wort steht hundert mal in dem Artikel – als eingeborenen Sinnes der Philosophie klingt bei H . historisch ahnungslos, wie oft auch der Zusatz »streng« oder »stringent« bei H. vorkommt. Philosophie, über die man inhaltlich vor allem erfährt, daß »Revolutionstheorie « die »Kategorienlehre« der Ideologiekritik oder der Kritik schlechthin ausmache, soll sich – das nennt er die »Schlüsselthese« – in kritisch-praktischer Tätigkeit aufheben, um sich zu verwirklichen, sie sei nicht kontemplativ, sondern »praktisch, an der Aufhebung der bestehenden Lage interessiert«. So weit die Philosophie. Die Soziologie aber darf gegebenenfalls die »Qualifikation des Proletariats zum Träger der Revolution« nachweisen, denn »wie anders sollte es geschehen«. […]. H. meint wirklich, heute sei es möglich, »die Masse der Bevölkerung dazu zu bewegen, das, was ist; an dem, was möglich ist, zu messen«. Was für ein Kenner der Gegenwart, welch imponierende Zuversicht. Marx hat die Soziologie nicht befragt und nicht realisiert, »daß eine Entscheidung glaubhaft nur auf Grund empirischer Nachweise möglich wäre«. Keine falschen Prognosen mehr! […].Wer so schreibt wie H., trägt bei aller Gescheitheit Scheuklappen, es gebricht ihm an bon sens und an geistigem Takt. Er lehrt, was zu bekämpfen er vorgibt, reine Philosophie, einschließlich einer Wissenschaftslehre, in der die Soziologie ihre Aufgaben aus der Situation von 1843 gestellt bekommt. Mit der Klausel von der »Selbstaufhebung der Philosophie und ihrer Verwirklichung durch die Praxis« oder dem Hinweis, Philosophie könne »nicht das sein, was sie zu sein beansprucht: Befreiung der Menschen« springt man doch nicht aus der Philosophie heraus. Solche Vorbehalte sind vielmehr inhärente Bestandteile der H.schen Weltanschauung, ähnlich wie die Floskel, »nur im Zusammenspiel mit empirischen Forschungen«.[…]. … daß H., der so viel von Empirie redet, heute zu Schriften sich bekennt, die auf der Ansicht beruhten, die Bourgeoisie sei unfähig, »noch lange die herrschende Klasse der Gesellschaft zu bleiben« und müsse den Pauperismus zum Extrem treiben; daß er die proletarische Revolution in den Industrieländern 1957 für wahrscheinlicher hält als 1847, wohl weil er meint, – um wirklich den Marx des Vormärz zu zitieren – »das gründliche Deutschland kann nicht revolutionieren, ohne von Grund auf zu revolutionieren«, und es werde »der deutsche Auferstehungstag verkündet werden durch das Schmettern des gallischen Hahns«; all diese mit Geist gekoppelte Blindheit ließe ich mir von einem Habilitanten gefallen, der irgendwo an einem Seminar aufwächst. Ja, ich hätte meine Freude daran, daß es unter dem philosophischen Nachwuchs hierzulande nicht bloß Heideggerjünger, Existentialisten und Positivisten gibt, sondern im Gegensatz zum Osten, wo der nicht konforme Gedanke ausgerottet wird, immer noch dissentierende Jugend und Eigensinn. Aber gegenwärtig ist H. bei uns am Institut für Sozialforschung, und ich hege die ungewöhnliche Erwartung, daß die Assistenten dort ein Minimum an Verantwortung aufbringen, selbst wenn sie in Zeitschriften sich vernehmen lassen, auf die wir keinen Einfluß haben. Worum es H. geht, ist die Marx’sche Theorie und Praxis. Selbst in den Jahren, während der Nationalsozialismus heraufzog, während des Dritten Reichs, wußten wir um die Vergeblichkeit des Gedankens an Rettung durch Revolution. Sie heute hier als aktuell zu verkünden, ohne Reflexion auf die Konsequenzen des »Ausgesprochenwerdens«, deren Fehlen H. bei Marx kritisiert, kann nur den Geschäften der Herren im Osten Vorschub leisten denen er doch den Kampf ansagt, und denen sie in Wirklichkeit ausgeliefert wäre, oder den potentiellen Faschisten im Innern in die Hand spielen. Der »Sozialismus in einem Land« und der Nationalsozialismus, die beiden entscheidenden historischen Phänomene der ersten Hälfte des Jahrhunderts, weisen ohnehin eine tiefe Verwandtschaft auf. […]. Jetzt, da das kontinentale Europa mit seiner stets unterbrochenen, stets wieder verleugneten civilen Gesellschaft unmittelbar und in doppeltem Sinn totalitärer H errschaft sich gegenüber sieht, behält jener Hegel recht, der im Anschluß an die Alten das Leben unter guten Gesetzen noch als die höchste Mitgift angesehen hat, die einem zuteil werden kann. So weit solche Gesetze da sind, gilt es sie zu erhalten; sie sind gefährdet. Den allgemeinen Reichtum so anzuwenden und auszubreiten, daß niemand mehr hungern muß, Sicherheit und Freiheit des Einzelnen zu schützen, den unendlichen Druck zu mildern, der auf allen lastet, dem Elend hinter Mauern Hilfe zu bringen, dazu können wir vielleicht ein Weniges, kaum Spürbares tun, indem wir die Menschen gegen das Vorhandensein, das Hereinbrechen, die Wiederkunft der Barbarei drinnen und draußen empfindsam machen. Das ist die »Praxis« dessen, was Sie schreiben und was wir lehren. […]. Nicht so sehr, daß er wahrscheinlich Zeit, Geld und Personal des Instituts für uns fremde Ziele einsetzt, sondern daß er die Gesinnung und die gesellschaftliche Einsicht unserer Studenten durch Begriffsfetische kaputt macht, ist unerträglich, um so mehr als Sprache und manche der von ihm behandelten Gegenstände, nicht zuletzt seine unermüdliche Aktivität, die Jüngeren anziehen. In ausgezeichneten Momenten besteht die Gefahr, daß er im Institut den Ton angibt. Dabei denke ich weniger an die Atomkampagne, bei der H . als studentischer Propagandist auftrat, als etwa an die Reaktion der Mitarbeiter auf unsere Einladung der Wirtschaftsleute im letzten Jahr. Der Vorwurf einiger Studenten, wir hätten der Industrie zu große Konzessionen gemacht, die Forderung nach Klassenkampf im Wasserglas, während wir unsern künftigen Graduates zu einer anständigen Laufbahn verhelfen wollten, war ein Warnungszeichen, wie eng und simplistisch manche unter ihnen schon geworden sind. Wenn sich ein esprit de corps bilden sollte, der im Sinn des H.schen Artikels ausgerichtet ist, erziehen wir keine freien Geister, keine Menschen, die zu eigenem Urteil fähig sind, sondern Anhänger, die auf Schriften schwören, heute auf die, morgen vielleicht auf jene. […]. Was mich betrifft, so habe ich, aus der Ihnen bekannten, schwer überwindlichen Abneigung ihn nur selten und, wenn ich nicht irre, überhaupt nie allein gesprochen. Die Publikation hilft nicht zur Milderung meines Gefühls. Wahrscheinlich bat er als Schriftsteller eine gute, ja glänzende Karriere vor sich, dem Institut würde er großen Schaden bringen. Lassen Sie uns zur Aufhebung der bestehenden Lage schreiten und ihn in Güte dazu bewegen, seine Philosophie irgendwo anders aufzuheben und zu verwirklichen.“

Max Horkheimer, Gesammelte Schriften, Band 18, Briefwechsel 1949 -1973, S.437 ff.

Damit ist „die Aufhebung der bestehenden Lage“ – nämlich die Entlassung von Habermas – unabwendbar. Wolfgang Abendroth, Professor in Marburger springt ein. Dort habilitiert sich Habermas 1961 mit der Studie „Strukturwandel der Öffentlichkeit„.

Habermas und die Auseinandersetzungen im Soziologischen Seminar im Dezember 1968

Hierzu wird auf die Sonderseiten „Besetzung des Soziologischen Seminars“ und „Soziologisches Seminar“ verwiesen.

Habermas und Negt

Am 17. Juni 2019 äußert sich Negt in einem Interview mit Peter Intelmann über sein Verhältnis zu Habermas:

Wenn ich es richtig gelesen habe, sind Sie nach einem Referat Assistent von Jürgen Habermas geworden?

Naja, da bilden sich manchmal Legenden. Es war so, dass ich ein Marx-Referat vorbereitet hatte, das drei Stunden dauerte. Das war sehr ungewöhnlich. Und Habermas als Assistent von Theodor W. Adorno hatte die Vorprüfung zu übernehmen. Ich sagte ihm: Tut mir leid, es ist viel zu lang, aber ich kann es nicht kürzen. Da meinte Habermas, er habe mit Adorno geredet, und der fände es in Ordnung. Das war mein erster wissenschaftlicher Kontakt mit ihm. Ich war völlig verblüfft.

Und dann hat er Ihnen angeboten, sein Assistent zu werden?

Nicht sofort, vielleicht ein halbes oder ein Jahr später. Aber es mag schon sein, dass er in mir einen orthodoxen Marxisten vermutete.

Was er seinerzeit auch war?

Das kann man so nicht sagen. Er sympathisierte mit den Argumenten, die aus dem westlichen Marxismus von Philosophen wie Maurice Merleau-Ponty und anderen kamen. Ich persönlich habe ihn nicht für einen Marxisten gehalten.

Hat er Ihnen als Assistent viele Freiheiten gelassen?

Absolut alle, die man sich nur denken kann.“

Sie hatten wenig Pflichten?

Überhaupt keine. Von meiner Assistententätigkeit hatte er nicht viel. Ich habe nur eine Dienstleistung für ihn erbracht, das Glossar für seine Habilitationsschrift „Der Strukturwandel der Öffentlichkeit“. Das war sehr schwierig damals, es war ja nichts digitalisiert. Ich hatte die Zettel wochenlang über meine ganze Wohnung verteilt. Er war ein Ordinarius, wie er so kaum irgendwo erkennbar war.

Sie sind acht Jahre sein Assistent gewesen, von 1962 bis 1970.

Ja, und es kennzeichnet unser Verhältnis, das eines der gegenseitigen politischen Anerkennung war. In diesen acht Jahren hätte er schon mehrfach meinen Weiterförderungsantrag nicht verlängern und mich damit entlassen können. Aber das hat er nicht getan.

Was haben Sie vor allem von ihm gelernt?

Eine nicht opportunistische Haltung. Das heißt eine Haltung, in der er bestimmte Linien konstant weiter verfolgte und sich auf jedes Gespräch einließ. Habermas gehört für mich zu jenen Personen, die argumentationswütig waren, wenn man das so sagen kann. Manchmal hat er auch im Gespräch die Argumente gegen sich gestärkt, um die Diskussion nicht abbrechen zu lassen.

1968 hat er mit Blick auf die protestierenden Studenten von „linkem Faschismus“ gesprochen. War das einer seiner größten Fehler?

Es war im Grunde ein Missverständnis. Habermas hatte Bedingungen formuliert: Wenn Sie das und das und das meinen, dann könnte man das heute linken Faschismus nennen. Er hat Tendenzen bezeichnet. Ich habe das damals selbst zu affirmativ verstanden und ein Buch „Die Linke antwortet Jürgen Habermas“ herausgegeben. Er wollte dafür ein Nachwort schreiben, aber als er die Beiträge las, hat er es nicht getan. Er war zu Recht sehr beleidigt. Ich habe mich später öffentlich dafür entschuldigt. Unser persönliches Verhältnis ist dennoch intakt geblieben. Es hat mehr mit Persönlichkeitsstrukturen zu tun, nicht so sehr mit sozialphilosophischen Inhalten. Habermas ist immer auch an Öffentlichkeit interessiert gewesen, er hat sich eingemischt. Und er hat Begriffe geprägt wie die „Kolonisierung der Lebenswelt“ oder die „neue Unübersichtlichkeit“. Er hat damit auch eine Tradition der Realitätsanpassung von Leuten aus der Universität geprägt. Er intervenierte sachgebunden sein ganzes Leben lang. Und er hat viel Lust verspürt, auch journalistisch tätig zu sein. Er sagte mir einmal: Wenn die Habilitation bei Wolfgang Abendroth nicht klappt – Max Horkheimer hatte ihm die akademische Karriere verweigert –, dann werde ich eben Journalist. Er hatte ja im wissenschaftlich-philosophischen Zusammenhang auch schon einiges geschrieben. War er einflussreicher als Philosoph oder als öffentliche Figur? Ob als Philosoph, das werden wir wahrscheinlich jetzt bei den Veranstaltungen zu seinem Geburtstag am 19. und 20. Juni erfahren. Für mich persönlich war er einflussreich als ein politischer Intellektueller, der bei allen prekären gesellschaftlichen Problemlagen interveniert hat. Und zwar auf der Linie, die in Deutschland eher diskreditiert war: auf der Linie der Aufklärung. Die hat er konsequent verfolgt, und darin liegt auch seine große Bedeutung. Für mich liegt in seinen kleinen politischen Schriften sein eigentlicher Einfluss.

In der „Theorie des kommunikativen Handelns“ spricht er von der „idealen Sprechsituation“. Davon sind wir in Zeiten der Internet-Debatten offenbar weit entfernt.

Die ideale Sprechsituation ist eine transzendentale Voraussetzung für Kommunikation überhaupt. Ich habe sie nie als einen empirischen Vorgang betrachtet. Aber ohne diese Bedingungen gibt es keine Wahrheit, keine Verständigung. Ohne sie als Bezugspunkt entsteht keine friedensfähige Gesellschaft.

Das Interview hat Peter Intelmann geführt! Siehe Frankfurter Neue Presse vom 17. Juni 2019