Für die Aktionisten und Theoretiker der Studentenbewegung ist die Welt übersichtlich geordnet: Sie selbst sind Antifaschisten. Sie bekämpfen den faschistischen Staat. Dies legitimiert Gewalt, Vorlesungsstörungen, Rektoratsbesetzungen, Körperverletzungen, Brandstiftungen, Diffamierungen und vieles mehr. Die Demokratie mit ihrer Gewaltenteilung wird verhöhnt. Die Amtsträger sind Büttel des kapitalistischen Systems. Die Revolution ist angesagt. Der Kampfbegriff Faschismus ist für sie eine Waffe. Sie wird hundertfach eingesetzt. Dies belegen zahllose Flugblätter und Aktionen, Einige Dokumente werden auf dieser Seite vorgestellt. Jedoch präsentiere ich im ersten Teil Aktuelles zum Thema:
I. Teil: Aktuelles zum Thema Faschismus:
1. Ein aktuelles Beispiel , wie der Begriff Faschismus kämpferisch in der politischen Auseinandersetzung genutzt wird: Die Bundestagsrede des Abgeordneten Ferat Kocak am 16.10.2025:
„Antifaschismus gehört nicht verboten. Antifaschismus gehört in die Verfassung!
Antifas wie „widersetzen“, „Studis gegen Rechts“, „Omas gegen Rechts“ oder die Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes, gegründet von jüdischen Überlebenden des Holocaust, leisten heute unverzichtbare antifaschistische Arbeit – in einer Zeit, in der der deutsche Faschismus erneut auf den Straßen Menschen ermordet und mit der AfD wieder in den Parlamenten sitzt. Mit den Worten der jüdischen Antifaschistin und Auschwitz-Überlebenden Esther Bejarano: „Wir können froh sein, dass wir eine Antifa haben.“ Die Antifa steht dafür, dass sich Auschwitz nie wiederholt, dass Menschen sich wehren, wenn Hass und Rassismus wieder laut werden.
(Beifall bei der Linken und dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der SPD)
Und mit den Worten von Heidi Reichinnek: An alle „Menschen da draußen: Gebt nicht auf […] leistet Widerstand gegen den Faschismus im Land. Auf die Barrikaden!“
– Geschichte wird gemacht! Nie wieder Faschismus! Alerta, alerta, antifascista!
(Beifall bei der Linken – Zuruf von der AfD: Hetzer! Hetzer! – Zuruf von der AfD, an die CDU/CSU gewandt: Mit denen macht ihr zusammen Politik! Also wirklich!).“
2. Zwei Artikel in der FAZ:
„Ist das Faschismus?“ Warum fragt man so? – von Jan Philipp Reemtsma – FAZ 6. Mai 2026
Die Faschismus-Frage ist im akademischen Diskurs allgegenwärtig. Es wird so getan, als hinge von der Antwort politisch etwas ab. Doch über die Sehnsucht nach Geborgenheit im gemeinschaftlichen Wortgebrauch wird die historische Analyse, die nützliche Einsichten bereithalten könnte, vernachlässigt.
Kommunikation ist nicht nur bestimmt durch das, was Leute sagen wollen oder meinen, sagen zu wollen, sondern auch durch den Wunsch, bestimmte Wörter unterzubringen
Wir kennen die Frage „Ist das Faschismus“ aus Artikeln, Interviews sonder Zahl, es gibt ein Bedürfnis nach ihr, nach Antworten auf sie, und wenn ein Interviewter auf die Frage sagt, sie sei nicht sinnvoll, aber möglicherweise sei dies oder jenes, wonach gefragt wird, „Faschismus“, wird die Headline lauten: „Vielleicht ist es Faschismus!“ Irgendwas treibt die Fragenden an; die Leute verwenden das Wort gern. Daraus muss man keine Folgerungen die politischen Einstellungen derer, die gerne das Wort benutzen, betreffend, ziehen. Kommunikation ist nicht nur bestimmt durch das, was Leute sagen wollen oder meinen, sagen zu wollen, sondern auch durch den Wunsch, bestimmte Wörter unterzubringen.
Das gilt für Wörter oder Wortbestandteile, deren Gebrauch für unabdingbar gehalten oder wütend befeindet wird wie die Endung „/innen*“, die weniger etwas so oder so Gemeintes als die Zugehörigkeit zu der Gruppe, die so spricht (oder eben nicht), signalisiert, oder wie der Gebrauch des Wortes „Globalisierung“ nur kenntlich machte, dass man „globalisierungskritisch“ eingestellt war – der Gebrauch des Wortes ersetzte die in der Regel nicht mögliche Auskunft darüber, was eigentlich gesagt werden sollte.
Man sucht nach einer wechselseitigen Vergewisserung affektiver Zusammengehörigkeit.
Der engagierte Gebrauch des Wortes „Faschismus“ macht deutlich, dass man zu denen gehört, die sich ernste Sorgen über die politische Zukunft unseres Gemeinwesens und der übrigen Welt machen, und wer Zweifel anmeldet, ob etwa die Frage „Ist das Faschismus“ sinnvoll sei, sieht sich mit dem Verdacht konfrontiert, er nehme die Weltlage nicht ernst. Man sucht nach einer wechselseitigen Vergewisserung affektiver Zusammengehörigkeit.
Es gibt beim „Faschismus“ – also dem Nationalsozialismus, dem italienischen Faschismus, dem Regime Perons, dem Francos und der Falangisten – den Streit, ob sie alle besser verstanden wären, wenn man sie unter denselben Oberbegriff („Faschismus“) stellt
Die Frage „Ist das Faschismus?“, die sich in die akademischen Debatten eingeschlichen hat, scheint mir aber von anderem Schlage zu sein. Sie tut so, als wäre die Frage nach dem Ob oder Wann oder Schon oder Wie von unmittelbarer politischer Bedeutung. Als hinge von der Antwort auf sie irgendetwas ab. Von der Antwort auf akademische Fragen hängt aber unmittelbar gar nichts ab. Was ist denn Historiographie, was ist Soziologie? Verkürzt gesagt: es sind unterschiedliche Arten, wie Gesellschaften über sich selbst nachdenken. Dieses Nachdenken wird delegiert, und zwar mit großem Aufwand. Bibliotheken werden zusammengestellt, Häuser gebaut, viele Menschen dafür bezahlt, dass sie lehren, lernen.
Zu unserer modernen (arbeitsteiligen, funktional differenzierten) Gesellschaft gehört, dass das geschieht, ohne dass dies Tun ein Ziel, eine „Aufgabe“ hätte: es soll einfach geschehen. Jedem und jeder, der oder die daran teilnimmt, bleibt es unbenommen, dieses Tun für sich selbst anders zu sehen, etwa mit politischer Semantik aufzuladen. Es ist ein Teil eines liberalen Credos, dass zur realistischen Selbstauffassung einer funktional differenzierten Gesellschaft als Tugend gehört, das für selbstverständlich anzusehen.
Welche Fragen bringen uns eigentlich weiter und welche nicht?
Meine Kritik ist keine, die „von außen“ kommt, „an den Betrieb“ gerichtet ist und versucht, ihn als solchen normativ zu adjustieren (derlei wäre ein Missverständnis dessen, was akademisches Tun ist, und ein antimodernes, illiberales Ressentiment), sondern „von innen“, also die Frage betreffend, welche Fragen uns (die wir an diesem akademischen Nachdenken beteiligt sind) eigentlich weiterbringen und welche nicht. Hierfür ist die Hilfsfrage nützlich: Was wissen wir, wenn wir das wissen? In welcher Weise sind wir klüger, wenn auf die Frage „Ist das schon…“ Ja oder Nein geantwortet wird?
Nehmen wir an, jemand antwortet auf die Frage, wenn sie mit Blick auf die USA unter der Trump-Regierung gestellt wird, mit Nein. Was lehrt uns das? Was, wenn die Antwort Ja lauten würde? Nichts wird klarer, denn welche Beschreibungen der Verhältnisse zu Protokoll gegeben werden, um die eine oder andere Antwort plausibel zu machen, die Benennung so oder so, tut nichts dazu.
Wenn ich versuche, die Gegenwart zu verstehen, indem ich danach suche, welche Züge sie mit welchen Ereignissen der Vergangenheit gemeinsam hat, so ist das ein unterhaltsamer Sport, aber kaum ein Weg, auf dem ich die Gegenwart besser verstehe.
Wenn ich in die Vergangenheit blicke und frage, ob der Nationalsozialismus und der italienische Faschismus besser verstanden werden als unterschiedliche Ausprägungen einer historischen Sache oder eigentlich nur dann, wenn ich die Unterschiede hervorhebe und mir dann auch verbiete, dasselbe Etikett zu verwenden, kann, wie gesagt, diese Debatte zum besseren Verständnis der historischen Phänomene beitragen und wird es vermutlich tun. Aber wenn ich versuche, die Gegenwart zu verstehen, indem ich danach suche, welche Züge sie mit welchen Ereignissen der Vergangenheit gemeinsam hat, so ist das ein unterhaltsamer Sport, aber kaum ein Weg, auf dem ich die Gegenwart besser verstehe.
Gewiss ist das nicht neu. Als man mit etwas schlechthin Neuem, der Französischen Revolution, konfrontiert war, versuchte man ihre Dynamik aus dem Vergleich mit Ereignissen der griechisch/römischen Antike zu verstehen. Das war allerdings unter einer Voraussetzung sinnvoll: Man ging davon aus, dass historische Ereignisse anthropologische Lektionen seien. So zu denken ist – trotz Helmuth Plessner, trotz Heinrich Popitz – akademisch unpopulär; anthropologisch gilt als Synonym für „immer dasselbe“, dabei ist der zentrale anthropologische Lehrsatz Karl Marxʼ 6. These „ad Feuerbach“, der Mensch sei kein außerhalb der Welt hockendes Wesen, sondern das „Ensemble der gesellschaftlichen Verhältnisse“, d.h. die Summe aller Beziehungen, die er im Laufe seiner Geschichte zu sich selbst und seiner außergesellschaftlichen Umwelt eingeht.
„Geschichte“ ist eine unabgeschlossene Kasuistik dessen, was der Mensch ist
„Geschichte“ ist eine unabgeschlossene Kasuistik dessen, was der Mensch ist, Soziologie ist die genaue Untersuchung von Abschnitten dieser Geschichte unter bestimmten Gesichtspunkten. „Anthropologie“ (so verstanden) ist der Oberbegriff über beide Disziplinen (und Politologie, Ethnologie und Archäologie). Von „Anthropologie“ zu reden, sollte nicht bedeuten anzunehmen, der Mensch bleibe sich in allen seinen historischen Transformationen gleich, sondern zu verstehen, wie der Mensch sich an seine Umwelt anpasst, indem er sie an sich anpasst (historisch in unterschiedlich radikaler Weise), und wie er sich an die soziale Umwelt anpasst, die er auf diese Weise geschaffen hat.
Man kann Geschichte auf interessante Weise als Abfolge von Anpassungskrisen und Kalmierungsphasen beschreiben
Man kann Geschichte auf interessante Weise als Abfolge von Anpassungskrisen und Kalmierungsphasen beschreiben. Das Stichwort dazu hat Karl Popper in seinem Werk „Die offene Gesellschaft und ihre Feinde“ gegeben.
Man kann Geschichte als subjektlos geregelten Weltgesellschaft beschreiben
Man kann Geschichte als einen permanenten, aber diskontinuierlichen Prozess der Transformation verstreuter, überschaubarer Kleingruppen hin zu einer abstrakten, von interdependenten, aber unüberschaubaren Kommunikationsnetzen subjektlos geregelten Weltgesellschaft beschreiben. Friedrich August von Hayek hat das ökonomietheoretische Analogon zu diesem Gedanken geliefert. Zu dieser Geschichtsbeschreibung gehört, ebenso die Veränderungen wahrzunehmen, die „der Mensch“ in dieser permanenten Revolution seines Gattungslebens durchmacht, wie die wiederkehrenden Muster zu begreifen, in denen sich diese Veränderungen vollziehen.
In dieser Weise „anthropologisch“ zu denken ist etwas anderes, als die Frage zu stellen, ob und, wenn ja, was sich aus Geschichte lernen läßt
In dieser Weise „anthropologisch“ zu denken ist etwas ganz anderes, als die ewige Frage zu stellen, ob und, wenn ja, was sich aus Geschichte lernen lasse. Es handelt sich bei ihr um eine Pseudofrage, denn sie ist immer schon vorentschieden: „Ja, schauen Sie auf die Gemeinsamkeiten!“/„Nein, schauen Sie auf die Unterschiede!“ So ist auch die Frage „Ist das (schon)…“ immer schon vorentschieden. Je nach Freude am Ja oder Nein zeigt man auf dieses oder jenes. Dazu kommt aber, dass die Bedeutung der angeblichen Antwort vollkommen unklar ist. Aus der Entscheidung für Ja oder Nein folgt kein verbessertes Verständnis der Gegenwart. Wenn ich behaupte, das Agieren der „ICE“-Truppen sei gut beschrieben, wenn ich es mit dem der SA vergleiche, gar gleichsetze, weiß ich eben so wenig mehr darüber, wie wenn ich den Vergleich für irreführend halte. Ich muss das Phänomen untersuchen, nicht darüber reden, wie ich es benenne.
Wir leben in einer Anpassungskrise besonderer Art
Wir leben in einer Anpassungskrise besonderer Art. Blicken wir zurück auf eine vergangene, lesen wir noch einmal Joseph Roths „Radetzkymarsch“, eines der wichtigsten Werke zum Verständnis dessen, was das 20. Jahrhundert werden sollte. Schauplatz ist das k.u.k. Österreich am Vorabend des Ersten Weltkriegs. Die handelnden Personen wissen alle intuitiv, dass die Welt, in der sie leben, nicht nur zu Ende gehen wird, sondern bereits zu Ende gegangen ist. Auch die Konservativen, die nichts kennen als Kaiser und Kaiserreich und Militär und Beamtentum, wissen, dass es vorbei ist, dass sie alle lebende Tote sind. Sie machen weiter, weil sie nicht wissen, was sie sonst machen sollen. Jeder hat seine Art und Weise weiterzumachen, aber das Totentanzhafte dieses Weitermachens wenigstens vor sich selbst nicht ganz so bizarr wirken zu lassen. Wenn man heute den „Radetzkymarsch“ liest, hat man den Eindruck, man lese über sich selbst und seine Nachbarn und über die, über die man in den Zeitungen liest.
Wenn alles schwankt, woran soll man sich festhalten?
Auf Öffnungen der Gesellschaft – also auf Unübersichtlichkeit, fehlende Prognostizierbarkeit, neue Verhaltensmöglichkeiten, die in Unvorhersehbares führen – reagieren deren Mitglieder oft mit Regression. Marx beobachtete das am Verhalten von Revolutionären, die sich wie Wiedergänger aus der Antike kostümieren, Walter Benjamin sah es in der Architektur, wo neue Baumaterialien dazu verwendet werden, alte Baustile nachzuahmen, Karl Kraus beschrieb, wie man versuchte, den Schützengrabenkrieg mit Metaphern wie „das Schwert ziehen“ zu bewältigen. Unsere nervös-ratlose Gegenwartswahrnehmung verführt uns ebenfalls dazu, Bilder in der Vergangenheit zu suchen: „Ist es Faschismus?“
Wenn man die richtigen Wörter gefunden hat, wenn man durch ihren Gebrauch signalisiert hat, dass man zu einer Gruppe gehört, die die Welt ähnlich wahrnimmt schwankt der Boden nicht mehr so arg
Man mag nicht den schwierigen Weg der historisch-anthropologischen Reflexion gehen und fragen, wie sich Menschen unter bestimmten Umständen verhalten haben, wie sie sich – vielleicht – unter möglicherweise nicht unähnlichen Umständen verhalten werden, sondern möchte sich daran freuen, ein vertrautes Bild zu finden und eine Unterschrift drunter zu setzen. Wenn man die richtigen Wörter gefunden hat, wenn man durch ihren Gebrauch signalisiert hat, dass man zu einer Gruppe gehört, die die Welt ähnlich wahrnimmt (recte: an derselben Wirklichkeitsverlegung teilnimmt wie man selbst), schwankt der Boden nicht mehr so arg.
Wir leben in einer Zeit extremer Transformation.
Wir leben in einer Zeit extremer Transformation. Nie zuvor waren wir über die Welt so informiert wie heute. Nie zuvor waren die Erdteile so verbunden – kommunikativ, ökonomisch, verkehrstechnisch. Nie zuvor gab es – in einem bestimmten, aber nicht unmaßgeblichen Teil der Welt – einen so großen Spielraum an Möglichkeiten, sein Privatleben zu gestalten.
Neue Möglichkeiten bringen immer neue Unsicherheiten mit sich
Neue Möglichkeiten bringen immer neue Unsicherheiten mit sich, oft tief gehende. Das Sich-Eröffnen von neuen, meist zuvor nicht geahnten Möglichkeiten, das sich zudem in so atemberaubend kurzer Zeit abspielt, von Möglichkeiten, die weitreichend sind und so existenziell bedeutsam, kann nur erschütternd sein. Der Umgang mit diesen Unsicherheiten weist immer wieder regressive Muster auf.
In den sozialen Medien kommuniziert man mit der Welt und benimmt sich wie am Stammtisch
Man sucht vor allem Sicherheit in Kleingruppen oder diese Sicherheit zu simulieren. In den sogenannten sozialen Medien kommuniziert man mit der Welt und benimmt sich wie am Stammtisch. Jemand sitzt in der Bahn, telefoniert mit Australien und brüllt, als wollte er sich über Kontinente vernehmlich machen. Das ist nicht nur schlechtes Benehmen, sondern auch Kompensation von Unsicherheit: Ich trete in Verbindung mit der Welt und benehme mich, als wäre ich allein zu Haus. Menschen tragen ihre Kommunikationsgeräte, die sie potentiell mit der ganzen Welt verbinden können, mit sich herum, als wären es Kuscheltiere. Es ist eine Allegorie, die uns auf Schritt und Tritt begegnet: Die Welt öffnet sich, die Leute klammern sich ängstlich fest.
Der Jakobinismus, der Leninismus haben die Krisen ihrer Welt durch politische Entwürfe nach dem Maße geschlossener Kleingruppen zu beantworten gesucht.
Auch die Bewegungen und Regime des 20. Jahrhunderts, die man so oder so „faschistisch“ genannt oder mit unterschiedlichen Termini bedacht, aber doch als verwandt angesehen hat, waren auch als Reaktionsbildungen auf Modernisierungs- oder Öffnungsschübe zu verstehen. Derlei hat es in der Geschichte immer wieder gegeben. Oft handelt es sich um rigide Phantasien oder politische Praxen rabiater sozialer Schließungen. Ein klassischer Fall ist das antike Athen, das sich ökonomisch und intellektuell radikal änderte – die uns heute noch beeindruckende Antwort war die totalitäre Phantasie von Platons „Politeia“. Der Jakobinismus, der Leninismus haben die Krisen ihrer Welt durch politische Entwürfe nach dem Maße geschlossener Kleingruppen zu beantworten gesucht.
Karl Kraus berühmtes „Zu Hitler fällt mir nichts ein“ war der Versuch, aus diesem Schock eine Analyse zu machen.
Etwas kommt hinzu. Es gab etwas, das diejenigen, die den Nationalsozialismus erlebten und zu verstehen suchten, vor den Kopf stieß, und das sie in seiner Offensichtlichkeit dennoch selten in Worte zu fassen vermochten. Karl Kraus berühmtes „Zu Hitler fällt mir nichts ein“ war der Beginn des differenzierten Versuchs, aus diesem Schock eine Analyse zu machen. Konnte man, wie er in den „Letzten Tagen der Menschheit“ demonstriert hatte, das Gesicht der Gegenwart aus dem Auseinanderklaffen von Wirklichkeit und Phrase („im Gaskrieg bis aufs Messer kämpfen“) gewinnen, so versagte dieses Mittel jetzt. Was sollte man mit der Metapher „Salz in die Wunde streuen“ machen, wenn ein solcher Satz das bezeichnete, was die SA mit den politischen Häftlingen wirklich tat?
Kurz nach 1945 war das Wort „Faschist“ in aller Munde und bezeichnete alles und jeden, den man irgendwie nicht mochte
Kurz nach 1945 beobachtete George Orwell in England, wie sehr das Wort „Faschist“ in aller Munde war und alles und jeden bezeichnete, den man irgendwie nicht mochte. Orwell versuchte hinter dem Gerede etwas zu sehen, worauf es möglicherweise denen ankam, die alles Mögliche „faschistisch“ nannten, und kam zu der Antwort: Bullyness. Gewalttätigkeit, Willkür, von „Disruptivität“ würden wir heute sprechen. Diese Bullyness macht kognitive Probleme, weil sie emotional überfordert. Lion Feuchtwanger hat es in dem Roman „Die Geschwister Oppermann“ 1933 schon als einfache Einsicht ausgesprochen: „Darum sind die (die Nazis) heute an der Macht. Sie haben Mittel angewandt von solcher Primitivität, dass die andern sie einfach nicht für möglich hielten.“
Wie man den redensartlichen Elefanten im Raum nicht sieht, sieht man das Offensichtliche nicht, weil man gewohnt ist, hinter die Kulissen zu spähen oder Rätsel zu lösen.
Theoretisieren ist für das Offensichtliche nicht gemacht
Theoretisieren ist für das Offensichtliche nicht gemacht. Nicht dass es dem Denken unzugänglich wäre, nur muss man sein Denken adjustieren. Gewalt scheint theorieunverträglich (die Soziologie hat bis vor nicht allzu langer Zeit bis auf wenige Ausnahmen Gewalt nicht als theoriewürdigen Gegenstand wahrgenommen, was kurios ist). Personenzentrierte Regime sind soziologischem Räsonnement fremd.
Dabei kennt die Geschichte immer wieder institutionelle Gefüge, die zulassen, zuweilen fördern, institutionsfeindliche, zuweilen zerstörerische personale Herrschaft zu etablieren. Die römische Republik transformierte sich vorübergehend so, die Weimarer Republik führte zu so einem Ergebnis, die amerikanische Verfassung – ersonnen wie die der römischen Republik, um Einpersonenherrschaft zu verhindern („No Kings!“) – lässt etwas wie Donald Trump zu.
Zum Verständnis der zerstörerischen Herrschaft trägt es nichts bei, wenn man versucht, sie richtig zu etikettieren und die Etikette aus etwas zu gewinnen, was man „Faschismusanalyse“ nennt.
Zum Verständnis dieses Phänomens trägt es nichts bei, wenn man versucht, es richtig zu etikettieren und die Etikette aus etwas zu gewinnen, was man „Faschismusanalyse“ nennt. Als neulich die „Süddeutsche Zeitung“ den Politologen Robert Kagan interviewte, beschrieb er das Trump-Regime als Herrschaft einer Bewegung, die eine weiße, männliche, christliche, wohlhabende, mehr oder weniger offen agierende Aristokratie repräsentiert, die die Verfassung nicht als politische Programmatik einer sich demokratisierenden, zunehmend inklusiven, auf individuellen Rechten beruhende Gesellschaft zu lesen bereit ist. Die habe sich Trump als „Rammbock“ gewissermaßen engagiert.
Da mag sich Kagan irren, oder es mag sich die Machtclique, die diese Bewegung repräsentiert, irren, wie sich Papen mit seinem „wir haben ihn engagiert“ geirrt hatte. Oder auch nicht. Mag sein, dass Trumps „ungewöhnlicher Charakter ganz nützlich“ ist, „seine Eitelkeit, sein Wunsch, alles zu dominieren. Seine Bereitschaft, mit liberalen demokratischen Traditionen zu brechen.“ Aber solche Bullyness ist nie wirklich zu instrumentalisieren, weil auch der, der sie zu instrumentalisieren sucht, auf das Nicht-Instrumentalisierbare setzt, auch auf das Unvorhersehbare, Erratische, gepaart mit Tempo und irrlichternder Rhetorik.
Wichtig ist eine historiographische Kasuistik in anthropologischer Absicht: am Exempel zeigen, welche Gefahren bestimmte Herrschaftstechniken implizieren
Der Historiker Götz Aly, der im Laufe seines Lebens ganz unterschiedliche Untersuchungen über verschiedene Facetten des Nationalsozialismus publiziert hat, hat in seinem letzten Buch auf einen Aspekt der NS-Herrschaft hingewiesen, in einem Artikel in der F.A.S. hat er seine Analyse zusammengefasst: Aktionismus, Tempo, Überwältigung, Größenwahn und Prahlerei als Grundlage von Entscheidungen und rapider Durchführung – „Mittel von solcher Primitivität“, dass man sie „nicht für möglich“ hält.
Kagan ließ sich vom Interviewer dazu bringen, eine Etikettbestätigung zu liefern („Ja, das ist Faschismus“), hatte aber zuvor gesagt: „Es ist ganz egal, wie man das nennt.“ Auch Aly redet nicht davon, Trumps Regierung sei ein faschistisches oder faschistoides Regime. Ihm geht es um eine historiographische Kasuistik in anthropologischer Absicht: am Exempel zeigen, welche Gefahren bestimmte Herrschaftstechniken implizieren. Solche Analysen braucht es, sie sind akademisch ebenso weiterführend wie der politischen Einsicht von Nutzen. Und weit entfernt vom Geborgenheitsgewinn durch den gemeinschaftsstiftenden Wortgebrauch.
3. Soll man neue Autoritarismen als Faschismus bezeichnen? Eine Kontroverse um den Faschismusbegriff dreht sich um die Frage, wie gegenwärtige Krisen politisch angemessen zu begreifen sind.
Faschisierung – ein begrifflicher Ausweg? Von Tania Martini – in der FAZ vom 16. Mai 2026
Die Frage, ob man angesichts neuer autoritärer Regime und illiberaler oder rechtsextremer Dynamiken von Faschismus sprechen kann, beschäftigt politische und wissenschaftliche Debatten seit geraumer Zeit. In den Vereinigten Staaten wird diese Auseinandersetzung mit Blick auf den Trumpismus schon länger geführt; inzwischen hat sie auch hier deutlich an Intensität gewonnen. Darauf verweist die wachsende Zahl einschlägiger Publikationen und die für die kommenden Monate angekündigte Vielzahl an Büchern zum Thema.
Wird der Begriff „Faschismus“ inflationär verwendet?
An Dynamik hat diese Diskussion gewonnen, seit der Soziologe Jan Philipp Reemtsma vergangene Woche an dieser Stelle fragte, was die Frage „Ist das Faschismus?“ eigentlich zum Ausdruck bringt. Er meinte, die inflationäre Verwendung des Faschismus-Begriffs stifte als Gruppensignal zwar affektive Zugehörigkeit, aber Erkenntnisgewinn entstehe dabei nicht unbedingt. Im ständigen Fragen nach und Konstatieren von „Faschismus“ werde, so konnte man ihn verstehen, die konkrete Analyse von Macht- und Handlungsmustern leicht durch bloße Etikettierung ersetzt. Die Bejahung oder Verneinung der Frage „Ist das Faschismus?“ verbessere nicht unser Verständnis der politischen Realität, ihre ständige Wiederkehr habe oft mehr eine kommunikative Funktion als eine erkenntnisfördernde: „Ich muss das Phänomen untersuchen, nicht darüber reden, wie ich es benenne“, schreibt Reemtsma; darin Karl Kraus ähnlich, der meinte, historische Analogien würden gerne benutzt, um die Gegenwart nicht präzise analysieren zu müssen.
Verkennt Reemtsma die Funktion politischer Begriffe?
Was man also als Wunsch nach einer tatsächlichen Analyse der vielgestaltigen Veränderungen unserer gesellschaftlichen Realität lesen könnte, rief bei den Philosophen Rahel Jaeggi und Robin Celikates harsche Kritik hervor. Mit einigem Furor bezichtigten sie Reemtsma in der Zeit, die „Möglichkeit einer Gesellschaft, im Medium der Wissenschaft über sich selbst nachzudenken, empfindlich infrage“ zu stellen. Reemtsma verkenne die epistemische Funktion politischer Begriffe. Und die gegenwärtigen Gefahren gleich mit.
Ist die Verwendung des Faschismusbegriffs moralisch verpflichtend?
Angesichts der Schwere der Krise liberaler Demokratien verbiete sich jede Koketterie, und so fragen die beiden Autoren weiter: „Ist es angesicht zunehmend offener Apologien des Rechts des Stärkeren und sich verschärfender Angriffe auf zentrale Elemente der Demokratie wie den Schutz von Minderheiten nicht doch wichtiger, die Lust an der faschistischen oder autoritären Gewalt zu analysieren als die unterstellte ‚Lustʻ am Faschismusvorwurf?“ Ein Einwurf, der den Faschismusbegriff zur moralischen Verpflichtung erhebt und kurioserweise Reemtsmas Beobachtung, dass es vorrangig oft um etwas anderes als die Analyse geht, geradezu bestätigt. Auch bei Jaeggi und Celikates dient der Begriff weniger der Analyse als der Organisation legitimer politischer Affekte.
Warum erscheint die theoretische Distanz Reemtsmas als politische Verfehlung?
Es ist ja nichts falsch daran, sich „ums Verstehen und um Unterscheidungen“ zu bemühen, und ja, Begriffe haben, wie die Philosophen schreiben, Folgen für „unsere Möglichkeiten, gesellschaftlich und politisch auf die Situation zu reagieren“. Auch ist es richtig, die politischen Verfehlungen, Ausschlüsse und Infamien festzuhalten, die sie in ihrem Text als Merkmale gewaltvoller Politik ausweisen. Aber warum erscheint die theoretische Distanz Reemtsmas – eigentlich unnötig, hinzuzufügen, dass Reemtsma den Großteil seiner Arbeit der Erforschung von Gewalt gewidmet hat – bei ihnen als politische Verfehlung?
Hier zeigen sich die Grenzen der Kritik beider Autoren, die des moralischen Alarmismus bedarf und gar an die Schwelle magischen Denken gerät, insofern sie implizit davon auszugehen scheinen, dass die bloße Benennung des Phänomens bereits eine Art epistemische Eindämmung desselben leistet.
Die Verwendung des Begriffs Faschismus ist nicht hinreichend, um Umwälzungen unserer Zeit zu erfassen
Doch so wenig die bloße Aufzählung politischer Gewaltmerkmale bereits eine Gesellschaftstheorie ergibt, so wenig ist der Begriff Faschismus hinreichend, um Umwälzungen unserer Zeit zu erfassen. Begriffe können analytisch stumpf werden, insbesondere dann, wenn die starre begriffliche Schließung Dynamiken eher verdeckt als erschließt. Um dem entgegenzuwirken und stärker auf das Prozesshafte und Unabgeschlossene hinzuweisen, ist in jüngerer Zeit zunehmend von „Faschisierung“ statt von „Faschismus“ die Rede. Was nicht selten begriffliche Kosmetik bleibt. Jaeggi und Celikates gelingt es selbst dort, wo sie vorsichtshalber von „Faschisierung“ sprechen, dem Begriff wieder jene zweifelhafte Eindeutigkeit zu verleihen, den er gerade vermeiden sollte. Wenn sie etwa beiläufig erklären, es gebe „ein tiefgreifendes Entfremdungsproblem unserer gesellschaftlichen Institutionen, das zu einem Gefühl von Machtlosigkeit beiträgt und damit den Boden der Faschisierung bereitet“ oder „die Blockade von Lösungen“ als „das Gefühl der Zeit“ beschreiben und die Dynamiken der Faschisierung als Reaktion auf dieses Zeitgefühl definieren, bleibt eher der Eindruck prägnanter Formeln als begrifflicher Präzision oder analytischer Erkenntnis zurück. Faschisierende Tendenzen erscheinen bei ihnen vor allem als Folge einer falschen politischen Rahmung gesellschaftlicher Krisen. Die innere Bereitschaft der Subjekte zur Unterwerfung findet in dieser Rahmung keine Beachtung.
Es entsteht der Eindruck, daß der Begriff „Faschisierung“ als generalisierte Chiffre gegenwärtiger Krisen genutzt wird
Von Faschisierung sprechen die beiden Philosophen auch, um die Annahme zurückzuweisen, Faschismus sei schlicht das Gegenteil von liberaler Demokratie. Faschismus lasse sich heute nicht mehr als klarer Bruch mit der liberalen Ordnung verstehen; der Begriff „Faschisierung“ lenke demgegenüber den Blick auf graduelle Übergänge. Das erscheint vor allem mit Blick auf die Vereinigten Staaten durchaus plausibel und kann den Blick dafür schärfen, dass autoritäre Dynamiken sich aus der Mitte liberaler Gesellschaften heraus entwickeln können. Dennoch entsteht der Eindruck, dass Jaeggi und Celikates den Begriff nicht bloß als heuristisches Werkzeug, sondern als generalisierte Chiffre gegenwärtiger Krisendiagnostik verwenden: Überforderung, Spaltung, Deklassierung, Ausgrenzung, verschiedene Formen der Gewalt erscheinen dann als Ausdruck einer einheitlichen Dynamik. Abgesehen davon, dass man ganz grundsätzlich gerne wissen würde, inwiefern überhaupt Gemeinsamkeiten mit dem historischen Faschismus bestehen, wartet man auch vergeblich auf eine Analyse sozioökonomischer Veränderungen oder Formen politischer Steuerung, die diese Phänomene auf strukturelle Zusammenhänge zurückführt.
Wer mit altem theoretischem Besteck auf die gesellschaftlichen Zäsuren blickt, offenbart die gegenwärtige Schwäche linker Theorie
An ihre Stelle tritt der abgenutzte Verweis auf Max Horkheimers Diktum, wer vom Kapitalismus nicht reden wolle, solle auch vom Faschismus schweigen. „Faschisierung ist ein Teufelskreis, dem eine Gesellschaft nur entkommt, wenn es ihr gelingt, anders über die Krisen der Gegenwart nachzudenken“, schreiben Rahel Jaeggi und Robin Celikates. Man möchte diese Aufforderung an die Autoren zurückgeben. Denn wer wie sie mit altem theoretischem Besteck auf die kommende Zäsur blickt, die schrecklich sein mag, offenbart vor allem eines: die gegenwärtige Schwäche linker Theorie. Tania Martini
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4. Der Kommentar von Hartmut Riehn zu den beiden vorangehenden FAZ-Artikeln, die sich mit dem Begriff Faschismus befassen
Jan Philipp Reemtsma stimme ich aus folgenden Gründen unbedingt zu:
Der Begriff „Faschismus“ beschreibt historisch ein sehr spezifisches, extremes und zerstörerisches politisches System. Wenn es jedoch darum geht, heutige, komplexe gesellschaftliche Probleme oder Krisen zu analysieren, ist er nicht hilfreich. In der aufgeheizten Öffentlichkeit wird er beliebig genutzt, um den politischen Gegner zu diffamieren und in die rechte Ecke zu stellen. Er wird als Kampfbegriff und rhetorische Waffe genutzt, um auf einfache Weise – ohne weitere analytischen Aufwand – sich selbst als Gutmensch darzustellen. Dies funktioniert auch beliebig zwischen Staaten: Putin diffamiert beispielsweise die Ukraine als faschistisch, um seinen Krieg zu legitimieren. Die DDR war selbstverständlich antifaschistisch und die BRD mit dem gesamten Westen ein faschistisches, kapitalistisches System. usw.
Wir leben im 21. Jahrhundert, und die heutigen Bedrohungen für demokratische Gesellschaften funktionieren anders als in den 30er Jahren. An Stelle von Gewalt und Militär wird polarisierend desinformiert. Das Erstarken von extremen Parteien, die tendenziell die Gewaltenteilung ablehnen, ist komplex: Globalisierungsverlierer suchen aggressiv Genugtuung, strukturelle Ungleichheit führt zu Sozialneid, kulturelle Entfremdung schüchtert ein, etablierte Medien leiden unter Vertrauensverlust. Wer diese neuen Mechanismen mit der Schablone „Faschismus“ analysiert, sucht Hilfe in der Vergangenheit und verschleiert die tatsächlichen, neuartigen Gefahren der Gegenwart.
II. Teil: Die Theorie des Faschismus im historischen Zusammenhang
Begriffsbestimmungen des Faschismus
Der Begriff Faschismus bezeichnet politische Bewegungen und Herrschaftssysteme mit extrem nationalistischer, antidemokratischer und antirechtsstaatlicher Ideologie und autoritären Strukturen. Dies gilt vor allem für den deutschen Nationalsozialismus unter Adolf Hitler.
Die Begriffsbestimmung ist allerdings nur eine Variante von zahlreichen anderen. So ist zum Beispiel für Wolfgang Wippermann der Faschismus die Bezeichnung für ein generisches, globales und Epochen übergreifendes politisches Phänomen. Der Faschismus bedroht global immer wieder Demokratien . Er stellt eine gegenwärtige und weltweite Gefahr dar. Aktuell beweist dies Putin höchst bedrohlich.
Die notwendige Definition des Begriffs „Faschismus“ ist schwierig. Je nach politischer Einstellung wird er unterschiedlich verstanden – vor allem von denjenigen, die sich als Antifaschisten gerieren.
Man könnte zum Beispiel auf die Begriffsbestimmung von Ernst Nolte zurückzugreifen (Der Faschismus in seiner Epoche. Action francaise – Italienischer Faschismus – Nationalsozialismus. Piper, München 1963).

Faschismus aus der Sicht Noltes


Ernst Nolte nennt als Merkmale des Faschismus den Antimarxismus, Antiliberalismus, Nationalismus, Einsatz von Gewalt und Propaganda. Hinzutreten können Rassismus und Antisemitismus.
Jedenfalls gilt Benito Mussolini als Erfinder des modernen Faschismus.
„Fascio meint einfach eine Gruppe junger Menschen und eine Kampftruppe. Beginnend mit Bauernbünden im Sizilien des späten 19. Jahrhunderts wurde er populär. Nach dem Ersten Weltkrieg ‚fasci di combattimento‘, also kleine Kampftrupps, die im Wesentlichen extrem nationalistisch ausgerichtet waren und gegen die Arbeiterbewegung gekämpft haben.
Das hat Mussolini aufgegriffen, der selber nicht dort Mitglied war, der aber auf seinem Weg zur Macht gesehen hat, dass er seine breit gelagerte politische Bewegung buchstäblich schlagkräftig machen kann, wenn der diese ‚fasci di combattimento‘ in seine Bewegung einordnet, und deswegen nannte er das dann Faschismus.“
Der italienische Faschismus und der deutsche Nationalsozialismus sind Prototypen der „Massenbewegungen mit charismatischen Führern“, die den modernen Faschismus kennzeichnen.
Es gilt die folgende Feststellung von Madeleine Albright (Faschismus – Eine Warnung, Dumont Verlag, 2018, Seite 21):

Für sie ist also ein Faschist jemand, der sich stark mit einer Gruppe identifiziert, den Anspruch erhebt, in deren Namen zu sprechen, und der gewillt ist, zur Erreichung seiner Ziele jedes Mittel zu ergreifen, einschließlich der Gewaltanwendung.
Diese pragmatische Definition ist sicherlich geeignet, einige Aktionen im Verlauf der Unruhe zuzuordnen.
III. Teil Die Verwendung der Begriff Faschismus und Antifaschismus im Verlauf der Unruhen
Die Kampfbegriffe Faschismus und Antifaschismus
Die Begriffsbestimmung wird schwierig, wenn untersucht wird, was diejenigen meinen, die mit den Kampfbegriffen Faschismus und Antifaschismus“ hantieren. Es ist verführerisch, den politischen Gegner zu stigmatisieren, indem er plakativ und pauschal als Faschist diffamiert wird und sich gleichzeitig als Antifaschist zu adeln. Man verzichtet auf eine ernsthafte Analyse der gesellschaftlichen Lage. Beliebt ist beispielsweise folgende Argumentation: Kapitalismus ist faschistisch. Ich bin gegen den Kapitalismus wahlweise gegen den Monopolkapitalismus . Also bin ich ein Antifaschist.
Auch der Rektor kann der Verlockung nicht widerstehen, die Gegenseite zu diffamieren
Im Zusammenhang mit der Vorlesungsstörung von Carlo Schmid bezeichnet er den SDS, der die Aktionen steuert, als faschistisch.
Im Zusammenhang mit der Anti-Springer-Kampagne wird der Kampfbegriff ebenfalls benutzt
Max Horkheimer entdeckt hingegen bei den Aktionisten
„Die Affinität zur Geisteshaltung der nach der Macht strebenden Nazis“
„Aus der durchaus berechtigten Forderung nach der längst fälligen Reform der Universität machen sie Ansprüche auf ihre Rechte, die auf die Vergewaltigung der großen Mehrheit der Studenten und selbst der reformwilligen Dozenten hinauslaufen, und diese Ansprüche machen sie mit Methoden geltend, die man nur als diejenigen eines linken Faschismus verstehen kann. Die Affinität zur Geisteshaltung der nach der Macht strebenden Nazis ist unverkennbar.“
SCHRIFTEN, BD. 14, FRANKFURT AM MAIN, 1988, SEITE 51
„Wer vom KAPITALISMUS nicht reden will, sollte auch vom Faschismus schweigen.“ –
(Die Juden und Europa. In: Studies in Philosophy and Social Science, Band 8. The Institute of social research, New York 1939, S. 115)
Dieser Satz Horkheimers hat für den SDS im universitären Agitationskampf eine zentrale Bedeutung. Der Kapitalismus ist für ihn nicht mehr nur potentiell faschistisch, sondern er befindet sich schon in der aggressiven Phase des offenen Faschismus, dessen Handlanger unter anderem die Universitätsbürokratie ist. Gewaltfreier Widerstand reicht nicht mehr aus. Logischerweise muss diese faschistische Gewalt mit Gegengewalt beantwortet werden.
Besonders plakativ äußert sich der SDS in einem Flugblatt vom 1. Mai 1969, Zitat:
„Mit den Arbeiterverrätern Ebert und „Bluthund“ Noske wurde der Verrat an der deutschen Revolution blutig eingeleitet, Heute wird von den Charaktermasken der SPD-Spitze mit Notstandsgesetzen, Vorbeugehaft und dein Ausnahmezustand für die Universität, dem „studentischen Ordnungsrecht“ ein neuer Faschismus vorbereitet. Heute wie damals wird das kapitalistische System, die Herrschaft der monopolistischen Clique über die lohnabhängigen Massen nicht in Frage gestellt. Die Folge muß eine Politik sein, die im Dienste der herrschenden Klasse steht und damit Verrat an den Interessen der arbeitenden Massen ist.“
In der Rückschau kritisiert Negt zu Recht die Schlichtheit dieser Argumentation, an der er jedoch seinerzeit selbst mitgewirkt hat (Negt, Oskar, Politische Intellektuelle und die Macht, Achtundsechzig,1996, Seite 248):
„Im Operieren mit dem globalen Faschismusvorwurf steckt ein Zentralproblem der Linken in dieser Zeit. Die Leichtfertigkeit, mit der unangenehme Entwicklungen, staatliche Eingriffe, Rechtsentscheidungen das Entwertungsetikett »faschistisch« aufgedrückt bekamen, widersprach dem wissenschaftlichen Selbstanspruch, historisch geprägte Gesellschaftsformen nicht miteinander zu verwechseln. Die Neigung, in der öffentlichen Agitation mit der Faschismusformel zu hantieren, um sich Beifall zu verschaffen, ist mir selbst, wie ich gestehen muß, nicht fremd gewesen. [….} Es wäre jedoch völlig verfehlt, diesen agitatorischen Gebrauchswert der Faschismusformel mit dem Skeptizismus zu verwechseln, der sich auf das prekäre Verhältnis von Kapitalismus und Demokratie richtet.“
Offensichtlich bezieht sich dieses Eingeständnis Negts rückschauend auf seine emotionale Rede vom 13.04.1968 (Neue Kritik, April 1968, Nr.47, Seiten 10 ff.):
„Als Grass von den ‘wahrhaft faschistischen Methoden’ der Journalisten des Springer – Konzerns sprach, denunzierte er die bewußte Verletzung der journalistischen Sorgfaltspflicht, bestätigte aber ausdrücklich das Recht der Springer – Zeitungen, in tagtäglicher ‘freier Meinungsäußerung’ Vorurteile zu verbreiten, Ressentiments gegen Minderheiten zu befestigen und eine illusionäre Politik zu propagieren, die dem faschistischen Potential in ungleich höherem Ausmaß Vorschub leistet als das Nebenprodukt einer Regelverletzung. Solange diese Gesellschaft weder fähig ist, die kapitalistischen Eigentums – und Herrschaftsverhältnisse durch demokratische Verhältnisse zu ersetzen, noch den gemeingefährlichen Springer – Konzern zu zerschlagen, so daß die reale Chance besteht, die Presse in ein Instrument der Aufklärung und der Entwicklung politischer Phantasie zu verwandeln, so lange ist der Faschismus als ein Massenphänomen nach wie vor die bedrohliche Perspektive dieser Gesellschaft. Als Jürgen Habermas die hypothetische Formel vom ‘linken Faschismus’ gebrauchte, wollte er vor einer selbstzerstörenden Formalisierung der provokativen Gewaltanwendung warnen; aber der überwiegende Teil der Aktionen der studentischen Protestbewegung ist gerechtfertigt durch das, woran er keinen Zweifel ließ: daß die ‘demonstrative Gewalt’ zur Erzwingung einer vom politischen Aufklärungsinteresse bestimmten Öffentlichkeit auch die Verletzung repressiv gewendeter Regeln einschließt. Der ‘Linksfaschismus’ ist die Projektion der systemimmanenten Faschisierungstendenzen auf leicht diskriminierbare Randgruppen. Diejenigen, die heute unentwegt von Terror und Faschismus reden, sollten bedenken, daß vor allem die schleichende Entwertung der Grundrechte und die Aushöhlung demokratischer Institutionen den Boden bereiten helfen, auf dem ein neuer Faschismus wachsen kann. Wie in der Vergangenheit wird er sich im Zentrum, nicht am Rande der Gesellschaft entwickeln; nicht die ordnungsbesessenen Horden, welche die Straßen unsicher machten, sondern dienstwillige Richter, Techniker, Unternehmer und Professoren bildeten das Rückgrat des deutschen Faschismus. Die einzige Möglichkeit, seine Rückkehr in allen verschleierten und offenen Formen rechtzeitig zu verhindern, besteht in der täglichen Realisierung liberaler und politischer Freiheitsrechte. Wer die Sicherung der Freiheit dem Staat, seinen Beauftragten, dem Verfassungsschutz und den Organisationen überläßt, ist Opfer einer fatalen Illusion: er glaubt an die Existenzfähigkeit einer Demokratie ohne Demokraten.“
Anlässlich des Attentats auf Dutschke wird diese Faschismusformel besonders agressiv argumentativ genutzt. Im DISKUS-EXTRA vom 1. April 1968 geschieht dies bezogen auf die „Springerpresse“ folgendermaßen:
„Ob nun die Politiker mit dem Zorn des Volkes drohen, dem bald der Kragen platzen wird, oder mit dem Rechtsradikalismus: sie malen Gespenster an die Wand, um die außerparlamentarische Opposition einzuschüchtern. – Gleichzeitig benutzen sie auch wirkliche unorganisierte Gewalttätigkeit aus der Bevölkerung, um die Opposition zu entmutigen. So drohte die FAZ nach dem Attentat auf Dutschke, es möge als ‘Warnung’ dienen. Ganz offen billigen diejenigen den vereinzelten rechtsradikalen Terror, die sagen: Wer Gewalt sät, wird Gewalt ernten. Dutschke soll wie damals Ohnesorg selbst schuld sein, daß auf ihn ein Mordanschlag verübt wurde. – Auch die Weimarer Republik und ihr Ende im Faschismus wird als Gespenst zur Einschüchterung herangezogen. Hans Schuster schrieb in der Süddeutschen Zeitung: ‘Am Ende würde der Diktator stehen, der sich auf Ruhe, Ordnung und Sauberkeit beruft.’ – Aber heute brauchen die herrschenden Parteien keinen Diktator, um Ruhe und Ordnung zu garantieren. Das tun sie selbst. Die Mitte hat sich heute um die SPD und NPD verstärkt, sie hat ihre Presse und ihren Polizeiapparat. Und weil sie selber die Gewalttätigkeit des Faschismus soweit nötig verkörpert, hat sie auch den organisierten Rechtsradikalismus überflüssig gemacht. – Trotzdem wird der Mordanschlag auf Dutschke noch in den überholten Begriffen von Rechts- und Linksradikalismus interpretiert. ‘Der fanatische linksradikale Dutschke wurde das Opfer eines halbirren Rechtsradikalen.’ (BILD); ganz so als gäbe es eine Eigendynamik der radikalen Aktionen außerhalb der bestehenden Institutionen. – Aber schon 1933 hat das nicht gestimmt, denn das Großbürgertum unterstützt den Faschismus, um seine soziale Herrschaft zu stabilisieren. Heute sind die vereinzelten rechtsradikalen Gewalttaten noch viel unmittelbarer das Produkt und Mittel der politischen Führung des Bürgertums. Bachmanns Mordanschlag ist ebenso wie die Gewalttätigkeiten Berliner Bürger nicht denkbar ohne die systematische Hetze der Springerpresse und der herrschenden Parteien. Gegenüber diesem vereinzelten Terror aber ist der Terror der Gerichte und der Polizei systematisch. – Deutlich sah man bei den Aktionen zur Verhinderung der Auslieferung der Springererzeugnisse, daß sich die Polizei nicht darauf beschränkte, die angegriffenen Objekte wie das Springerhochhaus und Springerdruckereien zu schützen. Immer hatte sie es auf physischen Terror gegen die Demonstranten abgesehen, auf gezielte Prügel. Blind schlugen die Polizisten auf alles, was sich regte. Sie hatten es im Gegensatz zu Bachmann nur auf leichte bis schwere Verletzungen abgesehen, nur auf ‘Blut und Tränen’, wie Kiesinger es verhieß. Abschreckung durch gezielten physischen Terror: das ist das politische Programm der Polizei. – Nur noch mit Mühe kann sich der Terror der Mitte dadurch rechtfertigen, daß man die außerparlamentarische Opposition selbst als Terroristen und gewalttätige Bombenwerfer hinstellt. Doch überall hat man in diesen Tagen beobachten können, daß die Gewalt der Demonstranten sich nicht unmittelbar gegen Menschen richtete, nicht auf gezielten physischen Terror aus war, sondern gerade auf die Störung eines Teils der Maschinerie, die täglich zur Gewalt aufruft, nämlich die Springerpresse.“
Im Kontext der Oster-Aktionen am 15. und 16. April 1968 gehen die Brüder Frank und Karl-Dietrich Wolff ebenfalls auf dieses Thema ein (Neue Kritik, Nr.47, Seite 4), wobei sie hier zwischen offenem und systeminternen Faschismus unterscheiden
„Die These, daß der Faschismus sich heute im Zentrum der parlamentarischen Institutionen selber entwickle, etwa durch Notstandsgesetze, trifft abstrakt auch auf die Weimarer Republik zu – vgl. Präsidialdiktatur, Hugenberg-Konzern usw.; die wesentliche Differenz kommt darin zur Erscheinung, daß mit dem Trauma des offenen Faschismus die systeminterne Radikalisierung im ‘Kampf gegen Rechts- und Linksradikalismus‘ verschleiert werden kann. Es ist ein Komplement zur ökonomischen Krisenverschleppung. Die Frage steht zur Diskussion, ob die Verschärfung von Konflikten, ökonomischen wie politischen, eine umfassende, offene Brutalisierung der Machtverhältnisse erwarten läßt oder eine Fortentwicklung des manipulativen Instrumentariums im Rahmen schleichend sich verändernder Institutionen.„
Die „Kampagne für Demokratie und Abrüstung Ostermarsch“ greift ebenfalls auf das Faschismusklischee zurück (Flugblatt vom 12.04.1968):
„Der verbrecherische Anschlag auf das Leben von Rudi Dutschke zeigt, wo in Wahrheit auch in der Bundesrepublik Deutschland der Terror zu suchen ist. Der Mordanschlag auf Dutschke ist ein extremer Ausdruck jener Hetze gegen die außerparlamentarische Opposition, die in der Bundesrepublik nun schon seit Monaten systematisch auch von einem Teil der Presse und Politiker betrieben wird. – Faschistische Kräfte greifen gegenüber den gewaltlosen Methoden und gegenüber den Argumenten der Opposition zu Mitteln der Gewalt, – so wie einst in der Weimarer-Republik. Wie damals, so gilt auch heute für die Bundesrepublik Deutschland der Satz: Der Feind der freiheit-demokratischen Ordnung steht rechts! – Wenn jetzt die Bundesregierung und der Westberliner Senat sich von dem Attentat auf Dutschke distanzieren, so ist festzustellen: – Die Bundesregierung hat nichts gegen die Hetze getan, die vor allem von Zeitungen des Springer-Konzerns und von der Münchener National-Zeitung gegenüber der außerparlamentarischen Opposition betrieben wurde. – Bonner Politiker waren es, die die Legende vom ‘Terror der Studenten’ in die Welt setzten, gegen den ‘hart durchgegriffen werden’ müsse. – Der Westberliner Senat war es, der durch Polizeistaatspraktiken und durch Anheizung von Pogromstimmung jenes Klima schuf, in dem es dann zum Attentat auf Dutschke kam.„
Siehe zum Beispiel ein Flugblatt des SDS vom 26.09.1968:


Ausdrucksstark ist zudem die folgende These in einem Flugblatt vom 07.01.1969 eines anonymen Urhebers, der fordert man müsse den „Aktiven Streik“ fortsetzen:

Ähnlich argumentiert der SDS in seinem Flugblatt vom 28.01.1969, in welchem er zu Protesten anlässlich zweier Strafverfahren aufruft:

Im Gegenzug wirft Kultusminister Schütte gewalttätigen Studenten, die ihn am 07.01.1969 im Verlauf einer Diskussionsveranstaltung in der Mensa bedrängen, Linksfaschismus vor:




Schließlich wird Habermas anlässlich der polizeilichen Räumung des Instituts für Sozialforschung in einem Flugblatt der Basisgruppe Slawistik vom 03.02.1969 ironisierend als Antifaschist tituliert:

Besonders alarmierend schildert das folgende Flugblatt der Basisgruppe AFE Anfang Februar 1969 anläßlich der Räumung des Instituts für Sozialforschung die angeblich dramatische Notlage der Studenten, in welchem der Bogen vom Polizeistaat zur autoritären Ordinarienunversität gezogen wird:

Konsequenterweise wirft dann in einem Flugblatt vom 03.02.1969 der Basisgruppenrat Habermas vor, er sei Teil der konzertierten Aktion von Universitätsbürokratie zur Zerschlagung der APO. Dies lege die Faschisierungstendenzen des autoritären Staates offen:

Über die aggressiv aufgeladene Atmosphäre anlässlich der Räumung des Instituts für Sozialforschung berichtet die Frankfurter Neue Presse in einem Artikel vom 05.02.1969, wonach Adorno vorgeworfen worden sei, er leide unter einem Trauma des Faschismus und reagiere nun selber mit faschistischen Methoden:

Schließlich meldet sich auf der AStA mit einer Presseerklärung vom 05.02.1969 zu Wort, die sich auf Vorfälle in einer Gerichtsverhandlung beziehen

Anläßlich des Taheriekonflikts wird zudem gefolgert, in der Universitätsverwaltung herrsche das gleiche politische Klima wie bei den Faschisten der Ausländerpolizei (Flugblatt vom 23.04.1969, Urheber anonym)

Die gegen ihn gerichteten Aggressionen des SDS veranlassen Adorno, in einem Spiegelinterview vom 05.05.1969 unter anderem auf den Faschismusvorwurf zu reagieren und diejenigen verdammt, die Gewalt predigen:



Schließlich wendet sich der Hass von AStA und SDS gegen die Machthaber in der BRD und deren faschistische Gesinnung auch gegen den israelischen Botschafters Asher Ben Nathan und gegen dessen angebliche „zionistische Schlägertrupps (Flugblatt vom 13.06.1969):
muss noch eingefügt werden
Besonders plakativ äußert sich der SDS in einem Flugblatt vom 1. Mai 1969 zum Faschismus
Muss noch eingefügt werden
Anlässlich der Besetzung des Rektorats wehrt sich der SHB in einem Flugblatt vom 30.05.1968 andererseits gegen den Faschismusvorwurf von Arndts, der die Eindringlinge mit der SA vergleicht:

Prolog
Die Kampfbegriffe „Faschismus und Antifaschismus“ gehören auch heutzutage zum Instrumentarium der Rechtsradikalen und der Linksradikalen. So faselt der Anführer der Pegidabewegung, Lutz Bachmann, auf dem Dresdner Neumarkt von der „rotfaschistischen Einheitsfront“, die von Regierungsparteien samt Opposition mit Ausnahme der AfD gebildet werde (FAZ, 19.02.2020)

Auf den aktuellen Missbrauch der Verwendung der Begriffe „Faschismus und Antifaschismus“ macht übrigens Markus Wehner in der FAZ vom 18.02.2020 aufmerksam, der daran erinnert, dass Antifaschisten nicht unbedingt überzeugte Demokraten sind.




Siehe auch das folgende Beispiel aus neuerer Zeit:
Beschluss des Verwaltungsgerichts Meiningen vom 26.09.2019, 2 E 1194/19Me Höcke-Entscheidung:


Auch in der Pandemiekrise wird der Faschismusbegriff genutzt, um den politischen Gegner zu diffamieren. Zitat aus der FAZ vom 16.05.2020

Faschismusbegriff in der DDR
„Die SED hat die Definition des Faschismus von Dimitroff bis zuletzt vertreten, welche besagte, der Faschismus sei die „offen terroristische Diktatur der am meisten reaktionären, chauvinistischem und imperialistischen Elemente des Finanzkapitals“. Diese Faschismustheorie diente zum einen der Diskriminierung der sogenannten bürgerlichen Demokratie. Diese wurde nicht verstanden als Bändigung der Macht durch Institutionen der Gewaltenteilung, sondern als Verschleierung der Macht des Kapitals. Behauptet wurde, dass die bürgerliche Demokratie in die faschistische Diktatur umschlägt, sobald der Kapitalismus gefährdet sei. Dieser Theorie folgend war der Kommunismus der Hauptfeind des Faschismus. Die Nazis haben die Sowjetunion überfallen, aber die Sowjetunion hat Nazideutschland besiegt. Die Rolle der Westalliierten für die Kapitulation Nazideutschlands wurde verdrängt.
Diese Faschismustheorie hat zudem ein entscheidendes Merkmal des Nationalsozialismus fast unterschlagen, den Antisemitismus. Die Verbindung von Faschismus und Imperialismus ermöglichte es der SED, die USA, die doch Hitlerdeutschland bekämpft hatten, in die Nähe des Faschismus zu rücken und Israel als „Speerspitze des Imperialismus“ zu denunzieren.
Diese Begriffsverwirrungen sind mitverantwortlich dafür, dass in Ostdeutschland die Wachsamkeit gegen eine Wiederkehr des Nazi-Ungeistes leider oft kaum ausgeprägt ist. Dazu kommen die Desorientierungen, wie sie der Zusammenbruch eines politisch-ideologischen Systems mit sich bringt. Die vertrauten Autoritäten – Polizei, Lehrer, oft auch die Eltern – sind diskreditiert. Manche haben das im Sinne einer platten Umkehr so verstanden: Was die SED verboten hat, ist jetzt erlaubt. Davon haben in den Neunzigerjahren die rechtsextremen Skinheads im Osten (nicht selten pubertierende Funktionärskinder) profitiert. Die Stasi hatte sie noch ins Gefängnis gesteckt. Durch die Amnestie am Ende der DDR kamen sie frei und gaben sich nun als Helden des Widerstandes gegen die DDR aus. Deshalb gab es in den Neunzigerjahren im Osten circa dreimal mehr rechtsextreme Jugendliche als im Westen.“
„Die AfD“ – von Professor Dr. Richard Schröder in der FAZ vom 6. Januar 2025