Soziologisches Seminar

Das Soziologische Seminar der Philosophischen Fakultät wird im WS 1966/67 aus dem Institut für Sozialforschung räumlich ausgegliedert und in der Myliusstraße 30 untergebracht. Es ist personell eng verbunden mit dem Institut für Sozialforschung. Adorno und von Friedeburg sind Direktoren beider Einrichtungen. Lediglich Habermas ist nicht gleichzeitig Mitglied des Leitungsgremiums des Instituts für Sozialforschung.

Im vorliegenden Zusammenhang ist bedeutsam: Von Friedeburg bestätigt in einem Interview ausdrücklich, das Institut für Sozialforschung sei wegen der engen Verflechtung mit dem Soziologischen Seminar im Ergebnis für den Diplomstudiengang Soziologie und die notwendigen Prüfungen verantwortlich gewesen. Dann führt er aus:

„In der Myliusstraße gab es ein Haus, in dem die Ärztekammer untergebracht war. Diese zog aus irgendeinem Grund aus
und es gelang dem Kurator, dieses Gebäude per Berufungsvereinbarung, die mir gewährt wurde, für die Soziologieausbildung zu bekommen. Außerdem wurden dort Adorno, Habermas, Mitscherlich und die Soziologieassistenten untergebracht. Ich bekam mehrere Assistenten und einen akademischen Rat, die man damals auch wirklich für die Betreuung der großen Zahl von Studierenden benötigte. Und dieses Gebäude in der Myliusstraße hieß dann „Institut für Sozialforschung (Seminar)“. Drüben auf der anderen Seite gab es, wie gesagt, das Seminar für Gesellschaftslehre.
Ich weiß noch, wie Rüegg als Rektor allen Wert drauf legte, dass wir in den Zeiten, die aufgrund der Studentenbewegung immer schwieriger wurden, hier im Institutsgebäude nicht mehr unsere Vorlesungen ankündigten.“

Andererseits legt Rüegg im Verlauf der Unruhen darauf Wert, dass die Lehrveranstaltungen unter dem Label „Soziologischen Seminar“ anzukündigen sind. (Siehe: Soziologie in Frankfurt. Eine Zwischenbilanz. Herausgegeben von Felicia Herrschaft und Klaus Lichtblau, 1. Auflage, 2010, Seite 316):

cover

In dem folgenden Schreiben an den Kurator der Universität erinnert von Friedeburg an die seltsame Situation des Soziologischen Seminars. Einerseits soll es autonom handeln, andererseits ist es für Außenstehende nicht erkennbar, dass es nicht Teil des „Instituts für Sozialforschung“ ist, sondern organisatorisch der Hochschule zugeordnet ist.

Es ist nicht zu verkennen: Das Soziologische Seminar ist das Epizentrum der Auseinandersetzungen. Hier studieren die Wortführer des SDS, hier werden die Aktionen geplant und vorbereitet. Ein Beispiel: Der „Streik“ der Soziologiestudenten:

Die Hybris der Agitatoren ist nicht zu bremsen. So setzt man die Parole in die Welt: „Die Universität gehört uns!“ – Das Seminar verwandeln sie in ein „Spartakus-Institut“ und proklamieren den „unbegrenzten Streik“. Sich selbst überschätzend, sind sie bereit einen eigenen Forschungs- und Lehrbetrieb zu organisieren. Parallel hierzu sollen die Ordinarien auf ihre Privilegien verzichten und ein Entscheidungsgremium akzeptieren, in welchem die Studenten über 50% der Stimmen verfügen, usw.

In diesem Kontext fällt auf: Negt ist einerseits Assistent, ist aber andererseits damit einverstanden, dass in einem Arbeitskreis „Rekonstruktion revolutionärer Theorie“ von ihm verfasste Texte behandelt werden.