Hans-Jürgen Krahl, SDS

* 17. Januar 1943 in Sarstedt; † 13. Februar 1970 bei Wrexen

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„Der Robespierre von Bockenheim“
„Sprechmaschine“ Hans-Jürgen Krahl

Das Erscheinungsbild Hans-Jürgen Krahls, des Frankfurter SDS-Chefideologen, ist eher unauffällig und unliebenswürdig. Ein Journalist der FAZ, der ihn in einer Hotelhalle trifft, um ihn zu interviewen, schildert seinen Eindruck:

„Krahl, Mitglied des fünfköpfigen SDS-Bundesvorstandes und häufig als dessen ‘Sprechmaschine’ apostrophiert, sieht unscheinbar aus. Schmal, klein, das Gesicht meist weißlich-grau, dicke Ränder unter den Fingernägeln, könnte er irgendwo in einer Fabrikhalle an der Drehbank stehen. Es ist, als wollte er schon äußerlich dartun, worauf es ihm jetzt besonders ankommt: auf die Solidarisierung mit denen, die er mit dem Begriff Arbeiterklasse bezeichnet. Lediglich die doublégefaßte Intelektuellenbrille hinter deren rechten Glas sich ein künstliches Auge verbirgt (Folge eines Fliegerangriffs, als er noch im Kinderwagen saß) wäre ein Indiz dafür, daß er ein Kopfarbeiter ist, ein Arbeiter aber in jedem Fall.“[1]

Dieser Eindruck tritt in den Hintergrund, wenn Krahl die Chance erhält, über Mikrofon oder Megaphon sich an „sein“ Publikum zu wenden. Mit einer metallisch klingenden, leicht schneidenden, näselnden Stimme gelingt es ihm vorzüglich, die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken. Reaktionsschnell und rhetorisch geschickt kann er Thema und Ton variieren; findet schnell Kontakt zur studentischem Zuhörerschaft.

Im Verlauf des gegen ihn von der Staatsanwaltschaft angestrengten Strafverfahrens wegen der Beteiligung an Protestaktionen gegen die Vergabe des Friedenspreises des Börsenvereins des deutschen Buchhandels an den Staats­präsidenten des Senegal, Leopold Senghor, äußert sich der 26 jährige Krahl Ende 1969 zu seiner persönlichen Entwicklung. Er macht „Angaben zur Person“. Es ist eine Selbstdarstellung, die von jugendlichem Idealismus, von leidenschaftlicher Hingabe an die „Sache“ zeugt. Mit beträchtlichem missionarischem Eifer ruft er zum Kampf gegen die kapitalistische Gesellschaft als ein totales Ausbeutungssystem auf. Sie unterdrücke die Massen. Sie hindere den Einzelnen an der Entfaltung von Phantasie und jeglicher schöpferischer Tätigkeit.

Krahl nutzt sein Plädoyer, um den „Erfahrungshintergrund“ zu schildern, der zu seiner Politisierung geführt hat. Hiernach stammt er aus den „finstersten Teilen“ Deutschland, aus Niedersachsen. Dort, wo auf den Dörfern jene Nicht-Öffentlichkeit von Zusammenkünften gepflegt werde, die an mittelalterliche Hexenprozesse erinnere. In diesem Milieu lebt er, so berichtet er, zunächst in erbarmungswürdiger Unmündigkeit. Er wird Mitglied des Ludendorffbundes, gründet in seiner Heimatstadt Alfeld im Jahre 1961 die Junge Union und tritt der CDU bei. Nachdem er zwei Jahre kontinuierlich an CDU-Versammlungen von Kleinstadt – Honoratioren teilgenommen hat, plagen ihn gleichsam Daumiersche Halluzinationen, so daß sich für ihn die Zusammenkünfte in Treffen von Hammel, Lamm – und Rindsköpfen verwandeln. Der nächste Schritt ist ein kurzes Engagement in der christlichen Kirche. Hier wird er, so kolportiert er, auf den Widerstandskämpfer Dietrich Bonhoeffer aufmerksam. Er erfährt so erstmals etwas über den Widerstand gegen den Faschismus. Schließlich gerät er zu Beginn seines Studiums in eine schlagende Verbindung, erlebt dort Stumpfsinn und Unterdrückung, erlebt „hirnlose Köpfe“, die permanent Faschismus produzieren. Die schlagende Verbindung muß er verlassen, nachdem er einen „antiautoritären Aufstand gegen einen alten Herrn“ provoziert. Dann, so schildert es Krahl nicht ohne Sinn für Effekte, beginnt seine Erweckung und Läuterung vom Saulus zum Paulus. Nicht etwa geht er schlicht andere Wege. Sondern die herrschende Klasse wirft ihn gleichsam aus ihrem Nest. Gemeint sind die ewig Gestrigen, die Rückständigen, Kleinstadthonoratioren der CDU, Studienräte, Amtsgerichtsräte, die sich untereinander wie Wölfe verhalten. Die ihn Ausstoßenden verachten Homosexuelle als Perverse, sind selbst „hirnlose Köpfe“. Ihnen stellt er revolutionäre Lichtgestalten gegenüber, denen es nachzueifern gilt: Che Guevara, Fidel Castro, Ho Tschi Minh und Mao Tse Tung, die angeblich Träger einer kompromißlosen, radikalen politischen Moral sind.[2] Die Flucht gelingt. Er erreicht ein anderes Nest: Den SDS, in dem er formell Mitglied wird. Hier gelingt es ihm nach seiner Schilderung erstmals, sich aus den Unterdrückungen und Knechtungen der herrschenden Klasse zu lösen. Gemeinsam mit seinen Genossen meint er, die Verlogenheit des herrschenden Systems durchschauen zu können, dem es nur darum geht, Menschen auszubeuten: In der Dritten Welt geschieht dies brutal und kaum verdeckt in Elend und Hunger. In den „spätkapitalistischen Industriemetropolen“ spielt sich dies verschleiert ab. Das unterdrückte Proletariat vermag dies nicht zu erkennen. Es ist Opfer eines perfiden Schwindels. Der Lohnempfänger bietet scheinbar in voller Freiheit seine Arbeitskraft an. Der Unternehmer verhandelt mit ihm über das Entgelt für dessen Leistung. Verschwiegen wird: Diejenigen, die zu viel verlangen, haben im „liberalen Konkurrenzkapitalismus“ in der Konkurrenz zu Mitbewerbern keine Chance, eine ihre freiheitliche Existenz sichernde Stelle zu erlangen. Sie reagieren nur noch, sind nicht mehr fähig zur Kritik, zur Erfahrung, zur Erinnerung und zum Begreifen. Sie degenerieren zu automatisch reagierenden Pawloschen Hunden. Das bürgerliche Individuum stirbt. Mit diesem geknechteten Individuum – so Krahl – solidarisieren sich der SDS und er selbst. Diese Solidarität gebietet es im Sinne von Herbert Marcuse, die kapitalistische Gesellschaft, in der so viele materiell gesichert leben, zu bekämpfen:

„Auch wir kämpfen um die politische Macht im Staat, aber wir haben eine Legitimation, denn unser Machtkampf ist begleitet von einem permanenten Kommunikationsprozess, in dem sich die Kategorien der Emanzipation, die erst im abstrakten Prinzip existieren, realisieren und entfalten, wo sie zum praktischen Dasein werden.“[3]

Ekstatisch schließt Krahl seine Rede mit der Versicherung, Sachwalter der „tätig begreifenden Menschlichkeit“ zu sein. Adressaten sind nicht nur die Richter des Strafverfahrens und die anwesenden Zuhörer, sondern die gesamte Öffentlichkeit, an die sich der Redner programmatisch wendet. Das konkrete Verhalten Krahls in Konfliktsituationen, dessen Fährte die vorliegende Untersuchung bisweilen folgt, vermag diese von ihm reklamierte Humanität allerdings nicht zu bestätigen.

Festzuhalten bleibt: Krahl hat die Szene entscheidend mitgeprägt. Im Jahre 1988 meint „Der Spiegel“ rückblickend, so wie Rudi Dutschke das Herz der Apo gewesen sei, sei ihr Kopf Krahl gewesen. Keiner aus der Kerntruppe des SDS habe seinen Hegel, Lukacs oder Marcuse so beherrscht, wie er. Keiner habe auf Demos oder Teach-ins in jedem einzelnen Teilnehmer derart stark den Eindruck erweckt, einer Avantgarde anzugehören, die sich auch und vor allem von der Wissenschaft her voll gerechtfertigt wußte.

Ein Dasein, […], in einem „permanenten Ausnahmezustand“. Krahl denkt und diskutiert und schreibt, während er unentwegt scharfe Spirituosen in sich hineinschüttet. Dennoch bleibt er bis tief in die Nacht eindrucksvoll wach; ständig auf dem Sprung, wenn es denn sein muß, „Äktschn“ zu organisieren.

Der Meister in einer seiner Pinten im Frankfurter Universität s-Stadtteil Bockenheim über das Problem räsonierend, wie sich aus einem „historisch-gesellschaftlichen Selbstbewußtsein“ das so sehnlich gewünschte „neue Subjekt“ herausbilden läßt: Ruhe und Konzentration sind da geboten, während er doch gleichzeitig darauf besteht, daß die Musikbox hinter ihm in einem fort seinen Lieblingssong dudelt. Der heißt „Mamatschi, schenk mir ein Pferdchen“ und ist von Heintje, den er sehr mag.

In den turbulenten Jahren haust er einem Clochard ähnlich in Studentenheimen oder bei Freunden – Matratze genügt. So nur selten über eine feste Adresse zu verfügen hat den Vorteil, daß er den Ermittlungsbehörden die Suche nach ihm erschwert.

In einer riesigen, blaugrün karierten Stofftasche schleppt er dabei die ganze Habe mit sich herum. Neben den Standardwerken etwa Hegels und Horkheimers sind das vor allem ein altmodischer Pepitaanzug nebst Krawatte sowie in Massen Notizblöcke, in denen er festhält, was ihn täglich bewegt. [4]

Diese Beschreibung bestätigt, daß er eher ein monomanischer Einzelgänger und Sonderling ist, der die Menschenmenge sucht, so wie er den Alkohol braucht, um agitierend sich selbst und die anderen mit seinen Ideen zu berauschen. Es wird berichtet, er wirke zuweilen mitten im Gespräch wie abgereist; wochenlang taucht er unter, ohne je einen Grund dafür anzugeben.[5]

Seine unter der anfänglichen Obhut Adornos geplante Dissertation zum Thema „Die Naturgesetze der kapitalistischen Entwicklung in der Lehre von Marx. Zum geschichtsphilosophischen Gehalt des historischen Materialismus“ führt er nie zu einem Ende. Sein von ihm geäußerte Wunsch, die Hochschullehrerlaufbahn zu ergreifen[6], bleibt ein Traum. Krahl stirbt im Februar 1970, als ein Kleinwagen, in dem er neben dem Fahrer sitzt, in der hintersten Provinz in der Nähe von Arolsen in einen Verkehrsunfall verwickelt wird. In einer Kurve gerät der PKW auf Glatteis, schleudert über die Frahbahn und stößt frontal mit einem entgegenkommenden LKW zusammen. Krahl ist sofort tot.[7] Auch über seinen Tod hinaus nehmen seine Genossen die Leistungen ihres Vorkämpfers ernst, indem sie seine Schriften, Entwürfe und Reden, die teilweise nur fragmentarisch vorliegen, in einem über 400 seitigen Sammelband veröffentlichen, mit dem sie erklärtermaßen Krahl als Agitator, Theoretiker und Organisator würdigen und verklären.[8] Detlev Claussen, in der Zwischenzeit Professor für Soziologie an der Universität Hannover, gelangt 15 Jahre nach dem Tod seines ehemaligen Freundes zu einer subjektiven, etwas verschurbelten und deprimierten Diagnose besonderer Art:

„Krahl Leben, physisch wie psychisch auf einer abschüssigen tödlichen Bahn verlaufend, zeugt davon, mit welch existentiellem Ernst die Entfaltung eines emanzipativen Realitätsprinzips als kollektiver Möglichkeit zur Lebenschance für das Individuum wurde. Krahl ist nicht der einzige, der das Absterben einer emanzipativen sozialen Bewegung in Deutschland nicht überlebt hat.“[9]

Bernd Rabehl berichtet in seinem Aufsatz „Zur archaischen Inszenierung linksradikaler Politik“ über einen ganz anderen Krahl: Dieser sei eher ein Hochstapler im Frankfurter Linksmilieu gewesen. So habe er Adorno und anderen suggeriert, sein Name sei ein Pseudonym. In Wirklichkeit entstamme er dem preußischen Adel. Er sei Abkömmling der Familie von Hardenberg und ein Nachfahre von Novalis.[10] Mit diesem Konstrukt habe er nicht nur seine Lehrer, sondern auch die Genossen im SDS beeindruckt. Tatsächlich komme er schlicht aus bürgerlichen Verhältnissen. Seine Familie habe ihm eine gute Ausbildung in einem Schweizer Internat ermöglicht. Jedenfalls habe Krahl den Bluff und das in Szene setzen perfekt beherrscht. Im Verschwörerischen von Männergemeinschaften habe er seine Heimat gefunden.[11]

[1] Artikel>08.06.1968>>FAZ: Die Sprechmaschine des SDS-Hans-Jürgen Krahl“

[2] Krahl, Hans-Jürgen: Angaben zur Person. In: Konstitution und Klassenkampf. aaO, Seite 19 ff.

[3] Krahl, Hans-Jürgen: Angaben zur Person. In: Konstitution und Klassenkampf. aaO, Seite 29

[4] Artikel>01.01.1988>>Spiegel-Spezial: “Der Robespierre von Bockenheim”

[5] Artikel>01.01.1988>>Spiegel-Spezial: “Der Robespierre von Bockenheim”

[6] Artikel>08.06.1968>>FAZ: Die Sprechmaschine des SDS-Hans-Jürgen Krahl“

[7] Kraushaar, Wolfgang (Hrsg.): Frankfurter Schule und Studentenbewegung. Von der Flaschenpost zum Molotowcocktail 1946 bis 1995. Band 1, aaO, S.483; Artikel>01.01.1988>>Spiegel-Spezial: “Der Robespierre von Bockenheim”

[8] Krahl, Hans-Jürgen: Konstitution und Klassenkampf. aaO, mit einer Einleitung der Herausgeber Detlev Clau ssen, Bernd Leineweber, Ronny Loewy, Oskar Negt und Udo Riechmann.

[9] Claussen, Detlev: Hans-Jürgen Krahl – Ein philosophisch-politische Profil. In: Kraushaar, Wolfgang (Hrsg.): Frankfurter Schule und Studentenbewegung. Band 3, Seite 65 ff.

[10] Dies bestätigt auch Rudolf zur Lippe. (Lippe, Rudolf zur: Die Frankfurter Studentenbewegung und Adorno. In: Kraushaar, Wolfgang (Hrsg.): Frankfurter Schule und Studentenbewegung. Band 3, Seite 122

[11] Rabehl, Bernd: Zur archaischen Inszenierung linksradikaler Politik. In: Kraushaar, Wolfgang (Hrsg.): Frankfurter Schule und Studentenbewegung. Band 3, Seite 34 ff.

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Die Römerbergrede  Krahl

Mitscherlich und Krahl

Am 07.06.1968 erläßt der Rektor gegen Krahl wegen Beteiligung an der Rektoratsbesetzung unter  Hinweis auf die fehlende Immatrikulation seit dem WS 1967/68 ein Hausverbot. Anzumerken ist: Krahl begann sein Studium der Philologie und Soziologie 1963 an der Göttinger Universität. 1965 wechselte er an die JWG-Universität.