Theorie und Praxis

Im Zentrum der Angriffe der studentischen Aktivisten gegen Adorno steht der Vorwurf, er weigere sich hilflos seine Theorie in die Praxis umzusetzen.

Die Reaktion von Adorno auf den Vorwurf, er weigere sich, seine Theorie in die Praxis umzusetzen

Auf diesen Vorwurf reagiert Adorno kurz vor seinem Tod mit einem Essay „Resignation“, nachdem er selbst Opfer der Aktionisten wird:

„Uns älteren Repräsentanten dessen, wofür der Name Frankfurter Schule sich eingebürgert hat, wird neuerdings gern der Vorwurf der Resignation gemacht. Wir hätten zwar Elemente einer kritischen Theorie der Gesellschaft entwickelt, wären aber nicht bereit, daraus die praktischen Konsequenzen zu ziehen. Weder hätten wir Aktionsprogramme gegeben noch gar Aktionen solcher, die durch die kritische Theorie angeregt sich fühlen, unterstützt. […].
Die vielberufene Einheit von Theorie und Praxis hat eine Tendenz, in die Vorherrschaft von Praxis überzugehen. Manche Richtungen diffamieren Theorie selber als eine Form von Unterdrückung; wie wenn nicht Praxis mit jener weit unmittelbarer zusammrnhinge. […].
Die repressive Intoleranz gegen den Gedanken, dem nicht sogleich die Anweisung zu Aktionen beigesellt ist, gründet in Angst. Man muß den ungegängelten Gedanken und muß die Haltung, die ihn nicht sich abmarkten läßt, fürchten, weil man zutiefst weiß, was man sich nicht eingestehen darf: daß der Gedanke recht hat. […].
Der Gedanke, die ihrer selbst bewußte Aufklärung, droht die Pseudorealität zu entzaubern, in der, nach der Formulierung von Habermas, der Aktionismus sich bewegt. Diesen läßt man nur darum gewähren, weil man ihn als Pseudorealität einschätzt. Ihr ist, als subjektives Verhalten, Pseudo-Aktivität zugeordnet, Tun, das sich überspielt und der eigenen publicity zuliebe anheizt, ohne sich einzugestehen, in welchem Maß es der Ersatzbefriedigung dient, sich zum Selbstzweck erhebt. […].
Sind die Türen verrammelt, so darf der Gedanke erst recht nicht abbrechen. Er hätte die Gründe zu analysieren und daraus die Konsequenz zu ziehen. An ihm ist es, nicht die Situation als endgültig hinzunehmen. Zu verändern ist sie, wenn irgend, durch ungeschmälerte Einsicht. Der Sprung in die Praxis kuriert den Gedanken nicht von der Resignation, solange er bezahlt wird mit dem geheimen Wissen, daß es so doch nicht gehe. […].
Pseudo-Aktivität ist generell der Versuch, inmitten einer durch und durch vermittelten und verhärteten Gesellschaft sich Enklaven der Unmittelbarkeit zu retten. Rationalisiert wird das damit, die kleine Veränderung sei eine Etappe auf dem langen Weg zu der des Ganzen. Das fatale Modell von Pseudo-Aktivität ist das »Do it yourself«, Mach es selber: Tätigkeiten, die, was längst mit den Mitteln der industriellen Produktion besser geleistet werden kann, nur um in den unfreien, in ihrer Spontaneität gelähmten Einzelnen die Zuversicht zu erwecken, auf sie käme es an. […].
Die verwaltete Welt hat die Tendenz, alle Spontaneität abzuwürgen, nicht zuletzt sie in Pseudo-Aktivitäten zu kanalisieren. Das wenigstens funktioniert nicht so umstandslos, wie die Agenten der verwalteten Welt es sich erhofften. Jedoch Spontaneität ist nicht zu verabsolutieren, so wenig von der objektiven Situation abzuspalten und zu vergötzen wie die verwaltete Welt selber. Sonst schlägt die Axt im Haus, die nie den Zimmermann erspart, die nächste Tür ein, und das Überfallkommando ist zur Stelle. Auch politische Tathandlungen können zu PseudoAktivitäten absinken, zum Theater. Kein Zufall, daß die Ideale unmittelbarer Aktion, selbst die Propaganda der Tat, wiederauferstanden sind, nachdem ehemals progressive Organisationen sich willig integrierten und in allen Ländern der Erde Züge dessen entwickeln, wogegen sie einmal gerichtet waren. Dadurch aber ist die Kritik am Anarchismus nicht hinfällig geworden. Seine Wiederkehr ist die eines Gespensts. Die Ungeduld gegenüber der Theorie, die in ihr sich manifestiert, treibt den Gedanken nicht über sich hinaus. Indem sie ihn vergißt, fällt sie hinter ihn zurück. […].

Demgegenüber ist der kompromißlos kritisch Denkende, der weder sein Bewußtsein überschreibt noch zum Handeln sich terrorisieren läßt, in Wahrheit der, welcher nicht abläßt. Denken ist nicht die geistige Reproduktion dessen, was ohnehin ist. Solange es nicht abbricht, hält es die Möglichkeit fest. Sein Unstillbares, der Widerwille dagegen, sich abspeisen zu lassen, verweigert sich der törichten Weisheit von Resignation. In ihm ist das utopische Moment desto stärker, je weniger es – auch das eine Form des Rückfalls – zur Utopie sich vergegenständlicht und dadurch deren Verwirklichung sabotiert. Offenes Denken weist über sich hinaus. […].
Denken hat die Wut sublimiert. Weil der Denkende es sich nicht antun muß, will er es auch den anderen nicht antun. Das Glück, das im Auge des Denkenden aufgeht, ist das Glück der Menschheit. Die universale Unterdrückungstendenz geht gegen den Gedanken als solchen. Glück ist er, noch wo er das Unglück bestimmt: indem er es ausspricht. Damit allein reicht Glück ins universale Unglück hinein. Wer es sich  nicht verkümmern läßt, der hat nicht resigniert.“

Theodor W. Adorno, Gesammelte Schriften, Kritische Modelle, GS 10, Seite 794 ff.

Die Einheit von Theorie und Praxis nach Georg Lukács

Die Organisation ist die Form der Vermittlung zwischen Theorie und Praxis. Und wie in jedem dialektischen Verhältnis erlangen auch hier die Glieder der dialektischen Beziehung erst in und durch ihre Vermittlung Konkretion und Wirklichkeit. Dieser Theorie und Praxis vermittelnde Charakter der Organisation zeigt sich am deutlichsten darin, daß die Organisation für voneinander abweichende Richtungen eine viel größere, feinere und sicherere Empfindlichkeit zeigt als jedes andere Gebiet des politischen Denkens und Handelns. Während in der bloßen Theorie die verschiedenartigsten Anschauungen und Richtungen friedlich nebeneinander leben können, ihre Gegensätze nur die Form von Diskussionen aufnehmen, die sich ruhig im Rahmen einer und derselben Organisation abspielen können, ohne diese sprengen zu müssen, stellen sich dieselben Fragen, wenn sie organisatorisch gewendet sind, als schroffe, einander ausschließende Richtungen dar. Aber jede »theoretische« Richtung oder Meinungsverschiedenheit muß augenblicklich ins Organisatorische umschlagen, wenn sie nicht bloße Theorie, abstrakte Meinung bleiben will, wenn sie wirklich die Absicht hat: den Weg zu ihrer Verwirklichung zu zeigen. Es wäre aber ebenfalls ein Irrtum, zu glauben, daß das bloße Handeln, die bloße Aktion einen wirklichen und zuverlässigen Maßstab für die Richtigkeit der einander bekämpfenden Anschauungen oder selbst für ihre Vereinbarkeit oder Unvereinbarkeit abzugeben fähig ist. Eine jede Aktion ist ― an und für sich ― ein Gewirr von einzelnen Handlungen einzelner Menschen und Gruppen, das in gleich falscher Weise sowohl als gesellschaftlich-geschichtlich völlig hinreichend motiviertes, »notwendiges« Geschehen, wie als Folge von »Fehlern« beziehungsweise von »richtigen« Entschlüssen Einzelner aufgefaßt werden kann. Dieses an sich wirre Gewühl gewinnt erst Sinn und Wirklichkeit, wenn es in seiner geschichtlichen Totalität, also in seiner Funktion im Geschichtsprozesse, in seiner Vergangenheit und Zukunft vermittelnden Rolle aufgefaßt wird. Eine Fragestellung aber, die die Erkenntnis einer Aktion, als die Erkenntnis ihrer Lehren für die Zukunft, als Antwort auf die Frage: »was nun zu tun sei?« auffaßt, stellt das Problem bereits organisatorisch. Sie versucht, in der Erwägung der Lage, in der Vorbereitung und Führung der Aktion jene Momente aufzufinden, die von der Theorie notwendig zu einem ihr möglichst angemessenen Handeln geführt haben; sie sucht also die wesentlichen Bestimmungen auf, die Theorie und Praxis verbinden.“

Georg Lukács, GESCHICHTE UND KLASSENBEWUSSTSEIN STUDIEN ÜBER MARXISTISCHE DIALEKTIK (1923), S.248

Die Mahnung Negts

Zu Recht mahnt Negt durch Erfahrung klüger geworden, die Praxis könne und dürfe kein Wahrheitskriterium der Theorie sein. Diese habe nur die Aufgabe zu orientieren und kritisch aufzuklären.

Schließlich haben Erfahrungen dieser Zeit Lernprozesse ausgelöst, durch die eine neue Dialektik von Theorie und Praxis deutlich wurde. In diesen ganzen Irrwegen ist auch die Erkenntnis gewachsen, daß die erste Aufgabe der Theorie nicht die ist, in Praxis umgesetzt zu werden. Als der junge Lukács, der »Geschichte und Klassenbewußtsein« geschrieben hatte, nicht zufällig übrigens in den Jahren 1922/23, als in Europa die letzten Hoffnungen auf revolutionäre Umwälzungen zerbrachen, der »Organisation« die Funktion zusprach, weltgeschichtliche Theorie in Praxis umzusetzen, hatte er einen der gefährlichsten und folgenreichsten Irrtümer auf den Begriff gebracht. Gerade die Jahrzehnte nach 68 haben – nicht nur in den vertrauten Verhältnissen unserer Gesellschaft, sondern auch beispielsweise in China und der Sowjetunion – durch die Praxis in einer der Logik entsprechenden Beweiskraft gezeigt, daß Theorie weder in Praxis umgesetzt werden kann noch eine solche Aufgabe hat. Wo das im Ernst versucht wird, ist das harmloseste Resultat, daß das Scheitern den Menschen bewußt wird; wo es gelingt, kann es im Extremfall praktische Konsequenzen haben, wie in Kambodscha nach der Befreiung, wo europäische Revolutionstheorie im agrarischen Zuschnitt Pol Pots auf eine im Kolonialstil urbanisierte Gesellschaftsordnung übertragen und mit Gewalt umgesetzt wurde. Was sich aus dieser konkreten Erprobung des im Marxismus immer wiederholten, aber dem Geist des Marxschen Denkens zutiefst widersprechenden Grundsatzes, daß die Praxis das Wahrheitskriterium der Theorie sei, ergeben hat, sind Millionen von Schlachtopfern im gestohlenen Mantel der Revolution. Theorie hat die Aufgabe der Orientierung. Sie muß ihre Distanz zur Praxis bewahren, um ihren Wahrheitsgehalt zu retten. Sie hat Grundbedingungen der Praxis aufzuklären, zu benennen, nicht selbst virtuelle Praxis zu sein. Die in Praxis umgesetzte Theorie hat ihre kritische Funktion schon verloren, ist auf Verteidigung und Legitimation abgerichtet. Das hatte Adorno, in politischer Agitation überhaupt nicht geübt und den an seine Theorie gerichteten Praxisanforderungen eher hilflos ausgeliefert, gleichsam instinkthaft den Studenten, seinen Studenten mitgeteilt, weil er die Struktur des intellektuellen Produktionsprozesses aus eigenen lebendigen Erfahrungen kannte und damit den Unterschied zwischen »Reflexionszeit und Aktionszeit«. – Hinter diese Erfahrungen können Emanzipationsbewegungen nicht zurückfallen: Das bestehende Herrschaftssystem kann auf Theorie verzichten, kann mit Machtvorteilen angereicherte Theoriefragmente und ideologische Versatzstücke anbieten, um Herrschaftsverhältnisse zu dekorieren. Doch eine Emanzipationsbewegung kann keinesfalls auf Theorie verzichten; denn nur diese geht zunächst, indem sie Zusammenhänge herstellt, an die Wurzel der Verhältnisse, und die praktischen Schritte müssen daran gemessen werden. Der emphatische Nachdruck, mit dem ich die politische Funktion einer kritischen Theorie in den Vordergrund rücke, entspringt der Erfahrung, daß die mechanistischen Störungen in der Dialektik von Theorie und Praxis politisches Handeln orientierungslos machen.“

Oskar Negt, Politische Intellektuelle und die Macht, Achtundsechzig, 1. Auflage, 1999, S.17 f.

Rosa Luxemburg

Und dies ist ganz selbstverständlich, denn unsere „Theorie“, d. h. die Grundsätze des wissenschaftlichen Sozialismus, setzen der praktischen Tätigkeit ebenso in bezug auf die angestrebten Ziele, wie auf die anzuwendenden Kampfmittel, wie endlich selbst auf die Kampfweise sehr feste Schranken. Daher zeigt sich bei denjenigen, die nur den praktischen Erfolgen nachjagen wollen, das natürliche Bestreben, sich die Hände frei zu machen, d. h. unsere Praxis von der „Theorie“ zu trennen, von ihr unabhängig zu machen.“

Sozialreform oder Revolution, Zweiter Teil, Der Opportunismus in Theorie und Praxis, Gesammelte Werke, Bd.1, Erster Halbband., Dietz Verlag, Berlin 1982, S.440