Theorie und Praxis

Theorie und Praxis: Im Zentrum der Angriffe der studentischen Aktivisten gegen Adorno steht der Vorwurf, er weigere sich hilflos seine Theorien in die Praxis umzusetzen.

Riehn: Belege werden noch eingefügt!

Die Einheit von Theorie und Praxis nach Georg Lukács

Die Organisation ist die Form der Vermittlung zwischen Theorie und Praxis. Und wie in jedem dialektischen Verhältnis erlangen auch hier die Glieder der dialektischen Beziehung erst in und durch ihre Vermittlung Konkretion und Wirklichkeit. Dieser Theorie und Praxis vermittelnde Charakter der Organisation zeigt sich am deutlichsten darin, daß die Organisation für voneinander abweichende Richtungen eine viel größere, feinere und sicherere Empfindlichkeit zeigt als jedes andere Gebiet des politischen Denkens und Handelns. Während in der bloßen Theorie die verschiedenartigsten Anschauungen und Richtungen friedlich nebeneinander leben können, ihre Gegensätze nur die Form von Diskussionen aufnehmen, die sich ruhig im Rahmen einer und derselben Organisation abspielen können, ohne diese sprengen zu müssen, stellen sich dieselben Fragen, wenn sie organisatorisch gewendet sind, als schroffe, einander ausschließende Richtungen dar. Aber jede »theoretische« Richtung oder Meinungsverschiedenheit muß augenblicklich ins Organisatorische umschlagen, wenn sie nicht bloße Theorie, abstrakte Meinung bleiben will, wenn sie wirklich die Absicht hat: den Weg zu ihrer Verwirklichung zu zeigen. Es wäre aber ebenfalls ein Irrtum, zu glauben, daß das bloße Handeln, die bloße Aktion einen wirklichen und zuverlässigen Maßstab für die Richtigkeit der einander bekämpfenden Anschauungen oder selbst für ihre Vereinbarkeit oder Unvereinbarkeit abzugeben fähig ist. Eine jede Aktion ist ― an und für sich ― ein Gewirr von einzelnen Handlungen einzelner Menschen und Gruppen, das in gleich falscher Weise sowohl als gesellschaftlich-geschichtlich völlig hinreichend motiviertes, »notwendiges« Geschehen, wie als Folge von »Fehlern« beziehungsweise von »richtigen« Entschlüssen Einzelner aufgefaßt werden kann. Dieses an sich wirre Gewühl gewinnt erst Sinn und Wirklichkeit, wenn es in seiner geschichtlichen Totalität, also in seiner Funktion im Geschichtsprozesse, in seiner Vergangenheit und Zukunft vermittelnden Rolle aufgefaßt wird. Eine Fragestellung aber, die die Erkenntnis einer Aktion, als die Erkenntnis ihrer Lehren für die Zukunft, als Antwort auf die Frage: »was nun zu tun sei?« auffaßt, stellt das Problem bereits organisatorisch. Sie versucht, in der Erwägung der Lage, in der Vorbereitung und Führung der Aktion jene Momente aufzufinden, die von der Theorie notwendig zu einem ihr möglichst angemessenen Handeln geführt haben; sie sucht also die wesentlichen Bestimmungen auf, die Theorie und Praxis verbinden.“

Georg Lukács, GESCHICHTE UND KLASSENBEWUSSTSEIN STUDIEN ÜBER MARXISTISCHE DIALEKTIK (1923), S.248

Die Mahnung Negts

Zu Recht mahnt Negt durch Erfahrung klüger geworden, die Praxis könne und dürfe kein Wahrheitskriterium der Theorie sein. Diese habe nur die Aufgabe zu orientieren und kritisch aufzuklären.

Schließlich haben Erfahrungen dieser Zeit Lernprozesse ausgelöst, durch die eine neue Dialektik von Theorie und Praxis deutlich wurde. In diesen ganzen Irrwegen ist auch die Erkenntnis gewachsen, daß die erste Aufgabe der Theorie nicht die ist, in Praxis umgesetzt zu werden. Als der junge Lukács, der »Geschichte und Klassenbewußtsein« geschrieben hatte, nicht zufällig übrigens in den Jahren 1922/23, als in Europa die letzten Hoffnungen auf revolutionäre Umwälzungen zerbrachen, der »Organisation« die Funktion zusprach, weltgeschichtliche Theorie in Praxis umzusetzen, hatte er einen der gefährlichsten und folgenreichsten Irrtümer auf den Begriff gebracht. Gerade die Jahrzehnte nach 68 haben – nicht nur in den vertrauten Verhältnissen unserer Gesellschaft, sondern auch beispielsweise in China und der Sowjetunion – durch die Praxis in einer der Logik entsprechenden Beweiskraft gezeigt, daß Theorie weder in Praxis umgesetzt werden kann noch eine solche Aufgabe hat. Wo das im Ernst versucht wird, ist das harmloseste Resultat, daß das Scheitern den Menschen bewußt wird; wo es gelingt, kann es im Extremfall praktische Konsequenzen haben, wie in Kambodscha nach der Befreiung, wo europäische Revolutionstheorie im agrarischen Zuschnitt Pol Pots auf eine im Kolonialstil urbanisierte Gesellschaftsordnung übertragen und mit Gewalt umgesetzt wurde. Was sich aus dieser konkreten Erprobung des im Marxismus immer wiederholten, aber dem Geist des Marxschen Denkens zutiefst widersprechenden Grundsatzes, daß die Praxis das Wahrheitskriterium der Theorie sei, ergeben hat, sind Millionen von Schlachtopfern im gestohlenen Mantel der Revolution. Theorie hat die Aufgabe der Orientierung. Sie muß ihre Distanz zur Praxis bewahren, um ihren Wahrheitsgehalt zu retten. Sie hat Grundbedingungen der Praxis aufzuklären, zu benennen, nicht selbst virtuelle Praxis zu sein. Die in Praxis umgesetzte Theorie hat ihre kritische Funktion schon verloren, ist auf Verteidigung und Legitimation abgerichtet. Das hatte Adorno, in politischer Agitation überhaupt nicht geübt und den an seine Theorie gerichteten Praxisanforderungen eher hilflos ausgeliefert, gleichsam instinkthaft den Studenten, seinen Studenten mitgeteilt, weil er die Struktur des intellektuellen Produktionsprozesses aus eigenen lebendigen Erfahrungen kannte und damit den Unterschied zwischen »Reflexionszeit und Aktionszeit«. – Hinter diese Erfahrungen können Emanzipationsbewegungen nicht zurückfallen: Das bestehende Herrschaftssystem kann auf Theorie verzichten, kann mit Machtvorteilen angereicherte Theoriefragmente und ideologische Versatzstücke anbieten, um Herrschaftsverhältnisse zu dekorieren. Doch eine Emanzipationsbewegung kann keinesfalls auf Theorie verzichten; denn nur diese geht zunächst, indem sie Zusammenhänge herstellt, an die Wurzel der Verhältnisse, und die praktischen Schritte müssen daran gemessen werden. Der emphatische Nachdruck, mit dem ich die politische Funktion einer kritischen Theorie in den Vordergrund rücke, entspringt der Erfahrung, daß die mechanistischen Störungen in der Dialektik von Theorie und Praxis politisches Handeln orientierungslos machen.“

Oskar Negt, Politische Intellektuelle und die Macht, Achtundsechzig, 1. Auflage, 1999, S.17 f.