09.06.1969: Kampf gegen Asher Ben-Natan

Erster Botschafter Israels in der Bundesrepublik (Der Name des ersten Botschafters des Staats Israel in der BRD wird je nach Zeit und Ort verschieden geschrieben. Die Schreibweise wird bei den jeweiligen Zitaten belassen ; für eigene Texte verwende ich die jetzt offizielle Schreibweise Ben-Natan)

Aktionen des SDS gegen Asher Ben-Natan
Der israelische Botschafter Asher Ben-Natan mit dem Vorsitzenden des BJSD, Dan Diner,
am Pult des Frankfurter Hörsaals VI, 9. Juni 1969
(Institut für Stadtgeschichte Frankfurt a.M. [ISG FFM]), Signatur S7Wei Nr. 2154-7, Foto: Kurt Weiner)
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KD Wolff mit Megaphon in Aktion mit Asher Ben-Natan
(Institut für Stadtgeschichte Frankfurt a.M. [ISG FFM]), Signatur S7Wei Nr. 2154-7, Foto: Kurt Weiner)
Personen mit Transparenten im Hörsaal VI der Universität Frankfurt, 9. Juni 1969
(Institut für Stadtgeschichte Frankfurt a.M. [ISG FFM]), Signatur S7Wei Nr. 2154-26, Foto: Kurt Weiner)

Der SDS attackiert am Montag, den 9. Juni 1969, im Hörsaal VI den Botschafter Israels

Der Bundesverband Jüdischer Studenten in Deutschland (BJSD) veranstaltet in der Woche vom 9. Juni 1969 bis 12. Juni 1969 in der Universität eine “Woche für den Frieden im Nahen Osten”. Am ersten Tag soll Asher Ben-Natan, der Botschafter Israels mit einem einleitenden Referat beginnen. Am letzten Tag soll unter der Leitung von Professor Fetscher eine Podiumsdiskussion stattfinden. Dies wird in einem Flugblatt angekündigt:

Im Vorfeld der Veranstaltungswoche wird schon gemunkelt, der SDS und die Frankfurter Al-Fatah-Gruppe plane gemeinsame Aktionen gegen das Auftreten Asher Ben-Natans.

„Eine Diskussionswoche unter dem Motto ‘Frieden in Nahost’ veranstaltet der ‘Bundesverband Jüdischer Studenten in Deutschland’ am Montag, Dienstag und Donnerstag in der Frankfurter Universität (Hörsaal VI, jeweils 20 Uhr). Die Reihe wird am heutigen Montag eingeleitet mit einer Diskussion über die Lage im Nahen Osten mit einem Referat des israelischen Botschafters in der Bundesrepublik, Asher Ben Nathan. Für Dienstag ist in englischer Sprache ein Vortrag von Simcha Flapan ‘Al-Fatah-Repräsentative of the Palestine People?’ vorgesehen. Flapan ist der Herausgeber der in Israel erscheinenden Zeitschrift ‘New Outlook’ (Zeitschrift für die Verständigung zwischen Juden und Arabern), Flapan gehört der Maram-Partei an, die sich als zionistisch und linkssozialistisch bezeichnet. Der Redner wurde auch in der Bundesrepublik bekannt durch seine Broschüre ‘The Arab-Israeli War of 1967, a reply to Isaak Deutscher’. Am Donnerstag, 12. Juni, wird eine Podiumsdiskussion unter dem Thema ‘Welches ist der Weg zum Frieden im Nahen Osten?’. die Diskussionswoche abschließen. Die Diskussionswoche wird von der jüdischen Bevölkerung in Frankfurt und von Studenten mit einer gewissen Spannung entgegengesehen, da zu erfahren war, daß Teile des SDS und die Al-Fatah-Gruppe in Frankfurt in gemeinsamer Aktion besonders das Auftreten des israelischen Botschafters massiv stören wollen. Es verlautete weiter, daß sich auch Mitglieder des ‘Nationaldemokratischen Hochschulbundes NHB’ den SDS-Aktionen anschließen wollen. Über die möglichen Störungen beim Referat Ben Nathans haben in der vergangenen Woche Mitglieder der israelischen Botschaft mit der Frankfurter Polizei konferiert.
In einem ‘Extrablatt’ erklärte der Vorsitzende des ‘Bundesverbandes Jüdischer Studenten in Deutschland, BJSD’, Dany Diner:
‘Das psychologische Abklingen des Vietnam-Krieges und die Verhärtung der Positionen im hochschulpolitischen Bereich ließen den Nahostkonflikt als einen politisierenden Katalysator in der Universität immer wichtiger werden. Gleichzeitig leistete die Beschäftigung mit den vermeintlichen Untaten der Zionisten (Juden), und dies soll nicht schamhaft verschwiegen werden, befreiende Verdrängungsarbeit bezüglich der eigenen Vergangenheit. Die kritiklose Übernahme der arabischen Thesen, wie Zionismus gleich Faschismus, die Schablonisierung der Ziele und Methoden des Befreiungskampfes der Dritten Welt und dessen ungeprüfte Projektion auf die Situation im Nahen Osten verzerren jedes wohlmeinende Modell einer progressiven Lösung.’
Diner schreibt weiter:
‘ Al-Fatah, die zweifelsohne der Ausdruck der palästinensischen Verzweiflung ist, kann politisch, jedenfalls heute nicht, nicht als eine arabische Alternative gewertet werden. Nicht nur, daß die Bewegung ein Spielball innerarabischer Kämpfe und Spannungen zu werden droht, auch ihre Politik des ‘Alles oder Nichts’ macht sie politisch mit der Position des Mufti Haj Amin al Hussaini vergleichbar. Das Opfer dieser Forderungen droht das palästinensische Volk in seiner Gesamtheit zu werden.’ Der BJSD bekennt sich gegen jede Art von Imperialismus.
In einer Erklärung des BJSD heißt es:
‘Der BJSD betrachtet den Zionismus als eine Emanzipations-und Befreiungsbewegung des jüdischen Volkes, verwirklicht durch die Bildung des Staates Israel. Die Unwissenheit, Folge einer mangelnden Auseinandersetzung mit der Bewegung, führt zu einem teils bewußten, teils unbewußten Mißbrauch des Begriffs ‘Zionismus’ … Die Verfälschung und Umfunktionierung des zionistischen Gedankens als einen Ableger des Imperialismus und Kolonialismus und die bewußte Verleugnung seiner emanzipatorischen Absicht ebnet den Weg zu einer gefährlichen Schablonisierung des Nahostkonflikts.“

Frankfurter Rundschau vom 9. Juni 1969

In der Tat kommt es schon zu Beginn des Vortrags Asher Ben-Natans im überfüllten Hörsaal VI unter Anführung von KD Wolff zu turbulenten Szenen. Per Megaphon erinnert KD Wolff daran, Ben-Natan habe Jugendliche, die gegen die Verleihung des Friedenspreises an den senegalesischen Staatspräsidenten Senghor demonstrierten, als Faschisten bezeichnet. Er fordert ihn kategorisch auf, diese Diffamierung zurückzunehmen. Als der Botschafter versucht, sich zu rechtfertigen, wird er niedergeschrien und wird seinerseits von einigen Teilnehmern Faschist genannt.

Die Frankfurter Rundschau berichtet:

Zu turbulenten Szenen kam es am Montagabend im Hörsaal VI der Frankfurter Universität, wo der israelische Botschafter in der Bundesrepublik, Asher Ben Nathan, ein Referat zur Diskussionswoche des Bundesverbandes der jüdischen Studenten in Deutschland unter dem Titel ‘Frieden in Nahost’ halten wollte. Der Botschafter erschien etwa gegen 20.15 Uhr in dem mit fast 1000 Personen besetzten Saal und wurde von anhaltendem Beifall einerseits sowie Pfiffen, Pfuirufen und rhythmischem Klatschen andererseits empfangen. Unter dem Publikum hatten sich – einer Ankündigung entsprechend – stärkere Gruppen der Al Fatah gemischt, außerdem waren Gruppen des SDS und dessen Gesinnungsfreunde in großer Zahl vertreten. Wiederholt versuchte der Botschafter, zu Wort zu kommen, wurde jedoch stets niedergeschrieen. Der ehemalige Bundesvorsitzende des SDS Karl Dietrich Wolff, versuchte dann, eine Rede zu halten. Er wies den Botschafter darauf hin, bei seiner Anwesenheit in Frankfurt im September vergangenen Jahres, als der Friedenspreis des Deutschen Buchhandels an den senegalesischen Staatspräsidenten Senghor verliehen worden sei, habe er die jugendlichen Demonstranten an der Paulskirche als Faschisten bezeichnet. Wolff forderte Ben Nathan auf, die Behauptung zurückzunehmen. Der israelische Botschafter reagierte zunächst sehr gelassen und dankte für den ‘stürmischen Empfang’. Er meinte, es würde ein geschichtliches Ereignis bedeuten, wenn die Diskussion in Frankfurt unmöglich gemacht werde. Dies sei in Deutschland zuletzt vor 34 Jahren geschehen. Zu der Behauptung von Karl Dietrich Wolff im Hinblick auf den Zwischenfall an der Paulskirche sagte Ben Nathan: ‘Ich habe eine Szene beobachtet und daraufhin gesagt: Ihr benehmt euch wie Neonazis.’ Unterdessen wurden wiederholt Sprechchöre gegen den verhinderten Redner laut. Man rief unter anderem ‘Nazi-Kiesinger-Ben Nathan – eine Clique mit Dajan.’ Die Störer zeigten Transparente und Plakate, auf denen gegen den ‘Imperialismus im Nahen Osten’ demonstriert wurde. Zu einem Handgemenge kam es dann gegen 20.35 Uhr, als Karl-Dietrich Wolff versuchte, Eli Löbel, einen Vertreter einer israelischen Apo ‘Maz-Pen’, zu Wort kommen zu lassen. Wolff erklärte, man habe Löbel ursprünglich die Teilnahme an der Diskussion zugesagt, jedoch dann kurzfristig ihn wieder ausgeladen. Vereinzelt wurde der israelische Botschafter sogar als Faschist bezeichnet. In der Veranstaltung konnten die meisten Zuhörer kaum ein Wort verstehen, wenn sie nicht vorne am Podium waren.
Beschämend: Um 21.45 Uhr verließ Ben Nathan den Hörsaal VI. Umgeben von einem dichten Ring jüdischer Studenten stieg er die Hintertreppe hinab. Gegenüber der ‘Frankfurter Rundschau’ bedauerte es der Botschafter zutiefst, daß er sich gezwungen sah, die Veranstaltung zu verlassen. Es sei beschämend, sagte er, daß ihn die Studenten – allen voran arabische Kommilitonen – nicht hätten zu Wort kommen lassen. Auf Befragen fuhr der Botschafter fort, er werde wieder nach Frankfurt kommen, wenn er erneut eingeladen würde.“

Frankfurter Rundschau vom 10. Juni 1969

Anschließend an diesen Bericht werden die Aktionen des SDS am 11. Juni 1969 in der Frankfurter Rundschau als intolerant und beschämend kommentiert:

„SDS ist die Abkürzung für ‘Sozialistischer Deutscher Studentenbund’. Was die politische Reife der meisten SDS-Führer und ihrer Gefolgsleute angeht, so kann man eher von einem ‘Sozialistischen Deutschen Säuglingsbund“ sprechen. In Frankfurt haben sich der ehemalige Bundesvorsitzender Karl Dietrich Wolff und seine Mitschreier gerade wieder einmal bewiesen, wie erschreckend infantil sie sind. Sie taten sich mit Anhängern der arabischen Terroristengruppe Al Fatah zusammen, um den israelischen Botschafter Asher Ben Nathan niederzuschreien. Sie riefen: ‘Nazi-Kiesinger-Ben Nathan: eine Clique, bezeichneten den jüdischen Diplomaten als Faschisten, die Israelis als Imperialisten. So benehmen sich, so denken Studenten, die für sich in Anspruch nehmen, politisch analysieren, differenzieren zu können, Sozialisten zu sein. Kein Wort gegen Nasser und die anderen arabischen Führer, in deren Ländern das Volk hungert, weil Korruption herrscht und Riesensummen für die Rüstung ausgegeben werden, ‘um die Juden ins Meer zu werfen’ (Nasser). Kein Argument für die Israelis, die geschuftet und geschuftet, aus ihrem Land etwas gemacht haben und nicht gewillt sind, sich völlig ausrotten zu lassen. Kein Gefühl dafür, daß Aktionen wie die gegen Asher Ben Nathan in der Frankfurter Universität nicht nur ihn und seine Landsleute, sondern auch Millionen Menschen in der Bundesrepublik und im Ausland an die antisemitischen Pogrome während der Hitlerzeit, an die sechs Millionen Juden, die von Deutschen umgebracht wurden, erinnern. Wir haben uns mit der Zeit daran gewöhnt, daß die meisten SDS-Angehörigen Menschen, die anderer Meinung sind als sie, einfach nicht zu Worte kommen lassen. Kinder sind nun einmal intolerant. Aber nicht immer muß man sich für sie derart schämen, wie für diese politischen Kleinkinder.

Frankfurter Rundschau vom 11. Juni 1969

In der Veranstaltung am 11. Juni 1969 kommt es sogar zu noch heftigeren Auseinandersetzungen, die in einer Prügelei münden:

„Zu einer Schlägerei kam es am Mittwochabend in der Frankfurter Universität bei einem Teach-in, bei dem Eli Löbel, ein Vertreter der sogenannten israelischen APO, Maz-Pen, sprechen sollte. Eine starke Gruppe von Besuchern, die die Sache Israels unterstützten, störte die Veranstaltung von Beginn an durch Pfeifkonzerte, Klatschen und Singen hebräischer Lieder. Erst als ein Mitglied des jüdischen Studentenbundes, M. Glezermann, das Mikrophon ergriff und die Zuhörer bat, doch erst einmal das Referat anzuhören, um dann zu diskutieren, trat relative Ruhe ein. Nach Glezermanns Worten trat jedoch ein älterer Zuhörer zum Mikrophon und verlangte sofortige Diskussion. Er verwies auf die Störungen am Montagabend in der Universität, als der israelische Botschafter Asher Ben Nathan wegen der Störungen im Saal nicht zu Worte gekommen war. Aus noch unbekannten Gründen stürmten daraufhin einige junge Leute zum Podium und begannen, auf Eli Löbel einzuschlagen. Bei dem darauf einsetzenden Tumult, bei dem es zu einer Jagd über die Bänke des Hörsaals kam, wurde ein noch unbekannter jugendlicher Zuhörer so zusammengeschlagen, daß er mit einem Krankenwagen in ein Krankenhaus gebracht werden mußte. Eli Löbel, der von vielen Israelis als Verräter bezeichnet wurde, wurde ebenfalls zusammengeschlagen. Die Veranstaltung wurde aufgelöst. Mitglieder des jüdischen Studentenbundes bedauerten die Vorfälle.“

Frankfurter Rundschau vom 12. Juni 1969

Am 12. Juni 1969 äußern sich sowohl der BJSD als auch der AStA, der eine Art Sprachrohr des SDS ist, zu den Vorfällen:

„Die turbulente Eröffnung der internationalen Woche ‘Friede in Nahost’ mit dem israelischen Botschafter wertete der veranstaltende Verband jüdischer Studenten in Deutschland trotz der massiven Störungen radikaler Gruppen als Erfolg. Verbandsvorsitzender Dany Diner begründete diese Auffassung am Mittwoch vor Journalisten mit dem Hinweis, es sei dem Sozialistischen Deutschen Studentenbund (SDS) und seinen Anhängern nicht gelungen, den Abend umzufunktionieren.
Der Allgemeine Studentenausschuß (AStA) der Frankfurter Universität hat die Berichterstattung der Presse über die Vorgänge ‘total falsch’ verstanden, indem sie den Studenten Antisemitismus, Antizionismus und Antiimperialismus nicht differenzieren. Außerdem hätte Ben Nathan-so ein AStA-Sprecher-die Diskussion von vornherein unmöglich gemacht, da er eine Bemerkung vom vergangenen Herbst, die Studenten seien Neonazis, nicht zurückgenommen habe.
Ein geeintes Palästina könne nur auf der Basis des Sozialismus geschaffen werden. Vorher aber sollten die Araber ihre eigenen inneren Probleme lösen und nicht ihre ganze Kraft auf die Zerstörung Israels richten. Dies führe nur zum Völker- und Selbstmord. Mit diesen Worten umriß der Herausgeber der jüdischen Zeitschrift ‘New Outlook’, Simcha Flapan, am Dienstagabend in der Frankfurter Universität seine Ansicht zu den Auseinandersetzungen zwischen dem jüdischen und dem arabischen Volk. Simcha Flapan war auf Einladung des Verbandes jüdischer Studenten in Deutschland der Sprecher der zweiten Veranstaltung der internationalen Woche für den Frieden im Nahen Osten. Die Diskussion verlief – abgesehen von einigen wenigen Zwischenrufen – friedlich. Simcha Flapan, der über die ‘Al Fatah-Repräsentanz’ sprach, gehört dem linken Flügel der israelischen Mapam-Partei an. An der Veranstaltung nahmen etwa 300 Zuhörer teil.“

Frankfurter Rundschau 12. Juni 1969

Schließlich rufen AStA, SDS, Gups und Israca dazu auf die für den 13. Juni 1969 angekündigte Podiumsdiskussion unter Leitung vom Fetscher dazu zu nutzen, die ver­kappten Nazis – nämlich die Zionisten zu entlarven:

Flugblatt vom 13. Juni 1969, verantwortlich: AStA, SDS, Gups und Israca

Abschließend läßt es sich der SDS nicht nehmen, umfassend und grundsätzlich seine Position in einer Presseerklärung vom 16. Juni 1969 darzustellen:

„Nachdem in der letzten Woche die Propa­gan­da­ver­anstaltung des isr. Bot­schafters Asher Ben Nathan in Frankfurt und Hamburg gestört wurden, hat eine Kam­pagne gegen arabische, jüdische und deut­sche Gegner des Zionismus begonnen. Während die deut­sche Presse uns wahllos Anti­semiten schimpft, Sprechchöre gegen den Botschafter als ‘faschistische Gewal­tanwendung’ bezeichnet, sieht man allgemein über die wirklichen faschi­stischen Vorgänge der letzten Tage hinweg. Als am Mittwoch, dem 11.6., in der Uni Frankfurt ein Vertreter der jü­dischen revolutio­nären Organisa­tion Maz-Pen sprechen sollte, stürmte unter dem Schlachtruf ‘Ein Verräter am Judentum’ eine or­ganisierte Bande das Podium und schlug mehrere ara­bische jüdische und deutsche Kommili­tonen zusammen. Auf ih­rer Flucht in auf der Straße bereitste­hende Autos drohten die ihnen nachfolgenden Stu­denten mit Schußwaffenge­brauch. Nach dieser Aktion sind dem Staat Israel gegenüber kriti­sche jüdische Studenten mit Mord bedroht worden. Die Umkeh­rung in der westdeutschen Öffentlichkeit von dem, was Fa­schismus und Terror wirklich sind, macht die deutsche Presse mitverantwortlich für die Pogromsituation gegenüber den Geg­nern, insbesondere den jüdischen Geg­nern des Zionis­mus. Die Manipulation in der westdeutschen Öffentlich­keit über das Palä­stina-Problem ist nahezu perfekt. Der israeli­sche Botschafter kann hier behaupten, daß Antizionismus gleich Antisemitis­mus sei. Als zionistischer Propagandaver­treter in der BRD nutzt er geschickt die reaktionäre Fa­schismus­pro­jektion gegen die Linke aus, so daß eine ganze reak­tionäre Gesellschaft, die vorher 6 Mill. Juden in die Gaskammern geschickt hat, von ihrem schlech­ten Gewissen be­freit, uns, die wir die Faschisierung in der BRD in den letzten Jahren be­kämpft haben, als ‘Linksfaschisten’ be­zeichnen kann. Unsere Argumen­tation, das der Zionismus die rassistische Ideologie eines autoritären Staates ist, der mit dem Imperialismus jederzeit kollaboriert, wird ver­schwiegen. Daß das Palästinensische Volk das Recht hat, im eigenen Land zu den Waffen zu greifen, wo es gewaltsam von zionistischen Koloniali­sten unterdrückt wird, die im Nahen Osten nach den Annek­tionen von 1967 weiterhin ohne Rück­sicht auf die arabischen Einwoh­ner ein ‘Groß-Israel’ zu er­richten beginnen – diese Tat­sachen waren die Motive unseres Protestes gegen das Auftreten des Zionisten Ben Nathan. Der Zionismus, der wie jede autoritäre Ideologie gesellschaft­liche Konflikte im eigenen Land nach außen lenkt, rich­tet sich rassi­stisch gegen die arabischen Palästinen­ser, die man, seit Zionisten in Palästina erschienen sind, mit un­mittelbarer Gewalt zu vertreiben ver­sucht und über die man seit der Gründung Isreals mit Notstandsge­setzen regiert. Al Fatah ist eine ebenso berechtigte so­zialrevolutionäre Orga­nisation wie die Black-Panther-Party in den USA. Die bishe­rigen Opfer des Rassismus haben das Recht, gegen die Dis­kriminierung und Unterdrückung auch mit Waffengewalt zu kämp­fen. Die Auf­fassung der Al-Fatah ist zu unterscheiden von dem klein­bür­ger­lichen Rassismus reaktionärer arabischer Regime, die seit Be­stehen der Al-Fatah die so­ziale Revolu­tion im eigenen Land fürchten. ‘Unser Kampf richtet sich nicht gegen die Bevölkerung jü­dischen Glaubens. Wir wollen sie auch nicht ‘ins Meer werfen’. Der Kampf richtet sich ausschließlich gegen das zionistische fa­schistische Regime in Israel.’ (Al Fatah). Der Kampf gegen den Zio­nismus, ist auch ein Kampf aller bewußten Juden – ob in Is­rael oder in Europa. Die absurde Propagandalüge des angeblichen Antise­mitismus der Linken erfüllt drei verschiedene Funktionen:
1. die Vorbereitung der Öffentlichkeit auf ein Verbot des SDS, das die Reak­tionäre von der Springer-Presse bis zur CSU offen fordern, während die liberale Presse wie Frank­furter Rundschau oder gar die FAZ , die uns ‘Hitlers Erben’ nennt, und die SPD, die den Antizio­nismus irrsin­nigerweise als Aufforderung zum Völkermord bezeichnet, das richtige Klima dafür schaffen,
2. Der Staat Israel macht seit Mona­ten seinen Einfluß in der BRD gel­tend, daß die Aufklärungs­arbeit von linken Stu­denten über Pa­lästina eingestellt wird. Er be­hauptet, in der BRD sei eine Al-Fatah-Zentrale und fordert von der Bundesregie­rung das Verbot politischer Tätigkeit von Palästinensern.
3. In dieser Pogromsi­tuation sind gezielte faschistische Terrorak­tionen möglich wie am letzten Mitt­woch in der Frankfurter Univer­sität, die alle Linken – seien es arabi­sche, jüdische oder deutsche sozia­listische Studenten – einschüchtern sollen. Da der SDS mit al­len nationalen und sozialisti­schen revolutio­nären Bewe­gungen der Dritten Welt solidarisch ist, wird er die palä­stinensische Be­freiungsbewegung ebenso wie die jüdische re­volutionäre Organi­sation Mats-Pen weiter durch aufklärende Aktionen unterstüt­zen. SDS-Bun­des­vor­stand.“

Pressemitteilung des SDS-Bundesvorstands vom 16. Juni 1969

Anzumerken ist: Die Aktionen gegen Asher Ben-Natan kommentiert Adorno am 19. Juni 1969 in einem Brief an Herbert Marcuse:

“Die Gefahr des Umschlags der Studentenbewegung in Faschismus nehme ich viel schwerer als Du. Nachdem man in Frankfurt den israelischen Botschafter niedergebrüllt hat, hilft auch die Versicherung, das sei nicht aus Antisemitismus geschehen, und das Aufgebot irgendeines israelischen ApO-Mannes nicht das
mindeste [ … ] Du müsstest nur einmal in die manisch erstarrten Augen derer sehen, die, womöglich unter Berufung auf uns selbst, ihre Wut gegen uns kehren.”

Theodor W. Adorno, Brief an Herbert Marcuse vom 19. Juni 1969, zitiert nach Kraushaar 1998,
Band 2, S. 652.

Siehe auch: Zarin Aschrafi, Der Nahe Osten im Frankfurter Westend. Politische Akteure im Deutungskonflikt (1967–1972), in: Zeithistorische Forschungen/Studies in Contemporary History, Online-Ausgabe,16 (2019), H. 3.

Unter Bezugnahme auf Recherchen Wolfgang Kraushaars (Wolfgang Kraushaar: Die Bombe im Jüdischen Gemeindehaus. Hamburger Edition, Hamburg) erinnert Götz Aly rückschauend daran, dass letztlich ein hasserfüllter Antisemitismus die Aktionen des SDS gegen Juden und jüdische Einrichtungen gesteuert habe. Sie stünden damit in der schrecklichen Tradition ihrer Eltern. Hieraus zieht er schließlich folgende Konsequenz:

“Wer heute bei den allfälligen 60. Geburtstagen der einstigen Protestfreunde zu Gast ist, erlebt nicht selten, wie die eigene Vergangenheit als heroische Kampfesphase verklärt wird gegenüber einer Jugend von heute, die angeblich nichts mehr will. Die Feiernden erzählen sich dort gern die Märchen von einer sozial engagierten, stets den Schwachen, der weltweiten Gerechtigkeit und dem allgemeinen Fortschritt zugewandten Revolte, die das Klima der Bundesrepublik doch insgesamt so positiv beeinflußt habe. Mit solchen Lügen ist nun Schluß. Die deutschen Achtundsechziger waren ihren Eltern auf elende Weise ähnlich. […] Wenn es langfristig überhaupt positive Auswirkungen des Achtundsechziger-Protests gegeben haben sollte, dann nur deshalb, weil es den Gegenkräften gelang, diese zutiefst intolerante und antidemokratische Bewegung mit Hilfe der Staatsgewalt und einer entschlossenen Publizistik zu stoppen. “

Götz Aly, Explodierender Haß, in: Die Welt, 16. Juli 2005

Die SDS-Märchenerzähler KD Wolff und Frank Wolff nehmen sich diese Kritik auch im hohen Alter nicht zu Herzen. Sie sind Ebenbilder ihrer Eltern, die sie erbarmungslos wegen des Verschweigens ihrer Nazivergangenheit verurteilten: Auch sie selbst nutzen familiär geprägt geschickt diese besondere Methode der Vergangenheitsbewältigung. In wortgewaltigen Interviews blenden sie rückschauend ihre intoleranten Positionen und gewalttätigen Aktionen aus. Die unduldsamen agitiierende Täter verwandeln sie sich in Opfer der Staatsgewalt, in Freiheitskämpfer und offen diskutierende Aufklärer.