Frank Wolff, SDS

Amtsrichtersohn, SDS-Vorsitzender, Scheinrevolutionär, Agitator, gewaltbereiter Aktivist, Phantast, gescheiterter Klassenkämpfer, angeblicher Antikapitalist, Feind des Establishments – Später: Eitler Teil des Establishments, Cellist ohne Examina noch immer mit revolutionären Allüren.

Frank Wolff: *28. August 1945 in Battenberg/Eder, Abitur 1964, Beginn eines Cellostudiums an der Musikhochschule Freiburg im WS 1963/64 bis einschließlich SS 1966. Abbruch dieses Studiums und Beginn eines Soziologiestudiums ab WS 1966/67 an der Universität Frankfurt.

Die „roten Wölffe“: Frank Wolff, KD Wolff und Reinhard Wolff

Bruder von KD Wolff und Reinhart Wolff. Die drei Sponti-Brüder – allesamt SDS-Mitglieder – werden die „roten Wölffe“ genannt. Siehe hierzu: Gespräch mit Herbert Schnädelbach, Links und rechts der Zeppelinallee: Die beiden Seiten Adornos, S. 465

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Frank Wolff wird zum zweiten Bundesvorsitzenden des SDS gewählt

Zunächst wählt die Frankfurter Hochschulgruppe des SDS Frank Wolff mit Wirkung ab dem WS 1966/67 zu ihrem 2. Vorsitzenden. Auf der 22. Delegiertenkonferenz des SDS (4. bis 8. September 1967) wird er schließlich zum zweiten Bundesvorsitzenden des SDS gewählt. Dieses Amt übt er bis Herbst 1968 aus. Zudem ist er Vorstandsmitglied des Verbandes Deutscher Studentenschaften (VDS) von Juni bis November 1969.

Frank Wolff - Cello liegend
Frank Wolff – Liegend spielend!

Frank Wolff und die Carlo Schmid-Aktion am 20. November 1967

Schon im November 1967 organisiert Frank Wolff die erste größere Aktion: Durch Flugblätter sorgsam vorbereitet gelingt es ihm und seinen Mitstreitern am 20.11.1967, die Vorlesung Carlo Schmids zu stören.

Gegen ihn und 10 weitere Personen erhebt deswegen die Oberstaatsanwaltschaft Frankfurt am 2. Dezember 1968 Anklage wegen Nötigung, Freiheitsberaubung und Körperverletzung.

Anzumerken ist: Strafrechtliche Konsequenzen hat diese Aktion aber letztlich nicht. Am 27. März 1969 lehnt die 12. Strafkammer des Landgerichts Frankfurt die Eröffnung des Hauptverfahrens ab.

Die Sitzung des Konzils und des Akademischen Senats und das Go-In Rektorat
am 6. Dezember 1968 und die Rolle von Frank Wolff

Am 6. Dezember 1967 führt Frank Wolff einen Sturmtrupp an, der gewalttätig in das Rektorat eindringt und vorübergehend die Vorräume des Rektorats besetzt.

Die Blockade der Universität Ende Mai 1968 und die Rolle von Frank Wolff

Im Mai 1968 ist Frank Wolff einer der profiliertesten Anführer einer Mannschaft, der als eine Art „QAnon-Schamane“ zum Widerstand gegen Gesetze aufruft. Er plant und organisiert die Blockade der Universität, ruft zum politischen Streik auf und initiiert weitere Aktionen, die letzte Lesung der Notstandsgesetze zu verhindern. Großspurig kündigt er an, die Hochschule in ein politisches Aktionszentrum zu verwandeln, was dann dem antikapitalistischen Klassenkampf zu dienen habe. Die Blockade der Universität ist Teil dieser Provokations-Strategie.

Die Besetzung des Soziologischen Seminars im Dezember 1968 und die Rolle von Frank Wolff

Selbstverständlich ist Wolff am 17. Dezember 1968 auch an der Besetzung des Soziologischen Seminars (Myliusstraße 30) beteiligt, die er einige Tage später in einer Diskussion mit Habermas, von Friedeburg und Mitscherlich wirr zu verteidigen sucht:

Protokolle und Materialien Frank Wolff
Studentenbewegung 67-69, Protokolle und Materialien, herausgegeben und eingeleitet von Frank Wollf und Eberhard Windaus, S.113

Die Besetzung des Instituts für Gesellschaftslehre am 8. Januar 1969

Im Januar 1969 ist Frank Wolff zudem an der kurzzeitigen Besetzung des Instituts für Gesellschaftslehre beteiligt, dessen Direktor Rüegg ist. Siehe hierzu den Bericht der FNP in deren Ausgabe vom 8. Januar 1969:

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Besetzung Institut für Sozialforschung

Schließlich greift Frank Wolff am 31. Januar 1969 gemeinsam mit seinen Mitstreitern das Institut für Sozialforschung an (Siehe die Sonderdarstellung: Besetzung und Räumung des Instituts für Sozialforschung):

Auf einem teach-in am 6. Februar 1969 bekennt sich Frank Wolff zur bisherigen massiven Konfrontation mit der Polizei. Meint jedoch, nun sei es eher angebracht, flexible Aktionen mit kleineren Gruppen zu unternehmen, um den polizeilichen Aufwand unwirksam zu machen (FAZ vom 06. Februar 1969):

Siehe auch das interne Protokoll der Polizei vom selben Tag, in welchem berichtet wird, Frank Wolff habe gefordert, man solle eine Abordnung zum Oberbürgermeister schicken und diesen auffordern, zu erklären, warum die Universität von Polizei abgesperrt worden sei. Auch hier blitzt verräterisch die wahnhafte Neigung Wolffs auf, sich in seinen wirklichen Möglichkeiten zu überschätzen:

Die Blockade des Immatrikulationsbüros am 28. April 1969

Am 28. April 1969 erreicht Frank Wolff einen Höhepunkt seiner Rolle als revolutionärer Volkstribun. Mit bedeckter Brust ruft er zum Kampf auf den Barrikaden auf, nachdem er vorher versucht, die Eingänge zum Immatrikulationsbüro mit etwa 100 weiteren Personen zu blockieren:

Frank Wolff Studentenbewegung
Fahne

Siehe auch der folgende Pressebericht:

Anfang Mai 1969 erstattet der Prorektor, Prof. Rammelmeyer, wegen der Aktion vor dem Immatrikulationsbüro gegen Frank Wolff Strafanzeige, die allerdings niemals zu strafrechtlichen Konsequenzen führt:

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Wie bedenkenlos der „Revolutionär“ Frank Wolff wirklich ist, verdeutlicht seine Einschätzung der Frankfurter Warenhaus-Brandstiftung, die er für legitim hält, weil es gelte gegen die Gesellschaft anzukämpfen.

FNP 1.11.1968 Frank Wolff:Warenhaus-Brandstiftung
FNP 1.11.1968 Frank Wolff: Warenhaus-Brandstiftung

Die Niederlegung der Ämter

Die revolutionäre Erstkariere Frank Wolffs als Klassenkämpfer endet mit seinem lärmenden Rücktritt vom Amt eines Vorstandsmitglieds des Verbandes Deutscher Studentenschaften (VDS) in einer Mitgliederversammlung am 15. November 1969, das eigentlich der Bündelung der politischen Aktivitäten von SDS und VDS dienen sollte. Siehe hierzu „Der Versuch der „Liquidierung“ des Verbandes Deutscher Studentenschaften (VDS) durch den antiautoritären Flügel des SDS

Er begründet dies wie folgt:

„Im Juni dieses Jahres hat der SDS den VDS übernommen, um den Versuch zu machen, die fachspezifischen und dezentralisierten Arbeitsbereiche, die die verschiedenen Mobilisierungsphasen der Studentenrevolte relativ naturwüchsig hervorgebracht hatten, und die dann als einigermaßen fest strukturierte erkennbar waren, pragmatisch zusammenzufassen und überregional zu organisieren. Die Vorstellung, man könnte so die inhaltliche Bestimmung revolutionärer Perspektiven sozialistischer Politik und den diesen Inhalten entsprechenden Prozeß der Organisation des Kampfes mit Hilfe einer übernommenen und dazu aufbereiteten Institution vorantreiben, ist eine bürokratische Fiktion. Der VDS – und jede der existierenden ähnlichen Institutionen – ist für den gegenwärtig notwendigen Prozeß der Organisation der sozialistischen Studenten in Bezug auf die sich entwickelnden Klassenkämpfe nicht zu gebrauchen…“

Eine richtige Zentralisierung der studentischen Bewegung könne nur in den dezentralisierten Kämpfen durch die Studenten selbst vorangetrieben werden. Und weiter heißt es:

„Alle diejenigen, die zwischen der technokratischen und der revolutionären Konsequenz der Hochschulrevolte schwanken, haben hier eine prinzipielle Entscheidung zu fällen zwischen der Mitarbeit am praktischen und theoretischen, am lokalen und überregionalen Prozeß der Organisation des Kampfes gegen den Kapitalismus in der Bundesrepublik und dem endgültigen Verkommen zu Knechten kapitalistischer Unterdrückung!…“

Die Erklärung schließt:

  • „Der VDS-Vorstand tritt hiermit aus seinem Amt zurück.
  • Der VDS ist – wie immer auch strukturiert – für die revolutionäre Arbeit in der BRD bedeutungslos. Der SDS zieht sich daher aus der Arbeit im VDS zurück.
  • Der SDS empfiehlt den anwesenden Funktionären, sich in die inhaltliche Auseinandersetzung der Revolte zu begeben, anstelle im VDS zu Kapitalistenknechten zu verkommen.
  • Die SDS-Asten erklären hiermit ihren Austritt aus dem VDS und verlassen die MV.“

(studentische politik 7-1969, Forschungsinstitut der Friedrich-Ebert-Stiftung, S. 82ff. (84)).

Der Beginn des kleinbürgerlichen Lebens Frank Wolffs

Seit diesem Zeitpunkt ist das Spiel Frank Wolffs auf der Bühne der Studentenbewegung beendet. Er verschwindet in der Versenkung eines kleinbürgerlichen Lebens, in dessen Verlauf er allerdings 1977 geplagt vom Heimweh mit seltsam verwirrten Sätzen blühende Rosen ersehnt, die sonst eigentlich nur für die Jungfrau Maria und das Jesuskind im Dornwald bestimmt sind.

Eberhard  Windaus, Studentenbewegung 67-69, Protokolle und Materialien Frank Wolff
Frank Wolff/ Eberhard Windaus, Studentenbewegung 67-69, Protokolle und Materialien, 1977, Verlag Roter Stern, Seite 11

In der selben Publikation wehrt sich Wolff zudem gegen das Gerücht, er sei damals nicht als Polit-Arbeiter in die Fabrik gegangen, um seine Finger für das Cellospielen zu schonen und nutzt die Gelegenheit, sich hämisch über die Kriegsgewinnler der Revolte zu äußern:

Er (Frank Wolff) war „viel zu jung, im SDS-Bundesvorstand, dann im VDS, derzeit er nur heimlich bzw. im Ausland Cello spielte. Denn das war unpolitisch, bürgerlich; lange noch kursierte später das hämische Gerücht, er, ich sei nicht als Polit-Arbeiter in die Fabrik gegangen, nur (!) um die Hände zu schonen. Politische Moral – gerade gut genug, Gefühle zu unterdrücken und ihren sinnlichen Ausdruck, freilich im Namen einer neuen Sensibilität. Aber die war damals auch schon Reklame. – Heute beschäftigen wir uns mit Kindern, der eine, mit Musik und Film der andere, beide mit Politik (na endlich), lesen viel Zeitungen, erleben mitschuldig den Tod von alten, jungen Genossen, hören auch von schäbigen Karieren anderer Zeitgenossen, den Kriegsgewinnlern der Revolte, Bundestagskandidaten, Lehrstuhlbesitzern, reicher linker Kneipen-Mafia.“

Frank Wolff/ Eberhard Windaus, Studentenbewegung 67-69, Protokolle und Materialien, aaO, Seite 10

Von den Bundestagskandidaten, Lehrstuhlbesitzern und der reichen linken Kneipen-Mafia unterscheidet sich Frank Wolff spätestens 2007 nicht mehr, denn dann ist er selbst anerkanntes Mitglied des Establishments. Im Frankfurter Römer wird ihm – verdient oder unverdient – als Persönlichkeit des kulturellen Lebens […], die durch ihr schöpferisches Wirken einer dem Andenken Goethes gewidmeten Ehrung würdig ist“ die Goetheplakette verliehen. Fraglich ist, ob unter anderem auch das „schöpferische“ Wirken des Geehrten im Verlauf seines Klassenkampfes in der Johann Wolfgang Goethe-Universität gemeint ist.

Ein Felix Frank Krull, der nicht nur mit dem Cello phantasiert

Anlässlich seines 75-jährigen Geburtstags schmückt sich der „Kapitalistenknecht“ und „Kriegsgewinnler“ Frank Wolff in einem Interview vom 28.08.2020, das er der Springerpresse, „Die Welt“, gibt, rückschauend mit überraschenden Meriten. So behauptet er zum Beispiel, 1963 als 18-jähriger Student – also im ersten Semester – an der Freiburger Musikhochschule Mitglied der Cello-Meisterklasse gewesen zu sein, was bei bester Begabung nicht unbedingt üblich ist. Zudem berichtet er voller Stolz, nach dem Abbruch seines Musikhochschulstudiums in Freiburg und nach der Immatrikulation an der Johann Wolfgang Goethe-Universität, im zweiten Semester im Hörsaal VI in einem Proseminar bei Adorno ein Referat über die Klassentheorie von Karl Marx gehalten zu haben, woraufhin ihm Adorno spontan angeboten habe, seine Doktorarbeit zu betreuen.

Richtig ist: Frank Wolff hat im Sommersemester 1967 in Adornos Proseminar, „Soziologische Zentralbegriffe“, ein Referat zum „Begriff der Klasse bei Karl Marx“ gehalten. Im Archiv der Universität Frankfurt ist ein entsprechender Vermerk vorhanden. Jedoch ist es wenig glaubhaft, dass Adorno ihm – dem Studienanfänger – daraufhin das Betreuungsangebot gemacht haben könnte. Immerhin bestätigt Wolff, aus der Doktorarbeit sei dann doch nichts geworden. Allerdings hindert ihn dies nicht daran, sich mystifizierend „in gewisser Weise als personifizierte Synthese von alter und neuer Frankfurter Schule zu betrachten„, um dann doch noch von der Aura Adornos ein Zipfelchen zu erhaschen.

Noch unglaubwürdiger sind die Schilderungen Frank Wolffs zu Adorno in einem Interview , das er am 3. August 2019 mit der Frankfurter Rundschau über sein Verhältnis zu seinem Meister führt, und dort ernsthaft den Eindruck erweckt, er sei Teil der „Frankfurter Schule“ gewesen. Zitat:

Frage: Welche Werke von Adorno haben Sie damals gelesen?

Antwort: „Nun, natürlich habe ich als Musiker das gelesen, was er über Musik geschrieben hat. Und dann natürlich die „Dialektik der Aufklärung“ und „Minima Moralia“. Ich wurde ja dann selbst als Künstler mit meinem Cello so eine Art Missing Link zwischen der Frankfurter Schule Adornos und der Neuen Frankfurter Schule der Satire. Ich habe die alte Frankfurter Schule dann verlassen und bin zur Musik zurückgekehrt.

Eine ähnliche Beziehung wie zu Adorno konstruiert Wolff zu Casals. So will er 1963 den Maestro in dem französischen Pyrenäenort Prades kennengelernt haben, der das Cellospiel des damals gerade 18-jährigen bewundert habe, berichtet Riebsamen am 17. September 2007 in der Rhein-Main-Ausgabe der FAZ, Zitat:

Natürlich wird Wolff an diesem Abend ein Stück im Stil des großen Pablo Casals spielen. Denn der war Katalane – und Katalonien ist Ehrengast der diesjährigen Buchmesse. Jose Montilla Aguilera, der Präsident der katalanischen Regierung, dürfte also heimatliche Gefühle empfinden, wenn er Wolffs Vortrag lauscht. Dessen Hommage an den 1973 verstorben Cello-Meister ist noch einem weiteren Umstand geschuldet. Wolff hat als blutjunger Mann den Maestro noch selbst bei einem Festival 1963 im französischen Prades in den Pyrenäen kennengelernt – und ihm auf seinem Cello vorgespielt. Casals hat Wolffs Spiel damals übrigens gefallen.“

Diese maßlose Selbstüberhöhung und Eitelkeit strahlt auch auf sein aktuelles Leben aus und verführt ihn dazu, sich als Revolutionär des Cellospiels zu stilisieren. In der Dezemberausgabe 2020, der Alumni-Zeitschrift „Einblicke“ der Uni Frankfurt erinnert er in einem Interview daran, er habe über sich selbst gesagt, er habe das Cellospiel revolutioniert. Diese Frage ermutigt ihn, sich unbescheiden vom klassischen Cellospielen abzugrenzen, und es abwertend als sehr eng zu bewerten. Bach würde sich sicherlich über seinen tanzenden, hüpfenden und klangmalenden Konkurrenten mit seiner Collagetechnik – der Mischung von E-Musik mit von ihm eingestreuten Ober – und Untertönen – wundern. Zitat aus dem Interview mit Wolff:

Klassisches Cello ist ja ganz schön, aber sehr eng. Mich interessieren neue Klangfarben, neue Töne, die das Cellospiel erweitern. Deshalb interpretiere ich Klassiker von Bach über Tom Waits bis zu Jimi Hendrix vollkommen neu. Die F.A.Z. hat mal geschrieben, ich würde mit dem Cello Klangbilder malen, ich sei derjenige, der mit dem Cello tanze. Das mache ich tatsächlich. Das Cello ist meine Stimme. Mein Cello ist Teil meines Körpers und es ist auch mein Ausdrucksmittel über die Musik hinaus. […] Ich habe das Instrument sozusagen wieder neu entdeckt.

Das folgende Zitat bestätigt die zwanghafte Fixierung Wolffs auf Adorno, den er immer wieder sich selbst vermarktend in seine skurrilen Aktivitäten einbindet, indem er den ehrwürdigen Text seines „philosophischen Lehrers“ quasi als Rap nutzt.

Im Duo-Programm Minima Moralia versetzten Anne Bärenz und ich 1982 diesen ehrwürdigen Text meines philosophischen Lehrers Adorno in einen Schlager-Groove: Theorie quasi als Rap und aller Unrat, den die barbarische Kultur im Individuum zurückgelassen hat, Halbbildung, sich Gehenlassen, plumpe Vertraulichkeit, Ungeschliffenheit, kommt zum Vorschein.“

Frank Wolff, Adorno meets Jimi Hendrix, Reisenotizen eines Grenzgängers, Seite 88

Damit nicht genug: Wolff verwandelt sich sogar in einen Helden der griechischen Mythologie, der sich auf einer Irrfahrt zwischen Adorno, Bach, Cage und Hendrix befindet. Dies ermöglicht ihm sein altes Cello, das an ein elektrisches Kabel angeschlossen ist:

„Als das alte Cello eines Morgens in seinem Kasten aufwachte, war es an ein elektrisches Kabel angeschlossen. Es erhob sich und tatsächlich: es flog wie der Wind. . . . 1978 hatte es der Maler Hanno Rink auf einem Plakat in eine fliegende Rasierklinge verwandelt: Schubert Doesn’t Live Here Anymore (eine Konzertcollage für Cello, Klavier, Töne & Bilder aus der großen Stadt). Elektrisch verstärkt habe ich mein Cello dann erst später, aber es klang schon wie eine kreischende Rockgitarre, als ich im Herbst 77 politisch reagierte: Mein Deutschlandlied – Joseph Haydn und Jimi Hendrix gewidmet. Explosiv berührten sich da Spieltechniken der Neuen Musik mit elektrifizierten Sounds, und traditionelle Variationsformen mutierten zur Collage; wortlos sprach ich mit dem Cello, erzählte die dramatische Geschichte dieses Liedes und unseres Landes. – So begann meine Odyssee zwischen Avantgarde, Mozartsaal und Rockpalast.“

Frank Wolff, Adorno meets Jimi Hendrix, Reisenotizen eines Grenzgängers, Seite 88

Zusammenfassend könnte man sagen: Ein objektiv kleiner Revolutionär bleibt subjektiv immer ein großer Revolutionär. Die eigene Person steht wahnhaft im Zentrum der Weltgeschichte. Nicht umsonst tauchen zum Beispiel die verräterischen Pronomen ICH und MEIN über 100 mal in dem zitierten kurzen Dezember-Interview auf. Immerhin: Ein begabter Unterhaltungsmusiker.

Vorschlag für seinen nächsten Auftritt: Frank Wolff sollte vor der belarussischen Botschaft in Berlin deren Nationalhymne verziert mit Ober- und Untertönen und mit geschlossenen Augen hüpfend präsentieren. Anschließend könnte er dann sein kostbares Cremona-Cello auf den Treppen der Botschaft, Am Treptower Park 32, zerschlagen bis die Fetzen fliegen.

Show und Wirklichkeit Frank Wolff
Sein und Schein

Abschließend wird folgendes angemerkt: In seinem oben zitierten Dezember-Interview hebt Wolff geschmacklos folgendes hervor:

Es gibt ja Leute, die erzählen, ich hätte gesagt, man könne nach Auschwitz nicht mehr Musik machen.“

Mit diesem angeblichen „Leute-Zitat“ stellt sich Wolff insgeheim mit Adorno gleich, der nach dem Ende des 2. Weltkriegs apodiktisch feststellt, es sei barbarisch, nach Auschwitz ein Gedicht zu schreiben. Zwar dementiert Wolff anschließend burschikos, dies habe er in Wirklichkeit nicht geäußert, sondern sein Bruder KD Wolff. Jedoch kann er es sich trotzdem nicht verkneifen, anzumerken, er habe wegen der Unordnung der Welt nicht einfach weiter Cello spielen können. Allerdings ist offensichtlich für ihn die Welt doch ordentlicher als zunächst angenommen. Zwar bricht er sowohl das Musikstudium als auch das Soziologiestudium nach wenigen Semestern ab, jedoch kann er sich dann doch noch überwinden, wenigstens als Revolutions-Cellist in der Unterhaltungsbranche wahrgenommen zu werden. Nie hat er beispielsweise eine der Cellosuiten Johann Sebastian Bachs ohne Wollfsche Ober- und Untertöne und Gehüpfe der Öffentlichkeit klassisch interpretierend präsentiert. Geschickt vermeidet er durch seine Flucht aus der klassischen Musik und seine vorbildliche Marketingstrategie jegliche Qualitäts-Kontrolle.

Ergänzend muss dann doch noch an folgendes erinnert werden. Ein Interview, das Wolff am 22. April 1968 mit dem Spiegel führt, belegt sehr wohl, dass er höchstpersönlich die Verbindung zu Auschwitz hergestellt hat. Zitat:

Der Cellist studierte zunächst sechs Semester in der Meisterklasse der Freiburger Musikhochschule und kam dann zu der Erkenntnis, „daß man nach Auschwitz eigentlich nicht mehr Cello spielen kann“. Nur noch auf gelegentlichen Konzerten — zuletzt in Karlsruhe — wird Frank Wolff diesem Vorsatz untreu, sonst hört er — jetzt im vierten Semester — Soziologie und Philosophie in Frankfurt.

Spiegelinterview vom 22.04.1968 mit KD Wolff und Frank Wolff

DIE FÜHRER DES SDS

Spiegelinterview vom 22.04.1968 mit KD Wolff und Frank Wolff
Spiegelinterview vom 22.04.1968 mit KD Wolff und Frank Wolff

Empfehlung

Im Übrigen empfehle ich folgende Cello-Collagen, die keine Bezüge zu Adorno haben und trotzdem nicht schlecht sind, anzusehen und anzuhören. Wolff hat also Konkurrenz. So gelingt es auch dem Cellisten, Rushad Eggleston, die Nationalhymne der USA musikalisch zu verschönern. Die Frage bleibt: Hat er die Idee bei Franky geklaut? Oder Franky bei Rushad abgekupfert? Der Unterschied: Rushad gelingt es, mit der Wasser befeuchteten Zunge seinem Cello zauberhafte Klänge zu entlocken, die sogar Wolff selten gelingen dürften. (Anmerkung: dies geschieht in der 13. Minute des Rushad-Filmchens). Es besteht also noch Lernbedarf!