SDS

Sozialistischer Deutscher Studentenbund (SDS), gegründet 1946, Selbstauflösung am 21. März 1970

Der Sozialistische Deutsche Studentenbund (SDS) besteht in der Bundesrepublik und West-Berlin von 1946 bis 1970 als politischer Studentenverband.

Anfangs ist er der Hochschulverband der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands (SPD), bis sich im Mai 1960 der Sozialdemokratische Hochschulbund (SHB) von ihm abspaltet. Im November 1961 kappt die SPD seine Verbindungen zum SDS. Bis zu seiner Selbstauflösung am 21. März 1970 agiert er als sozialistische Hochschulorganisation und versteht sich als Teil der Außerparlamentarischen Opposition (APO), die einen antiautoritären Sozialismus vertritt.

Sozialistischer Deutscher Studentenbund (SDS)
Geschichte des SDS: Der Sozialistische Deutsche Studentenbund 1946-1970
Bildergebnis für sozialistischer deutscher studentenbund (sds)

In der „Neuen Kritik“, dem Publikationsorgan des SDS, bezieht sich der Verband in der Novemberausgabe 1967, Heft 44, S. 15 – 28,  auf die „Berliner Hochschulresolution vom Januar 1967„. Es sei seine Aufgabe,  modellhaft eine „antiinstitutionelle“ Politik an der Hochschule weiterzuentwickeln.

In Kurzform kann dieses wortgewaltige Handlungsprogramm in 10 Thesen zusammen gefasst werden:

  • 1. Die Hochschulrevolte bereitet auf den Kampf der Arbeiterklasse vor.
  • 2. Die Emanzipation der Studenten zu einer revolutionären Schicht ist für die Strategie des revolutionären Kampfes der Arbeiterklasse ein wesentlicher Faktor.
  • 3. Die Auseinandersetzungen in der Hochschule müssen stets darauf gerichtet sein, sich bei einem relevanten Teil der Studenten ein solidarisches sozialistisches Bewusstsein zu entwickeln.
  • 4. An den Universitäten muss die oppositionelle Bewegung von den SDS – Gruppen mit den Studenten so gefördert werden, dass eine Kritische Universität entsteht. In ihr wird die Trennung von Theorie und Praxis aufgehoben. Dies ist dann der Ort, an der die Schulungsarbeit des SDS stattfinden kann.
  • 5. In der Hochschule müssen Konflikte provoziert werden, um die irrational gewordene Autorität zu entlarven.
  • 6. Alle Aktionen müssen zu einer breiten Front der Studentenschaft führen. Die Kritik an Universität muss durch demokratische Massenaktion auf dem Campus vollzogen werden.
  • 7. Öffentlichkeit kann nur durch politische Massenaktionen der Studentenschaft auf dem Campus geschaffen werden
  • 8. Die Verstrickung der universitären Administration in die Auseinandersetzung ist eine notwendige Bedingung für das politische Lernen der Studenten.
  • 9. Der offensive politische Kampf der Studenten an der Hochschule kann schwere hochschulpolitische Auseinandersetzungen hervorbringen. In ihnen gibt sich die universitäre Administration offen als direktes Organ der staatlichen Institutionen zu erkennen.
  • 10. Damit werden sie zu Solidaritätsaktionen für den Kampf der Arbeiterklasse befähigt. Nur so kann das Ressentiment der Arbeiterklasse gegenüber Studenten überwunden werden.

Im originalen Volltext sind diese 10 Thesen kunstvoll versteckt:

„Der SDS, die konsequenteste Gruppe in der oppositionellen Studentenbewegung, muß die weitertreibenden Momente, die sich in der jüngsten Phase der oppositionellen Auseinandersetzung der Studenten gezeigt haben, erkennen und praktisch herausarbeiten. – Die zunehmende Bedeutung der Produktivkraft Wissenschaft für die Reproduktion der bürgerlichen Produktionsweise und die Funktion, die die weitere Entfaltung der Hochschulrevolte für den Kampf der Arbeiterklasse hat und noch erhalten kann, bestätigen und konkretisieren die Formel, daß der SDS ‘insgesamt so stark wie an der Hochschule’ ist, und stellen dem SDS die Aufgabe, seine modellhafte antiinstitutionelle Politik an der Hochschule weiterzuentwickeln. – Für diese Politik gelten die vier Bedingungen, die die Berliner Hochschulresolution vom Januar 1967 nennt:
1.Bedingung:
Der SDS kann sich weder mit den Institutionen (Studentenvertretung, Kommissionen, etc. ) kritiklos identifizieren, noch kann er aus Furcht vor Integration es ablehnen, in diesen zu arbeiten. Vielmehr kann erst die Arbeit in den Institutionen den Widerspruch zwischen dem wissenschaftlichen und demokratischen Anspruch der Universität und ihrer Wirklichkeit in die Konflikte verwandeln, in denen sich die irrational gewordene Autorität selbst entlarvt.
2. Bedingung:
Da es konstitutives Moment einer solchen Politik ist, Ergebnisse theoretischer Kritik zum Gegenstand praktischer Erfahrung zu machen, müssen sich alle Aktionen aus der Krise der Universität entwickeln und mit einer möglichst breiten Front der Studentenschaft geführt werden. Die praktische Kritik der Institutionen in Universität und Gesellschaft unter der Perspektive ihrer Negation kann sich nur als öffentliche Kritik durch demokratische Massenaktion auf dem Campus vollziehen.
3. Bedingung:
Die durch das Studentenparlament und die Institutsvertretungen allein nicht herzustellende Öffentlichkeit kann nur durch politische Massenaktionen der Studentenschaft auf dem Campus geschaffen werden. Diese Form der Öffentlichkeit ist unerläßliches Element des politischen Lernprozesses, der die Selbsttätigkeit der Studenten zum Ziel hat, und ist Bedingung für die Möglichkeit der Weiterarbeit in den Institutionen.
4. Bedingung:
Die inhaltliche Ausarbeitung dieser Politik muß der gründlichen Diskussion unseres Verbandes unterliegen. Denn erst ihr öffentlicher Charakter macht sie immun gegen Denunziation und damit unanfällig gegen die Gefahr, den öffentlich auszutragenden Konflikt aus ihrem Zentrum zu verlieren. Deshalb kann eine Politik, die bereits von ihrer Konzeption her den SDS innerhalb der Studentenschaft dadurch isoliert, daß sie nur Minderheit der Studenten ansprechen will, nicht die Möglichkeit unserer Hochschulpolitik ausschöpfen. – Die Auseinandersetzung der Studenten an den Hochschulen der BRD und vor allem West – Berlins während des Sommersemesters 1967 haben diese Politik in drei wichtigen Momenten weiter konkretisiert und damit die Aufgaben des SDS.
1. Entgegen der Einschätzung auf der letzten DK hat sich die hochschulpolitische Auseinandersetzung nicht als für die Entfaltung der oppositionellen Studentenbewegung gleich geeignet erwiesen wie die politische Auseinandersetzung an der Hochschule. Es wäre jedoch ein großer Fehler, diesen politischen Kampf an der Hochschule, der notwendig hochschulpolitische Auseinandersetzungen hervorbringt, nicht in aller Breite als hochschulpolitische Auseinandersetzung zu führen. Denn die Verstrickung der universitären Administration in die Auseinandersetzung und die dadurch ermöglichte überschaubare und resonanzhafte Praxis der oppositionellen Studenten ist immer noch eine notwendige Bedingung für das politische Lernen der Studenten. – Darüber hinaus hat sich gezeigt, daß der offensive politische Kampf der Studenten an der Hochschule hochschulpolitische Auseinandersetzungen von der Schwere hervorbringen kann, daß sich in ihnen die universitäre Administration auch offen als direktes Organ der staatlichen Institutionen zu erkennen gibt. Die dann zustande kommenden formellen Repressionsbündnisse zwischen universitärer und staatlicher Administration setzen die oppositionellen Studenten einer Bedrohung aus, in der sie begreifen, daß ihre Auseinandersetzung in der Klasse der unmittelbaren Produzenten eine Entsprechung finden muß, um weiter bestehen zu können. Die Repressionsmaßnahmen der staatlichen Institutionen und der öffentlichen, wie vor allem der Publikationsmittel, gegen die Studenten sowie die Versuche der oppositionellen Studenten , sich direkt an die Arbeiterklasse zu wenden, lassen die Arbeiterklasse nicht unberührt, auch wenn sich dies zunächst vor allem darin äußert, daß die (z. T. nur zu berechtigten) Ressentiments der Arbeiterklasse gegen die studentische Intelligenz aktualisiert und verstärkt werden. Es ist Aufgabe des SDS, die Auseinandersetzung immer wieder auf diese Höhe zu bringen; denn dies ist eine Voraussetzung dafür, daß sich bei einem relevanten Teil der Studenten ein solidarisches sozialistisches Bewußtsein entwickelt und damit die Befähigung zu den Solidaritätsaktionen für den Kampf der Arbeiterklasse, mit denen die Studenten das Ressentiment der Arbeiterklasse überwinden können.
2. Seit dem SS 66 wurde im SDS verstärkt der Plan diskutiert, die bürgerliche Universität mit einer demokratischen und kritischen Gegenuniversität zu konfrontieren. Die z. T. pathologischen Züge, die diese Diskussion aufwies, hatten ihre Ursache darin, daß die Praxis der oppositionellen Studentenbewegung noch nicht das in dieser Diskussion vorausgesetzte Stadium erreicht hatte, in dem die oppositionellen Studenten selbst den Mangel, für ihre Auseinandersetzung nicht theoretisch ausgebildet zu sein, als praktisches Hemmnis bemerken. Erst das in der politischen Auseinandersetzung entstehende praktische Bedürfnis einer relevanten Zahl von Studenten, die theoretische Kritik der Gesellschaft sich anzueignen, macht die Gegenuniversität dagegen gefeit, entweder die bestehende Universität von der Position der bürgerlichen oder gar halbaristrokratischen Bildungskonsumenten her zu negieren oder aber von einer dogmatisch – sozialistischen Position her, für die sozialistische Theorie auch jenseits der Praxis wie ein weltanschauliches System angeeignet werden kann. Nur die Negation der bestehenden Universität entspricht dem wirklichen Widerspruch bürgerlicher Wissenschaft, die ihren unpolitischen, praxisfremden Charakter kritisiert. Entsprechend formuliert das provisorische Verzeichnis der Kritischen Universität der West – Berliner Fach – und Hochschulen die drei Hauptaufgaben der Kritischen Universität:
a) ‘Permanente Hochschulpolitik und praktische Studienreform,
b) Verbreiterung und Intensivierung politischer Praxis (. . . ) mit Hilfe wissenschaftlicher Analyse und Kritik,
c) Vorbereitung der Studenten auf die Praxis der Wissenschafts – und Gesellschaftspolitik in ihren künftigen Berufen (. . . )’ – Der SDS muß sich deswegen davor hüten, auch an solchen Universitäten Kritische Universitäten aus dem Boden stampfen zu wollen, an denen die oppositionelle Praxis noch so wenig entwickelt ist, daß dies Unternehmen notwendig lediglich konsumhafte Bildungsbedürfnissen oder dogmatischer Schulungsarbeit genügen wird. Vielmehr ist an diesen Universitäten die oppositionelle Bewegung von den SDS – Gruppen mit den Studenten so zu entwickeln, daß eine Kritische Universität, indem sie aus der Praxis entspringenden theoretischen Bedürfnissen entspricht, darin zur wirklichen Negation der bürgerlichen Universität wird, daß sie die Trennung von Theorie und Praxis aufzuheben beginnt. Wenn dies gelingt, wird auch die Schulungsarbeit des SDS an der Kritischen Universität stattfinden können.
3. Den dem Mord an Benno Ohnesorg vorausgehenden und nachfolgenden Repressionsversuchen der staatlichen und öffentlichen Institutionen begegneten die oppositionellen Studenten, vor allem in West – Berlin, mit der Bildung von Komitees, in denen die Studentenschaft in der Organisation ihrer Auseinandersetzung über die herkömmliche Organisation durch Studentenvertretung und – verbände hinausging. Mit diesen Komitees entrissen die oppositionellen Studenten den staatlichen und öffentlichen Institutionen einige der diesen exklusiv vorbehaltenen Funktionen (Untersuchung der Vorfälle, Unterrichtung der Öffentlichkeit, Übernahme der Universität für eineinhalb Wochen), um der beabsichtigten Zerschlagung der studentischen Bewegung vorzubeugen. Die Komitees, die rätselhaften Charakter aufwiesen, bewährten sich zunächst zur Verbreiterung und Vertiefung der studentischen Bewegung, auch wenn sie z. T. erhebliche Fehler begingen. Denn ihr über die bestehenden studentischen Organisationen hinausgehender Charakter lag darin, in ihrer konkreten Flexibilität gegenüber der tatsächlichen Zusammensetzung der oppositionellen studentischen Bewegung auch Studenten, die weder organisiert noch Amtsträger waren, Möglichkeiten aktiven politischen Lernens zu bieten. Diese Tätigkeit unorganisierter und oft theoretisch wenig beschlagener Studenten brachte, neben ihrer unmittelbaren gegen die Angriffe der Administration gerichteten Funktion, die Bewegung vor allem dadurch einen Schritt voran, daß sie das (unter 2. näher bestimmte) praktische Bedürfnis nach theoretischer Ausbildung wesentlich mithervorgebracht hat und damit die entscheidende Bedingung für die Kritische Universität. – Andererseits zeigte sich, daß diese Komitees in dem Augenblick zu lediglich ihre Existenz reproduzierenden geschaftshuberischen Institutionen verkamen, als ihre in der konkreten Auseinandersetzung bestimmte Funktionen durch die Weiterentwicklung der Auseinandersetzung obsolet wurde. Die Bewegung der Studenten selbst war noch nicht entwickelt genug, um die Funktion des Komitees den jeweiligen Erfordernissen der Auseinandersetzung entsprechend neu zu bestimmen, bzw. wenn nötig Komitees aufzulösen. – Der SDS muß die in diesen Komiteebildungen enthaltenen Ansätze durch die Entwicklung der oppositionellen studentischen Bewegung nicht allein deshalb weiter herausarbeiten, weil in diesen Ansätzen zu selbsttätiger Übernahme und Organisation gesellschaftlicher Funktionen durch die Studenten die wesentliche Form der Emanzipation der Studenten zu einer revolutionären Schicht enthalten ist, sondern auch, weil die Entwicklung und Konkretisierung dieser rätselhaften Auseinandersetzungsform in der Praxis für die Ausarbeitung der Strategie des revolutionären Kampfes der Arbeiterklasse ein wesentlicher Faktor sein wird. Wenn die oppositionellen Studenten in der Auseinandersetzung zu diesen Formen ihrer Organisierung fortschreiten, muß der SDS seine Aufgabe genau in der Spannung zwischen den Komitees und den mobilisierten Studenten organisatorisch konkretisieren. Die Komitees können nur dann Instrumente und Ausdruck der antiinstitutionell anitkapitalistischen Bewegung sein, wenn es gelingt, die ständig neu zu bestimmende Entsprechung der von den Komitees wahrgenommenen Funktionen und der konsequenten Weiterentwicklung die Bewegung herzustellen. Dies verlangt von der hochschulpolitischen Praxis des SDS eine neue Qualifikation Kontinuität, Konkretisierung der Perspektive und Koordination der Arbeit der einzelnen Genossen in den verschiedenen Gremien der studentischen Bewegung. Von der dazu erforderlichen Weiterentwicklung der Organisation der SDS – Gruppen selbst, die in dieser Resolution nur als Aufgabe formuliert werden kann, hängt es aktuell in entscheidendem Maße ab, ob die studentische Bewegung tatsächlich zu einem wichtigen Faktor für die umfassende Emanzipation der Produzentenklasse werden kann.“

In: „Neue Kritik“, Novemberausgabe 1967, Heft 44, S. 15 – 28,  das sogenannte „Berliner Hochschulresolution vom Januar 1967

Die Rolle des SDSin der Frankfurter Hochschulpolitik und sein Handlungsprogramm

Schon im WS 1967/68 ist frappierend, wie konsequent der Frankfurter SDS, vor allem vertreten durch Krahl, KD Wolff und Frank Wolff, die angekündigte Provokationsstrategie umsetzt. Schon die Vielzahl der Flugblätter, deren Urheber er ist, belegt dies eindrucksvoll. So agitiert der SDS allein in der Zeitspanne Juni 1967 bis Juli 1969 mit über 70 Flugblättern im Bereich der Johann Wolfgang Goethe-Universität. In Abgrenzung zu anderen hochschulpolitischen Gruppierungen versteht er die Mitwirkung in den Organen der Studentenschaft und der Hochschule nur als ein taktisches Mittel, um „den Widerspruch zwischen dem wissenschaftlichen und demokratischen Anspruch der Universität und ihrer Wirklichkeit“ in die Konflikte zu verwandeln, „in denen sich die irrational gewordene Autorität selbst entlarvt“. Die Ergebnisse theoretischer Kritik sind hier unter Führung des SDS zum Gegenstand praktischer Erfahrung zu machen. Alle Aktionen müssen sich aus der Krise der Universität entwickeln und mit einer möglichst breiten Front der Studentenschaft geführt werden. (Neue Kritik, 1. November 1967, Resolution zur Hochschulpolitik, 22. Delegiertenkonferenz des SDS am 3. September 1967). Auf diesem Hintergrund betont zum Beispiel Dutschke als Berliner Funktionär, der SDS sei eine politische Organisation von ständigen Guerillakämpfern, die in der Universität ihre soziale Basis habe, von der aus sie den Kampf gegen die Institutionen führe. (Frankfurter Rundschau vom 6. September 1967, „Dutschke erntet Widerspruch“).

Die 22. ordentliche Delegiertenkonferenz des SDS am 4. September 1967

Vom 4. bis 8. September 1967 findet im Frankfurter Studentenhaus unter der Fahne des Vietcong die 22. ordentliche Delegiertenkonferenz statt, die bundesweit zu diesem Zeitpunkt etwa 2.000 Mitglieder vertritt. Der Kampf gegen das Establishment, die angebliche Manipulation durch die Massenmedien, die Notstandsgesetzgebung und der Vietnamkrieg stehen im Vordergrund. Hochschulpolitische Themen werden nur aufgegriffen, wenn sie geeignet sind, Unruhe in der Hochschule zu stiften. Da Karl-Dietrich Wolff (Kurzbezeichnung: KD Wolff) zum ersten und sein Bruder Frank zum zweiten Bundesvorsitzenden des SDS gewählt wird, befindet sich die formelle Zentrale des SDS in Frankfurt. (Tilmann Fichter, Tilmann; Siegward Lönnendonker, Macht und Ohnmacht der Studenten. Kleine Geschichte des SDS, Seite 27 f.). Das Brüderpaar profiliert sich in den folgenden Auseinandersetzungen an der Hochschule. Es lenkt unmittelbar die Aktionen, agitiert auf teach-ins und steuert zusammen mit Krahl die antiautoritäre Szene.

Die 22. ordentliche Delegiertenkonferenz des SDS am 4. September 1967 aus der Sicht des Diskus

Im Diskus vom 1. Oktober 1967 werden die organisatorischen Konsequenzen der 22. Delegiertenkonferenz umfassend analysiert. Anzumerken ist: Am Ende der Konferenz werden die Brüder Frank Wolff und KD Wolff zu Bundesvorsitzenden gewählt.

Eine der Voraussetzungen zum Verständnis der Situation an der Hochschule ist die Analyse des Verhältnisses von Hochschule und Gesellschaft. Wolfgang Lefèvre wies in seinem hochschulpolitischen Referat während der SDS – Konferenz darauf hin, daß die viel apostrophierte Autonomie und Freiheit der Universität sich erschöpft in Lehrfreiheit der Lehrstuhlinhaber. Darüber hinaus dient die Berufung auf Hochschulautonomie zur Verschleierung der wahren Verhältnisse. Es ist ein Faktum, daß das Interesse des Staates und der Wirtschaftsverbände an einer Rationalisierung der Hochschule und insofern an Hochschulreform sich in der Disziplinierung der technischen Hochschulen längst schon niedergeschlagen hat, und daß die Rationalisierung der traditionellen Studiengänge an den Universitäten entsprechend den gesellschaftlichen Bedürfnissen nur noch eine Frage der Zeit ist. – Die Gründe für das wachsende Interesse der ‘Öffentlichkeit’ an der sofortigen Durchführung der ‘Reform’ liegen darin, daß sich die Versäumnisse der staatlichen Institutionen auf dem Gebiet der Infrastruktur und des Ausbildungswesens im ökonomischen Bereich seit einiger Zeit bemerkbar machen. Die Notwendigkeit, unter dem Druck internationaler Konkurrenz die technologische Weiterentwicklung forciert zu betreiben, sowie die Wachstumskrise der Wirtschaft und die Finanzmisere der Regierung werden gegenüber der Hochschule auf den Nenner gebracht, daß verstärkter Druck zur unmittelbaren Leistungssteigerung ausgeübt wird. Das vom Staat geschaffene Ausbildungssystem, das sich gemessen an den Erfordernissen der technologisch fortgeschrittenen Gesellschaft als unzureichend erweist, wird jetzt vom Staat rationalisiert und ‘leistungsgerechter’ organisiert. – Die Universität spielt innerhalb dieses Formierungsprozesses die Rolle des ausführenden Organs staatlicher Instruktionen, industrieller Interessen. – Die Lage der Studenten nimmt sich desolat aus. Wirkte sich akademische Freiheit im klassischen Sinne dargestellt aus, daß das Interesse der Studenten an den Inhalten der Wissenschaft auf das Erlernen ihr vorgesetzter Stoffquanten begrenzt wurde, ihm darüber hinaus die Illusion gelassen wurde, er könne sein Studium nach selbstgewählten Kriterien gestalten, so wird seit einiger Zeit mehr und mehr klar, daß der Staat die Kontrolle über die Hochschule durch Disziplinierung ausübt. Diese Disziplinierung bezieht sich in gleichem Maße auf die Struktur der Studiengänge wie auf die politische Aktivität oppositionell eingestellter Studenten. – Der Widerstand der Studenten gegen die Formierungsmaßnahmen und die Forderung nach Demokratisierung der Hochschule kann reale Erfolge nur zeitigen, wenn es ihnen gelingt, sich aus der gelehrtenrepublikanischen Isolierung der bisherigen Politik zu befreien und Verbündete bei der Masse der Lohnabhängigen zu finden. Da dies ein Ziel ist, dessen Verwirklichung die Unaufgeklärtheit einer Mehrheit von Studenten über ihre eigene Lage im Wege steht, muß sich die studentische Politik primär darauf konzentrieren, die institutionellen Verhältnisse in Universität und Gesellschaft durchsichtig und transparent zu machen (anti – institutionelle Politik). Diese Politik wird nur dann zur Bildung eines politischen Bewußtseins beitragen können, wenn sie von vornherein sich an die gesamte studentische Öffentlichkeit wendet. Das schließt ein, daß die Arbeit der Studentenvertreter und des SDS als politischer Hochschulgruppe öffentlich sein muß. Das schließt aber auch ein, daß die ‘praktische Kritik der Institution in Universität und Gesellschaft sich nur als öffentliche Kritik durch demokratische Massenaktionen vollziehen kann’ (Lefèvre). Die öffentliche Diskussion der eigenen Strategie und die öffentliche Kritik an universitären und gesellschaftlichen Institutionen ist zugleich die einzige Möglichkeit, den Versuchen von Seiten der Universität und des Staates zu begegnen, die Studentenschaft zu spalten, ‘indem sie politische Tätigkeit und Bewußtsein einer ‘radikalen Minderheit’ zuschieben’ (Lefèvre). Öffentlichkeit ist zugleich ein unerläßliches Element des Lernprozesses, dessen Resultat die politische Selbsttätigkeit der Studenten über den Rahmen der Hochschule hinaus ist. – Die analytische Reflexion der Hochschulerfahrungen im Referat Lefèvres wurde von den Delegierten als factum brutum hingenommen. Eine systematische Diskussion entwickelte sich nicht – obwohl die Ambivalenz von Kriterien wie ‘Modellhaftigkeit der Studentenbewegung für den Kampf der Arbeiterklasse‘ offensichtlich war. – Einen wichtigen Beitrag, der für die strukturelle Entwicklung des SDS von Bedeutung werden könnte, lieferten der Berliner Rudi Dutschke – spätestens seit dem zweiten Juni als ‘Studentenführer’ apostrophiert – und der Frankfurter Hans – Jürgen Krahl (beide im Polizeijargon ‘Rädelsführer’ ). Ihr ‘Organisationsreferat’ war einer der umstrittensten und meistdiskutierten Beiträge auf der Delegiertenkonferenz. Die entscheidenden Auseinandersetzungen über sozialistische Theorie und Strategie fanden an diesem Referat ihre Initialzündung. – Dutschke und Krahl leiteten die Neubestimmung der politischen Position, die nach der Abspaltung des SDS von der SPD notwendig geworden war, aus der historischen Analyse des politisch – ökonomischen System in Westdeutschland resp. Westeuropa her. Dabei bezogen sie sich auf die systemökonomische Analyse des ungarischen Wirtschaftstheoretikers Janossy und seiner Theorie von der objektiven Trendlinie eines Wirtschaftssystems. Die Trendlinie konstituiert sich aus dem Zusammenwirken von Arbeitskräftestruktur und des davon abhängigen technologischen Entwicklungszustandes der Produktionsmittel. Sie abstrahiert von den jeweilig real gegebenen Produktionsbedingungen und stellt somit ein objektiv mögliches Wirtschaftspotential dar. Der Begriff ‘Trendlinie’ wird als objektives Kriterium verwandt, um historisch – analytische Aussagen zu machen über die Entwicklungsrichtung des ökonomischen Systems. – Natürlich kann die Problematik der Systemanalyse hier nur angedeutet werden. Eine systematische Wiedergabe des Referates müßte eine wissenschaftliche Herleitung dieses Begriffs leisten. – Erläutern läßt sich der Begriff am Beispiel des Krieges, durch den zwar die faktischen Produktionsverhältnisse zerstört werden können, nicht aber die eine objektive Möglichkeit darstellende Trendlinie der wirtschaftlichen Entwicklung. – Die Bedingungen für die Möglichkeit eines ungebrochenen wirtschaftlichen Wachstums der Bundesrepublik nach dem 2. Weltkrieg konnten aus mehreren Gründen relativ schnell geschaffen werden. Sie bestanden zum einem im quantitativen Ausgleich der qualitativ nicht beeinträchtigten Arbeitskräftestruktur. Auf dieser Grundlage konnte amerikanisches Kapital, das der Nachkriegswirtschaft zugeführt wurde, in gesteigertem Maße wachstumsfördernd wirken. Dieser Aufstieg konnte anhalten bis zur vollen Ausnützung der vorhandenen Arbeitskräftestruktur und des durch sie realisierten Produktionsprozesses. – Das politische Erscheinungsbild der ökonomischen Entwicklung ist in den Jahren der ‘Aufbauperiode’ gekennzeichnet durch den großen Bewegungs – und Verfügungsspielraum, den die Unternehmer gegenüber dem Staat keine ‘Nachtwächterrolle’ mehr, doch lag es in der Rekonstruktionsperiode im Interesse der staatlichen Institutionen, der ‘Unternehmerinitiative’ den größtmöglichen Spielraum zu lassen. Dies wiederum gab den Unternehmern die Möglichkeit, den Staat durch Druck von Seiten ökonomischer und politischer Interessenverbände zu Subventionen zu zwingen. – Zu Ende der Rekonstruktionsperiode, d. h. zu der Zeit, als die objektive Trendlinie dem faktischen Entwicklungsstand der Produktionsverhältnisse am nächsten kam, erfüllen staatliche Subventionen nicht mehr die Funktion der Beschleunigung des Entwicklungsprozesses, sondern erscheinen als tote Kosten, die zwar Verfallserscheinungen des ökonomischen Systems vorübergehend beheben können, jedoch andererseits die Gefahr der Stagnation vergrößern. Spätestens zu dem Zeitpunkt, als festgestellt werden mußte, daß die Zuwachsrate abnahm, wird das planmäßige Eingreifen des Staates in den ökonomischen Prozeß zur Notwendigkeit. Gleichzeitig aber muß der Staat feststellen, daß das Eigengewicht der Interessenverbände und mächtigen Einzelunternehmen nicht ohne weiteres abgebaut werden kann. So tauchen Begriffe wie ‘Rationalisierung’, ‘Formierung’ und ‘Konzipierte Aktion’ auf. Sie sind zu interpretieren im Rahmen der Versuche des Staatssystems, den Produktionsprozeß als Einheit von Produktion und Zirkulation planmäßig zu beeinflussen. – Die jetzt zunehmende ökonomische Gewaltbefugnis des Staates wird von Dutschke und Krahl als ‘ökonomische Potenz der außerökonomischen Zwangsgewalt’ bezeichnet. – Durch die Verflechtung des Wirtschaftsprozesses mit den Staatsinteressen wird dem Produktionsprozeß eine objektive Komponente beigegeben, die ihn als naturgesetzlich und ergo nicht beeinflußbar erscheinen läßt. Diese scheinhafte, durch staatliche Zwangsgewalt geschützte Objektivität vermittelt sich den unmittelbaren Produzenten (Arbeitern) als faktische Objektivität, die eigenen, nicht veränderbaren Naturgesetzen gehorcht. Damit zugleich verflüchtigt sich der ehemals bestehende Anspruch, bewußten Einfluß auf den Produktionsprozeß auszuüben: die außerökonomische Zwangsgewalt wird von den unmittelbaren Produzenten verinnerlicht. – Der Eingriff außerökonomischer Zwangsgewalt in das ökonomische System vollzieht sich freilich nicht mechanisch und nicht unmittelbar. Er wird vermittelt und zugleich manifestiert durch ein gigantisches Manipualtionssystem. Dieses Manipulationssystem politischer, juristischer und moralischer Natur sichert die Reproduktion der Zirkulation und Produktion dadurch, daß es die Trennung beider Sphären aufhebt. Zugleich greift das Manipulationssystem die Ware Arbeitskraft an: der technische Fortschritt schafft potentiell die Arbeit ab, faktisch aber die Arbeiter. Die Arbeitskraft als Ware wird zersetzt, wenn die Situation eintritt, daß die Herrschenden die Lohnabhängigen ernähren müssen. da prinzipiell die Möglichkeit, seine Arbeitskraft als Ware auf dem Markt zu verdingen, zerstört ist – weil der Arbeitsmarkt selbst nicht mehr existiert (Horkheimer). – Die Funktion der im System selbst verankerten Gewalt, die mögliche Zersetzung der Ware Arbeitskraft, die Aufhebung von Produktions – und Zirkulationssphäre schaffen eine vollkommen neue Situation, von der aus eine Neubestimmung sozialistischer Strategie vorgenommen werden muß: – Aus der totalen Manipulation, die sich fortwährend reproduziert, folgt, daß die Individuen die soziale Wirklichkeit nur mit den manipulativ vermittelten Kategorien erfassen können, was zugleich wiederum Voraussetzung für die Reproduktion der Manipulation ist. Daraus läßt sich auch erklären, weshalb ein Großteil der Systemintegrierten sich vollkommen passiv verhält. – Aus dieser veränderten Ausgangsposition, die sich von traditioneller Analyse darin unterscheidet, daß sie von vornherein ein kritisches Bewußtsein der Lohnabhängigen in Frage stellt, ziehen Dutschke und Krahl praktisch – politische Konsequenzen: – Die politische Arbeit hat zwei Funktionen zu erfüllen. Die aufklärerische und die mobilisierende. Beide sind condito sine qua non einer verbindlichen Arbeit und bedingen sich gegenseitig. Aufklärungsarbeit über die historischen Bedingungen der gegenwärtigen politischen Situation kann niemals abstrakt erfolgen, wenn an der Annahme festgehalten wird, daß die Masse der Lohnabhängigen nicht in der Lage ist, die soziale Wirklichkeit anders als mit aklamatorischen Kategorien zu erfassen. – Krahl und Dutschke bringen die praktisch – politisch zu leistende Arbeit auf den Nenner: ‘Antiinstitutionell’, will heißen: Kampf gegen die Institutionen, die Träger der Manipulation. Dieser Kampf ist – zumindest potentiell – direkt systemgefährdend, weil mit der Manipulation zugleich die Eindimensionalisierung der Gesellschaft fortschritt (Marcuse) und der Kampf gegen Institutionen zugleich die Stützpfeiler des Systems angreift. Er ruft sofort die staatliche Zwangsgewalt auf den Plan. – Durch die Demonstration sinnlicher Gewalt vor den Augen der regungslosen und passiven Massen soll nur das Bedürfnis nach kritischer Aufklärung geweckt werden. – Bei diesem antiinstitutionellen Kampf spielt die Universität eine wichtige Rolle. Die ist – traditionalistisches Relikt – eine Sicherheitszone, in die die staatliche Zwangsgewalt (noch) nicht direkt eingreifen kann. Deshalb kann sie Vorbereitungsfeld für den antiinstitutionellen Kampf sein, muß aber gleichzeitig mit darin einbezogen werden. – Die theoretische Neubestimmung der praktischen Arbeit hat Konsequenzen für die Struktur des SDS. Die neuen Arbeitsformen, wie Dutschke und Krahl sie vorschlagen, erfordern eine unbürokratische, bewegliche Struktur, nicht mehr zu vergleichen mit der traditionellen Struktur von sozialistischen Verbänden. – So ist etwa die Forderung nach politischer Organisierung der wissenschaftlichen Arbeiten von SDS – Mitgliedern, die dem Anspruch der ‘Kritischen Universität’ folgt, nicht realisierbar in der bisherigen Struktur des Studentenverbandes. Deshalb schlagen Dutschke und Krahl die seit langem schon diskutierten Projektgruppen vor, die vermittelnde Instanzen zwischen theoretischer und praktisch – politischer Arbeit sein sollen. Die Verbindlichkeit der Projektgruppen soll sich darin manifestieren, daß sie selbst sich noch gliedern in Zweier – oder Dreier – Gruppen, die die Kontinuität der Arbeit und Kommunikation innerhalb der Projektgruppen garantieren sollen: ‘Die Notwendigkeit der Einheit von Theorie, Taktik und Organisation ließe sich so unserer Meinung nach vermitteln.’ – Eine der praktischen Konsequenzen, die aus der Strategiediskussion hervorgingen, ist die Enteignet – Springer – Kampagne. Die sogenannte ‘Springer – Resolution’ der SDS – DK leitet ihr Aktionsprogramm aus der gesellschaftlich – ökonomischen Analyse der letzten zwanzig Jahre ab. Diese deckt sich weitgehend mit der des Organisationsreferates. Exemplarisch wird hier analysiert, was im Referat allgemein als Manipulationssystem bezeichnet wurde. Am Beispiel der ‘Öffentlichkeit‘ und ihrer fortwährenden Entmündigung sowie am Begriff der ‘öffentlichen Meinung’ und dessen faktischer Bedeutung, läßt sich erweisen, welche Einflußnahme Pressemonopole auf das politische Bewußtsein der Mehrheit haben. – Die Funktion der Öffentlichkeit ‘besteht heute längst nicht mehr in der Widerspiegelung des grundlegenden gesellschaftlichen Konflikts (nämlich Trennung von Arbeit und Kapital), sondern in der funktionalen Beherrschung der Massen, in ihrer Ausrichtung auf die Disziplin kapitalistischer Produktionen.’ – ‘Die demokratische Öffentlichkeit ist zerstört. Die ökonomische Konzentration, Oligopolbildung und Monopolisierungstendenzen in der Presse machen das Grundrecht der Informations – und Meinungsfreiheit zum Exklusivrecht weniger privaten Großverleger.’ – ‘Das Interesse (der ‘Öffentlichkeit’ ) an den öffentlichen Angelegenheiten wird zum Vehikel der Entmündigung verkehrt.’ – Die Funktion der Kritik an der Monopolisierung der Meinungsbildungsinstitutionen soll sein, strukturelle Veränderungsmöglichkeiten aufzuweisen. Dies sind: – ‘Befreiung der Presse vom Meinungsmonopol und vom Diktat des Profitinteresses durch ihre Entflechtung und Überführung in öffentliches Eigentum und demokratische Kontrolle. – Unabhängigkeit der Presse, des Rundfunks und Fernsehens von der öffentlichen Gewalt und die Garantie ihrer Kritikfähigkeit gegenüber deren Instanzen. – Materielle und juristische Verankerung des Rechts für jede politisch, sozial oder kulturelle relevante und demokratische Gruppe, in der ihr angemessenen Weise, unabhängig von wirtschaftlicher Beschränkung, ihre Forderung zu artikulieren und ihre Auffassung zu publizieren.’ – Der Aktionsrahmen der Kampagne verdeutlicht sich in dem Sechs – Punkte – Programm der Resolution, von dem hier nur einige aufgeführt werden sollen: – ‘Diese Kampagne wird das Grundrecht auf Freiheit und der Information und Meinungsäußerung demonstrativ über das private Interesse des Springer – Konzerns stellen. Sie wird den realdemokratischen Widerstand gegen das Manipulationswesen organisieren. – Im Rahmen dieser Kampagne wird der SDS in den Zentren des Springer – Konzerns in West – Berlin und der BRD eine koordinierte Aktion demonstrativen Verhinderung der Auslieferung zur Durchbrechung der Manipulation und demonstrativen Verhinderung der Auslieferung unternehmen. – Zur Vorbereitung wird der Bundesvorstand (des SDS) eine zentrale Aktionskonferenz gemeinsam mit anderen oppositionellen Organisationen einberufen.’ – Andere praktisch – politische Konsequenzen aus der theoretischen Diskussion waren die Notstandsresolution Notstandsgesetze und der offenen Brief des SDS an den Deutschen Gewerkschaftsbund, in dem zur Notstandsopposition der Gewerkschaften kritisch Stellung genommen wird. – Die resolutive Unterstützung der Black – Power – Bewegung in den USA und der Dritten Welt sind als Anzeichen dafür zu nehmen, daß der SDS eine konsequente Politik betreiben wird. – Die Neuwahlen der beiden Bundesvorsitzenden am letzten Tag der Delegiertenkonferenz brachten folgendes Ergebnis: – 1. Bundesvorsitzender: Karl – Dietrich Wolff (Freiburg) – 2. Bundesvorsitzender: Frank Wolff (Frankfurt), Bruder von K. – D. Wolff. – Außerdem wurde, erstmalig in der Geschichte des SDS, ein ‘Politkomittee’ gegründet und gewählt, dessen Funktion allgemein in der Diskussion und Festlegung der politischen Linie besteht. – Die Amerikahaus – Demonstranten und die ‘Teufel – Demonstration’ waren für den SDS wichtige Erlebnisse außerhalb der DK, doch hatten sie von vornherein nicht die Funktion der Erfolgskontrolle. – Vielleicht muß noch hinzugefügt werden, daß diese Konferenz, im Unterschied zu manchen vorhergehenden, von den Diskussionen politisch bewußter junger Mitglieder bestimmt wurde.“

Die 23. ordentliche Delegiertenkonferenz vom 12. September bis 16. September 1968

Die nächste ordentliche Delegiertenkonferenz, die vom 12. bis 16. September 1968 ebenfalls im Frankfurter Studentenhaus stattfindet, signalisiert schon das Absterben des Verbandes: Nicht mehr große Ziele stehen zur Debatte, sondern die Frage, welche taktischen Fehler gemacht worden sind, und wie es strategisch weitergehen soll. Unter anderem meldet sich durch Helke Sander der Aktionsrat zur Befreiung der Frauen im SDS zu Wort und Sigrid Rüger wagt den legendären Tomatenwurf. Eine Tomate trifft Hans-Jürgen Krahl.

Hier kann das komplette Protokoll der 23. Delegiertenkonferenz aufgerufen werden!

Die 24. ordentliche Delegiertenkonferenz am 20. November 1968

In den folgenden Wochen gründeten einige „SDS-Frauen“ einen „Weiberrat“ (Sozialistische Frauen Frankfurts), der mit einer spektakulären Flugblattaktion auf dem 24. Delegiertenkongress des SDS in Hannover am 20. November 1968 die Vormacht der Männer im SDS mit der Parole attackierte: „Befreit die sozialistischen Eminenzen von ihren bürgerlichen Schwänzen“.

„Wir machen das maul nicht auf! – wenn wir es doch aufmachen, kommt nichts raus! wenn wir es auflassen, wird es uns gestopft: mit kleinbürgerlichen schwänzen, sozialistischem bumszwang, sozialistischen kindern, liebe, sozialistischer geworfenheit, schwulst, sozialistischer potenter geilheit, sozialistischem ­intellektuellem pathos, sozialistischen lebenshilfen, revolutionärem ­gefummel, sexualrevolutionären argumenten, gesamtgesellschaft­lichem orgasmus, sozialistischem emanzipationsgeseich GELABER! wenn’s uns mal hochkommt, folgt: sozialistisches schulterklopfen, väterliche betulichkeit; dann werden wir ernst genommen, dann sind wir wundersam, erstaunlich, wir werden gelobt, dann dürfen wir an den stammtisch, dann sind wir identisch; dann tippen wir, verteilen flugblätter, malen wandzeitungen, lecken briefmarken: wir werden theoretisch angeturnt! kotzen wir’s aus: sind wir penisneidisch, frustriert, hysterisch, verklemmt, asexuell, lesbisch, frigid, zukurzgekommen, irrational, penisneidisch, lustfeindlich, hart, viril, spitzig, zickig, wir kompensieren, wir überkompensieren, sind penisneidisch, penisneidisch, penisneidisch, penisneidisch, penisneidisch. frauen sind a n d e r s!

Das Ende des SDS

Im März 1970 löst sich der SDS schließlich sang und klanglos auf. Man hat sich politisch nichts mehr zu sagen. Die Aktionen haben ihren Sinn verloren.


SDS Bundesvorstand - Krahl-KD Wolff-Frankf Wolff
Am vorderen Tisch von links nach rechts KD Wolff Krahl Frank Wolff
Am hinteren Tisch mit schwarzem Hemd und Brille Helmut Richter Mitgründer des Verlags Neue Kritik

Die Frauen durften beim SDS die Aschenbecher sauber machen

Spiegel Online Artikel vom 6. November 2021:

Zu radikal – die SPD brach vor genau 60 Jahren mit ihrem Hochschulverband SDS. Inge Jahnke sah das als Glücksfall. Sie erinnert sich an Aufruhr, linke Machos und ein unmoralisches Angebot vom Verfassungsschutz.