Hans-Jürgen Birkholz, SHB

AStA-Vorsitzender Oktober 1967 bis Dezember 1968; seit dem WS 1966/67 Jurastudent, Mitglied der SPD, IG Metall, HU, HSU und des Sozialdemokratischen Hochschulbundes (SHB); seit April 1967 Mitglied des Studentenparlaments.

Bildergebnis für Hans-Jürgen Birkholz
Birkholz mit Horkheimer im Hörsaal
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Nach fünfzig Jahren:

Siehe Interview mit Birkholz: Forschung Frankfurt, 2018, Nr. 1 – Die 68er:

Hans-Jürgen Birkholz, AStA-Vorsitzender an der Goethe-Universität von 1967 bis 1968, erinnert sich an sein ebenso forderndes wie vielfältiges Amt. Er bemängelt die seiner Ansicht nach einseitige Fokussierung vieler Rückblicke auf revolutionsverliebte Theoretiker.

Birkholz in einem Rückschauvideo

Siehe auch:

Der Umweltpreisredner als Kämpfer gegen den Fluglärm! 

Zeitreise eines Asta-Vorsitzenden

Von Polizisten weggeschleppt werden, halbnackt auf Matratzen sitzen und kiffen. Der 68er Hans-Jürgen Birkholz erinnert sich im Historischen Museum an alte Kämpfe. Von Anne Lemhöfer

Frankfurter Rundschau vom 05.06.2008

Und wieder weg, das Bild. „Moment, Moment, wie mach‘ ich das zurück, hallo Sie da drüben, wie krieg ich jetzt den Carlo Schmid wieder auf den Schirm?“ Hans-Jürgen Birkholz winkt einen Security-Menschen herbei; der kommt und zeigt ihm, wie das funktioniert mit den Filmdokumenten und den Monitoren in der 1968-Ausstellung im Historischen Museum.

Hans-Jürgen Birkholz sucht nämlich eigentlich gar nicht Carlo Schmid. Er sucht sich selbst. Birkholz, mit 68 Jahren genauso alt wie das vergangene Jahrhundert im Sommer, um den sich hier alles dreht, war damals Asta-Vorsitzender der Frankfurter Goethe-Universität. Und beim berühmten Go-In in die Vorlesung des Professors und SPD-Abgeordneten Carlo Schmid dabei, als Studenten gegen die Notstandsgesetze protestierten. Birkholz, seit 46 Jahren Sozialdemokrat, sagt aber, er habe Schmid lediglich „abschirmen“ wollen.

Und dann ist das Bild da. „Da, da bin ich!“ Birkholz piekt mit dem Zeigefinger auf die Mattscheibe, wo in Schwarz und Weiß drei Sekunden lang ein junger Mann mit großer Brille und Seitenscheitel neben dem Podium erscheint, und irgendwas ruft und irgendwie winkt. „Ich.“

Es gibt auch ein Bild, da stünde er eigentlich neben Max Horkheimer. Wenn der Fotograf ein bisschen weiter nach links fotografiert hätte. Das Bild hängt recht prominent platziert. Ohne Birkholz. Er tippt auf die kahle Stellwand zwei Zentimeter neben dem Rahmen. „Da – da stand ich.“ Im Frankfurt der Studentenrevolte bewegte sich Birkholz im Zentrum. Im Mittelpunkt stand er nie.

Die Filmsequenz. Die SDS-Berühmtheiten („mit dem Krahl bin ich im Auto immer zu den Demos nach Berlin gefahren“), die Kinderladen-Bilder („Also da hatte ich ja gar nix mit am Hut“), die alten Flugblätter mit all den schreibmaschinengetippten Sätzen, die mit „nieder mit…“ begannen („Dass es nicht nur die Umstürzler, sondern auch Reformer gab damals, das unterschlägt diese Ausstellung völlig“): Hans-Jürgen Birkholz macht an diesem Vormittag eine Zeitreise. Die Exponate, sie sind seine eigene Geschichte. Oder Teile eines Puzzles, in das sein eigenes ’68 passgenau eingebettet ist, weil er bei allem dabei war.

Eine Legende wie Rudi Dutschke, ein Promi wie Daniel Cohn-Bendit, ein Faszinosum wie Rainer Langhans ist der pensionierte städtische Angestellte aus Nauheim im Kreis Groß-Gerau trotzdem nicht geworden. 28 Jahre alt war Birkholz, als all die Bilder entstanden sind, auf denen die Menschen, deren Namen im Gegensatz zu seinem in den Geschichtsbüchern stehen, zu sehen sind.

Wie sie in Megafone brüllen, von Polizisten weggeschleppt werden, halbnackt auf Matratzen sitzen und kiffen. Birkholz war nicht im SDS. Er war im Sozialdemokratischen Hochschulbund (SHB), er war verheiratet, und bewohnte keine Altbau-WG in Frankfurt-Bockenheim – sondern mit seiner Frau eine Dreizimmerwohnung in Rüsselsheim.

Asta besorgt Frauen die Pille

Er sagt, er habe sich immer als Reformer gesehen, nie als Radikaler. Klar war er dabei, als am Tag nach dem Dutschke-Attentat die Auslieferung der Bild-Zeitung verhindert werden sollte. Klar hat er sich bei Demos der Polizei entgegengestellt. Was denn sonst? „Das kann sich heute keiner mehr vorstellen, wie brutal die waren.“ All die Strafanzeigen, die in seiner Rolle als Asta-Chef auf ihn einprasselten – Birkholz hat irgendwann einfach aufgehört zu zählen. Auch deshalb, glaubt der gelernte Lehrer, sei er nie in den Schuldienst übernommen worden. „Ich fiel wohl unter den Radikalenerlass.“

Dabei hat er nie die Gesellschaft umstürzen wollen. Für den gerade freigewordenen Stuhl des Asta-Vorsitzenden hatte Birkholz sich nicht mit Solidaritätsadressen ans maoistische China empfohlen – sondern mit einem ziemlich pragmatischen Vorschlag: Der Asta sollte Studentinnen dabei helfen, sich die Pille zu besorgen. „So wurde ich schlagartig berühmt.“

Wenn man ihn so sieht und hört, wie er seine Worte abwägt, wie er in den drei mitgebrachten Leitz-Ordnern voller 40 Jahre altem, auf lila Matrize gezogenem Asta-Verwaltungskram blättert, dann kann man sich vorstellen, dass er richtig liegt mit seiner Selbsteinschätzung: „Ich war immer gegen Vereinfachungen.“ Politik, findet Birkholz, ist kein Event. Sondern ein stetiger Prozess.

Er ist später weder ins radikale Lager abgedriftet, noch strahlt der Vater von zwei erwachsenen Kindern heute auch nur einen Funken neuer Bürgerlichkeit aus. Ein unermüdlich Engagierter, der fernab jeden Glamours seinen Weg gegangen ist. Egal, ob im Fokus der Geschichte oder nicht. Bürgerinitiative statt K-Gruppe. Lange hat Birkholz als Sprecher der BIs gegen den Flughafenausbau Zehntausende vertreten. Erst kürzlich hat er auf einer Demo in Bonn gesprochen. Es ging um Gentechnik.

Die Rolle des AStA-Vorsitzenden Hans-Jürgen Birkholz

Am  23.01.1968 scheitert der 1. Versuch, Birkholz abzuwählen

Die Vertreter des SDS und der AFS versuchen unter Hinweis auf das Verhalten Birkholz – nämlich Mißachtung des Studentenparlamentsbeschlusses – in der Fragestunde des Senats am 12.1.1968 erneut dessen Abwahl zu erreichen, was bei 12 Ja – Stimmen gegen 11 Nein – Stimmen und 3 Enthaltungen wiederum scheitert. Hingegen tritt der bisherige Parlamentspräsident Klein, der kurz vorher erklärt, er sei nicht mehr SHB – Mitglied, von seinem Amt zurück. Seine Stelle nimmt das AFS – Mitglied Michael Wolf ein. (Niederschrift der Sitzung des Studentenparlaments vom 23.01.1968).

2. Versuch am 11.06.1968, den „revisionistischen“ AStA – Vorsitzende Birkholz abzuwählen – Der SDS probiert, die Macht im Studentenparlament zu übernehmen

Die Frustration über das Scheitern der Aktionen im Zusammenhang mit der 3. Lesung der Notstandsgesetze am 29.05.1968 schlägt sich in der Sitzung des Studentenparlamentes am 11.06.1968 nieder, die von 20.00 Uhr bis 02.25 Uhr dauert. Die im Flugblatt des SDS vom 10.06.1968 angekündigte Rückbesinnung auf Hochschulthemen und die Organisation des Widerstandes innerhalb der Universität legen es nahe, nicht nur Basisgruppen zu bilden, sondern sich umfassender der organisatorischen Möglichkeiten der verfaßten Studentenschaft zu bedienen.

Dies bedeutet vorrangig, den „revisionistischen“ AStA – Vorsitzenden Birkholz, der dem SHB angehört, zu entmachten und seine Position von einem SDSler einnehmen zu lassen, denn der AStA soll zum Zentrum der APO werden. Birkholz, der sich hauptsächlich mit der Administration befaßt habe, könne jedenfalls diese neuen politischen Vorstellungen nicht „artikulieren“. Birkholz wehrt sich zwar mit dem Argument, der SDS sei völlig konzeptionslos, wenn er zwar zu Aktionen greife, diese aber nicht reflektiere. Dies kann seine Abwahl nicht verhindern:

Bei 15 ja – und 9 nein – Stimmen sowie 2 Enthaltungen wählt ihn schließlich nach erregten Diskussionen das Parlament ab. (Protokoll der Sitzung des Studentenparlaments vom 11.06.1968).

Jedoch stellt sich anschließend heraus: Die Abwahl ist nicht wirksam.

 3. Abwahlversuch am 5.12.1968: Thomas Hartmann neuer AStA – Vorsitzender

Ohne größere Diskussion – offenbar hatten sich die Parlamentarier hierauf vorher geeinigt – wählt das Studentenparlament am 5.12.1968 bei 18 Anwesenden mit 15 Ja – Stimmen – darunter mit denjenigen der Fachschaftsvertreter Jura, Medizin, Philosophie und Wirtschaftswissenschaften – bei zwei Enthaltungen Birkholz für die laufende Amtsperiode ab und bestimmen Thomas Hartmann (LSD) mit ebenfalls 15 Stimmen zum neuen AStA – Vorsitzenden.

Zudem beruft es auch für die folgende Amtsperiode (SS 1969 und WS 1969/70) Hartmann als AStA – Vorsitzenden. Lediglich der Parlamentarier Crell merkt kurz an, sie seien es den Sekretärinnen schuldig, Birkholz abzuwählen, der übrigens Verhandlungen über seine Einsetzung als Staatskommissar führe.[1] In der Folgezeit stellt es sich allerdings heraus, daß diese Abstimmungen wegen nachträglich festgestellter Beschlußfähigkeit des Gremiums nicht wirksam sind. Die fünf Fachschaften hatten auf Nachfrage nicht nachweisen können, daß sie ihre Vertreter ordnungsgemäß in das Studentenparlament gewählt hatten. Damit mußten diese fünf Vertreter als nicht anwesend behandelt werden, so daß das Quorum um 2 Mitglieder unterschritten war. Der Rektor als untere Rechtsaufsichtsbehörde zieht hieraus mit einer Verfügung vom 24.3.1969 die rechtliche Konsequenz und stellt die Rechtswidrigkeit der Abwahl Birkholz und die Wahl Hartmanns fest.[2] Im übrigen beschäftigt sich das Gremium mit einem Sammelsurium von eher absonderlichen Tagesordnungspunkten. Unter anderem beschließt man, den existierenden Studentenkindergarten antiautoritär umzugestalten und ihn einem Aktionsrat zur Befreiung von Frauen anzuvertrauen. Auch regt einer der Parlamentarier an, das alljährlich stattfindende Quartier Latin nunmehr zu politisieren. Oder Döbel bemängelt – eher ironisierend – die Tatsache, daß der studentische Schnelldienst jobsuchende Studenten als Nikoläuse vermittle.

[1] Niederschrift>05.12.1968>>Studentenparlament Sitzung: Abwahl Birkholz und Wahl AStA-Vorsitzender (Hartmann), usw

[2] Niederschrift>05.12.1968>>Studentenparlament Sitzung: Abwahl Birkholz und Wahl AStA-Vorsitzender (Hartmann), usw