Ereignisse

Die Vielfältigkeit der Ereignisse

Hervorzuhebende Ereignisse negativer Art, die unmittelbar die Hochschule betreffen, sind Eingriffe in Lehrveranstaltungen, Besetzungsaktionen, Sachbeschädigungen, Brandstiftungen, Einbrüche, Schlägereien (=Körperverletzungen) und ähnliches. Diese 166 erfassten Geschehnisse werden aus der Sicht der Universitätsleitung unter dem Begriff Störungen subsumiert. Zu einem eher geringen Teil – nämlich in 36 Fällen – lösen sie Strafanzeigen aus.

Nur einige wenige Betroffene melden sich

Allerdings ist in diesem Kontext unbedingt zu berücksichtigen: Störungen der Lehrveranstaltungen – dies bestätigt die Erfahrung – zeigt ein Veranstaltungsleiter eher selten an. Es können deswegen lediglich 40 Berichte von 24 Veranstaltungsleitern (Adorno, Bauer, Bernhardt, Blind, Coing, Dembowski, Erler, Gilles, Herde, Kippert, Kohlmann, Kornblum, Köthe, Liebrucks, Lindauer, Martienssen, Preiser, Ried, Sauermann, Schiedermair, Schubert, Stern, Stummel, Süllwold) präsentiert werden:

  1. Bericht>17.01.1968>>Bernhardt: Störung Staatsrechtsvorlesung
  2. Bericht>08.07.1968>>Prof.Martin Stern: Über Störungen Expressionismus-Vorlesung
  3. Bericht>08.07.1968>>Prof.Martin Stern: Über Störungen Expressionismus-Vorlesung
  4. Bericht>29.11.1968>>Erler an Kultusminister: Über Vorlesungsstörungen
  5. Bericht>02.12.1968>>Lindauer an Rektor: Protest gegen Umfunktionierung seiner Vorlesung
  6. Bericht>03.12.1968>>Erler an Rektor: Darstellung der Störung seiner Vorlesung „Einführung in die Rechtswissenschaft”
  7. Bericht>04.12.1968>>Coing an Kultusminister: Vorlesungsstörung am 04.12.1968
  8. Bericht>05.12.1968>>Gilles und Nicklisch an Rektor: Über Go In Vorlesung Schiedermair am selben Tag
  9. Bericht>06.12.1968>>Bauer an Kultusminister: Über Vorlesungsstörung am selben Tag
  10. Bericht>06.12.1968>>Dembowski an Kultusminister: Über Vorlesungsstörung am selben Tag
  11. Bericht>06.12.1968>>Martienssen an Kultusminister: Über Störung Schülervorlesung Physikalischer Verein 05.12.1968
  12. Bericht>11.12.1968>>Liebrucks an Dekan Philosophische Fakultät: Über Vorlesungsstörungen 28.11. – 10.12.1968
  13. Bericht>11.12.1968>>Schubert an Dekan Philosophische Fakultät: Über Proseminarstörung am selben Tag
  14. Bericht>16.12.1968>>Süllwold an Kultusminister: Über Vorlesungsstörungen am selben Tag
  15. Bericht>07.01.1969>>Süllwold an Kultusminister: Über Störung Seminar 07.01.1969
  16. Bericht>11.01.1969>>Kippert an Rektor: Über Vorlesungsstörungen
  17. Bericht>11.01.1969>>Kippert: Störungen Seminar Soziologie der Erziehung 6. und 11.1.1969
  18. Bericht>17.01.1969>>Dembowski an Rektor: Über Vorlesungsstörungen am 16.01.1969
  19. Bericht>21.01.1969>>Dembowski an Rektor: Über Vorlesungsstörung am selben Tag
  20. Bericht>24.01.1969>>Stummel: Vorlesungsstörungen am 13./22.01.1969
  21. Bericht>24.01.1969>>Dembowski an Rektor: Über Vorlesungsstörungen 23. und 24.01.1969
  22. Bericht>24.01.1969>>Köthe an Rektor: Über Vorlesungsstörungen 18.und .21.01.1969
  23. Bericht>03.02.1969>>Kippert an Vorsitzenden Rat AfE: Über Vorlesungsstörung am selben Tag
  24. Bericht>06.02.1969>>Schiedermair an Rektor: Über Störung seiner Vorlesung am 04.02.1969
  25. Bericht>22.04.1969>>Sauermann an Rektor: Über Vorle­sungsstörungen am selben Tag
  26. Bericht>23.04.1969>>Liebrucks an Kultusminister: Über Abbruch von zwei Seminaren und Schließung der Räume Philoso­phisches Seminars
  27. Bericht>24.04.1969>>Adorno an Kultusminister: Über Ab­bruch der Vorlesung und des Hauptseminars
  28. Bericht>29.04.1969>>Sauermann an Hessischen Kultusminister: Über Abbruch Lehrveranstaltung
  29. Bericht>12.05.1969>>Demeretz (Privatdozent Dr.Kornblum): Über Störungen Klausur Bürgerliches Recht für Anfänger am 28.04.1969
  30. Bericht>13.05.1969>>Blind an Hessischen Kultusminister: Über Brand im Übungsraum 443, Statistisches Seminar, 29.04.1969
  31. Bericht>16.05.1969>>Dekan Philosophische Fakultät an Rektor: Über Abbruch Klausur Vordiplom Soziologie am 12.05.1969
  32. Bericht>16.05.1969>>Professor Schubert an Hessischen Kultusminister: Über Abbruch Seminar „Die konstitutionelle Monarchie des 19. Jahrhunderts.“
  33. Bericht>25.05.1969>>Kohlmann Störung Vorlesung „Strafrecht beson­derer Teil
  34. Bericht>02.06.1969>>Sauermann:Störungen seiner Vorlesung sowie Übung „Allgemeine Volkswirtschaftslehre“ im SS 1969
  35. Bericht>13.06.1969>>Adorno an Dekan Philosophische Fakultät: Über Vorlesungsstörung 12.06.1969
  36. Bericht>18.06.1969>>Herde an Rektor: Über Lehrveran­staltungsstörungen im SS 1969
  37. Bericht>23.06.1969>>Ried an Rektor: Über Stö­rung Che­misches Praktikum für Mediziner am 20.06.1969
  38. Bericht>24.06.1969>>Preiser an Kultusminister: Über Abbruch Vorlesung 24.06.1969
  39. Bericht>25.06.1969>>Kohlmann: Störung Vorlesung Strafrecht – Besondererer Teil am selben Tag.
  40. Bericht>17.07.1969>>Adorno: Versuch, Vordiplomklausuren Soziologie am 14.07.1969 schreiben zu lassen scheitert

Die Gründe, auf einen Bericht zu verzichten

Ob ein Lehrender über Störungen seiner Vorlesung, seines Seminars oder seiner Übung berichtet, kann von seinem Charakter, seiner Dienstauffassung, seinen didaktischen Vorstellungen, seiner politischen und hochschulpolitischen Einstellung, seiner Interpretation von Recht und Gesetz, seiner Nähe oder Ferne zu „seinen“ Studenten und schließlich von der obkjektiven Intensität des Eingriffs sowie der Agressivität der Aktionisten abhängen. Eines gilt jedoch unbedingt: Für jeden Betroffenen ist es eine ungewöhnliche, eine irritierende und unerwartete Situation, nicht mehr den Gang der eigenen Lehrveranstaltung uneingeschränkt in der Hand zu haben, vom Programm abweichen und nicht selten den Störern endgültig das Feld überlassen zu müssen. Auf Erfahrungen kann nicht zurückgegriffen werden. Letztlich ist jeder auf sich alleingestellt.

Verschiedene Persönlichkeitsprofile sind erkennbar

Der Gelassene

Der Veranstaltungsleiter nimmt den Eingriff von vornherein gelassen hin, läßt sich nicht aus der Ruhe bringen. Er ist eher kaltblütig und abgeklärt. Oder er reagiert gar dickfellig, lethargisch, träge und uninteressiert: Kann die Lehrveranstaltung nicht stattfinden, ist dies für ihn kein Verlust. Er arrangiert sich. Der Ärger wird irgendwann vorbeigehen. Dann sieht man weiter. Wichtig: Der Ärger muss so gering wie möglich gehalten werden. Also wird man die Ereignisse nicht an die große Glocke hängen. Eine schriftliche Schilderung kommt also absolut nicht in Frage. Allerdings wird dieser Typus ohnedies selten Opfer von Aktionen sein, denn Sinn der Aktion ist das Spektakel. Reagiert das Opfer passiv und leistet keinen Widerstand, kann es nicht zum gewünschten Schauspiel kommen. Er stellt sich der Auseinandersetzung, ist bereit zu argumentieren, wenn es möglich ist, und ist in der Lage, sich durchzusetzen, wenn es ihm tunlich erscheint. Ihm gelingt es meist, die Lage in den Griff zu bekommen. Im Extremfall wird er die Lehrveranstaltung erst nach ernsthaftem, aber vergeblichem Bemühen abbrechen. Er allein wird die Probleme lösen. Warum sollte er für eine größere Resonanz durch eine schriftliche Schilderung der Ereignisse sorgen?

Der Charakterschwache

Der Lehrende ist mit Leib und Seele Pädagoge, ist aber eher charakterschwach. Ist das Veranstaltungsprogramm in Gefahr, ist dies für ihn eine Katastrophe. Er reagiert stark emotional, kann gegen ihn gerichtete Angriffe nur schwer bewältigen. Er gerät psychisch aus der Bahn, zieht sich verbittert zurück, ohne reagieren zu können. Er ist hilflos überfordert. Die Erstellung eines Berichts ist für ihn kein Ausweg.

Angst und Opportunismus

Die Bereitschaft, über ein solches Ereignis zu berichten hängt zudem von der psychischen Belastbarkeit oder auch von der politischen Einstellung des Veranstaltungsleiters ab. Sie kann auch von Angst gesteuert sein, im Falle eines Reports, als Zeuge benannt zu werden, vor Gericht aussagen zu müssen und damit als Büttel der Polizei und Justiz diffamiert zu werden. Im Einzelfall kann dem Verzicht schlicht Opportunismus zugrunde liegen, oder das Desinteresse an einer funktionierenden Unterrichtsveranstaltung. Deswegen stellt die folgende Tabelle keineswegs die statistische Wirklichkeit dar. Ihr kann nur relativ ungewiss entnommen werden, in welchen Monaten die Frequenz der Aktionen besonders hoch ist. Insoweit signalisiert die oben dargestellte monatliche Auflagenstärke von Flugblättern zuverlässiger die Spitzenzeiten des Aktionismus.

Die angebliche Legitimation der Aktionisten

Aus der Sicht der Aktionisten sind diese Vorgänge positiv besetzt: Es handelt sich für sie um Notwehr[1], um kollektive Selbsthilfe,[2] um Widerstand gegen die staatliche Zwangsmaschinerie[3], sie dienen der Zerschlagung des bürgerlichen Repressionsapparates[4], sind Reaktion auf repressive Gewalt[5], stellen den Protest fortschrittlicher Studenten dar[6], die sich durch kollektive Aktion befreien[7] oder gar unmittelbar revolutionär kämpfen[8].

Die Auswahl der Dokumente

Von den Quellen, die in dem Dokumentationsband enthalten sind, werden in der vorliegenden Arbeit nur diejenigen berücksichtigt, die für die Darstellung und Auswertung der Ereignisse von besonderer Bedeutung sind. Dem Leser der Dokumentation bleibt es überlassen, nach eigenem Gutdünken unter Einbeziehung des dortigen Personen – und Sachregisters nach eigenem Gutdünken Recherchen anzustellen.